Buchtipps

Die Buchtipps im Oktober

Die Buchtipps im Oktober

Nazis, Wende, Terrorismus, Downgrade - Unsere aktuellen Buchtipps sind alles andere als leichte Kost, aber es lohnt sich

Gregor Sanchez: Alles richtig gemacht

Dem Titel könnte man ein Fragezeichen anfügen – so zumindest klingt der Unterton im neuen Roman des in Schwerin geborenen Autors, der nun passend zu 30 Jahre Wiedervereinigung und dem Kinostart der Verfilmung des Vorgängers „Was gewesen wäre“ in diesem Herbst erschienen ist. 

Hauptprotagonist Thomas Piepenburg kann sich der Frage gleich am Anfang stellen: er ist erfolgreicher Anwalt, lebt in einer Postwende-Glücksgriff-Immobilie in Berlin, seine Frau und die beiden Töchter sind aber aus der ehemaligen Botschaftsvilla ausgezogen und da taucht auch noch ganz plötzlich sein ehemals bester Freund Daniel auf, der damit vielleicht auch irgendwas zu tun hat? Sanders erzählt in Rückblicken von einer Jugend in der ehemaligen DDR, schon bald finden sich die Freunde nach der Wende in der Hauptstadt wieder, eröffnen einen Club, arbeiten in Restaurants und leben mit Freundinnen in WGs zusammen. Die Wege trennen sich, bis eben das Schicksal sie wieder zusammenführt – in scharfen Schnitten erzählt Sander hier von Kunstfälschern, Irlandreisen und Wendeverlierern, von enttäuschter Liebe und erotischen Verwirrungen, vor allem aber von Freundschaft und unterschiedlichen Lebensentwürfen. Am Schluss liegt Daniel im Krankenhaus – warum, das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Autor: Rainer Germann

Direkt beim Verlag bestellen: Penguin Verlag

Pierre Kretz: Verlorene Leben

Linksrheinisch liegt, vom Sundgau im Süden bis zu den Vogesen, das Elsass. Da wächst Ernest Schmitt auf einem Bauernhof auf, kommt ins bischöfliche Knabenseminar, wird aber nicht Priester, sondern, nach dem Ersten Weltkrieg, Jurist – und, als einer, der französisches Recht studiert hat, der beide Sprachen spricht, obwohl katholisch, Anwalt in der Kanzlei seines protestantischen Schwiegervaters in Straßburg. Das könnte ein halbwegs glückliches bürgerliches Leben werden, kämen da nicht die Nazis und mit ihnen der Krieg. Die „germanisieren“ das Elsass, deportieren die Widerständigen, Ernest wird zur Wehrmacht eingezogen – und kehrt 1945 seelisch gebrochen zurück. 

„Verlorene Leben“, das sind die, die anders als die meisten Leute, mit der Geschichte Europas und der Zerrissenheit zwischen den beiden „Erzfeinden“ Deutschland und Frankreich nicht zurechtkamen. Eltern, Nachbarn, Pfarrer, Frau, bester Freund, Schwiegervater … vielstimmig sind die Erzählungen über Ernest, der sich selbst verliert und in ein neues Leben rettet. Pierre Kretz war Anwalt, bevor er sich erfolgreich ganz aufs Schreiben verlegt hat. Einer, der sich auskennt mit Daten und Fakten, dem nichts Menschliches fremd ist. Überraschend. Ein Fundstück. Lesenswert!

Autor: Hermann Barth

Direkt beim Verlag bestellen: Klöpfer, Narr

Sherko Fatah: Schwarzer September

Warum immer SerienBingen, wenn man doch so toll auch gleich wieder lesen kann? Mit „Schwarzer September“ taucht der Deutsch-Iraker Fatah, der schon mit Büchern wie „Das dunkle Schiff“ oder „Ein weißes Land“ dem aktuellen Diskurs über Migration und den politischen Islamismus eine kluge, aufrüttelnde Stimme gegeben hatte, ins Durcheinander der Terrorismusjahre der 70er nach den blutigen Olympia-Anschlägen in München ein. Es ist eine Zeit, in der es sehr schwer fällt, den Überblick zu bewahren. Kampfbereite deutsche Linke wie Theresa, Alexander und Jakob zieht es in den Nahen Osten, um sich dort zu revolutionären Kämpfern ausbilden – und verheizen – zu lassen. 

Gleichzeitig unterwandern immer mehr arabische Zellen die Großstädte des Westens und planen dort Gewaltaktionen, von deren konkreten Details ihnen immer nur Bruchstücke aufgedeckt werden. Vor Ort in Beirut oder Bagdad versuchen zunehmend gar nicht mehr so selbstherrliche Geheimdienstler Quellen anzuzapfen, mitzumischen, mitzusteuern – und laufen ins Leere. Mit großartigem Gespür für bedrohliche Stimmungen, viel Menschen- und Ortskenntnis sowie filmischem Talent saugt der Autor seine Leser in einen Mahlstrom eines Plots, aus dem es keinen lichten Ausweg gibt. Besser als Netflix!

Autor: Rupert Sommer

Direkt beim Verlag bestellen: Luchterhand

Tom Combo: Inneres Lind

Aus der Jugend auschecken ohne erwachsen zu werden. Daran scheitern die meisten. Für Teenies sind Erwachsene der Maßstab, wie man nicht werden will. Eines fiesen Tages merkt man: Fuck! Jetzt bin ich auch so einer. Okay, nicht ganz so krass wie meine Alten, aber auch Lichtjahre vom Damals-Ich. Zurück geht nicht. Nur in einem abgeschlossenen Raum mit weichen Wänden. Und sich damit abzufinden, hieße, beim Jahresgespräch mit dem Über-Ich schuldbewusst einem Downgrade zuzustimmen. Zum Glück sind Menschen mega-originell, wenn sie sich und anderen vormachen, wie kein anderer das Anythinggoes-Prinzip zu verkörpern. 

Tom Combos Figuren-Quartett war mal im Berg-Rad-Underground mit Waldbikepartys und so Gagazeugs. Jetzt malochen sie halbscharig durch das Schweizer Kaff Winterthur. Die alte Freundschaft ist etwas brüchig geworden: „‘Hallo Krüppel’, sagte Gerda, als sie hereinkam und an Patricks Tisch vorbei ging. ‘Hallo Schlampe’, sagte Patrick.” Auch bei weniger knigge-fernen Dialogen wird klar, wie groß die Distanz ist zwischen den Figuren und ihrem gefühlten Möchtegernzustand. Was der Autor auf den Tisch knallt, ist sehr fein getuntes interhumanes Stimmungsbarometering. Wer das so cool macht wie Combo, darf auch den Plot auf den Gepäckträger spannen.

Autor: Jonny Rieder

Direkt beim Verlag bestellen: Verbrecher

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