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Noch mehr Buchtipps im Mai

Cherry, Über Vierzig, Willkommen im Lake Success, Die Verschwundenen

Es ist die Zeit der Aufbrüche und Neuanfänge, zumindest lassen das unsere Buchtipps vermuten

Nico Walker: Cherry

Der Mann sitzt im Knast, haut seine Lebensbeichte in eine alte Schreibmaschine, kotzt sich die Seele aus dem Leib – willkommen in der Welt von Nico Walker, einem Irak-Veteran, (Ex-)Junkie und einer neuen Stimme im amerikanischen Literaturbetrieb, der man zuhören sollte. 

Walker ist kein White Trash Kid, eher mittelmäßiger High School-Schüler und erzählt erst einmal von einer orientierungslosen Jugendphase zwischen Sex und (leichten) Drogen, bisschen Musik und viel Frustration, „als das Leben gerade losging“. Einem falschen Hurra-Patriotismus in George W. Bushs Post 9/11-Amerika aufgesessen, meldet er sich frisch verheiratet zu den Marines, nimmt als Sanitäter an 250 zum Teil lebensgefährlichen Einsätzen im „eroberten“ Irak teil, kehrt traumatisiert zurück, wird schon bald zum Heroin-Junkie und als ihm das Geld ausgeht, beginnt er Banken zu überfallen. Wird schließlich geschnappt, bekommt statt 32 „nur“ 11 Jahre Knast und beginnt auf Anraten eines Verlegers, der über eine Zeitungsmeldung („Soldat wird Bankräuber“) gestolpert ist, zu schreiben. 

Selten wurden Sucht, Liebe, Krieg und das Gefühl der Ohnmacht, in einer desorientierten und verlogenen Gesellschaft zu leben, so eindringlich beschrieben, alles am Limit des Erträglichen. Was Walker an literarischen Fähigkeiten (nur) auf den ersten Blick zu fehlen scheint (obwohl sich Vergleiche mit z.B. Denis Johnson aufdrängen), macht er durch eine manisch-reelle Intension wett, die dem Leser eindringliche Bilder schenkt, die er sicher nicht so schnell vergisst. 

Autor: Rainer Germann

Nico Walker: Cherry, Verlag: Heyne Hardcore
384 Seiten, 22,00€, ISBN: 978-3-453-27197-5

Andreas Kump: Über Vierzig

Wenn’s wirklich heiß wird in der Stadt, dann kleben auch die Gedanken fest. Und mit Alkohol ist nicht mehr allzu viel zu lösen. Es ist wirkliche Sahara-Hitze, die sich über Wien gelegt hat. Und nur im Freibad könnte man’s aushalten. Doch rastlos schiebt sich Roland durch die Stadt, weil er fürchtet, dass jetzt wirklich bald nichts mehr vorangehen könnte – auch in seinem eher unspektakulären IT-Leiter-Leben. 

Ähnliche Blasen lässt die Affenhitze im Gemüt von Pia schlagen, die in ihrer Werbeagentur plötzlich als „Grand Dame“ gilt – und das als Beleidigung empfindet. Aber was soll Mona meinen? Immerhin ist sie studierte Konzeptkünstlerin – und überwacht nun stickige Druckvorgänge im Copy Shop. Oder Lesbos? Er war mal der ganz große Stenz von Linz. Punk-Bassist der ersten Sorte. Und so vergessen, dass nicht mal eine Band-Reunion Sehnsuchtsthema des Sommerabends wird. 

Vielleicht hat ja sogar Tommi den solidesten Lebensweg. Er hat Muskeln, treibt Geld ein, verbreitet Schrecken. Und die Träume? Andreas Kump, vormals selbst als Sänger von Shy einer der Wirbelwinde der wilden Arbeiterstadt Linz, hat sich „Über Vierzig“ viel von der Seele geschrieben. Weil er Ösi ist, hat er Witz. Und das Verklären spart er sich ganz. Weil Punk nie aufhört. Ein frühes Hochsommerbuch. Dazu ein Dosenbier! 

Autor: Rupert Sommer

Andreas Kump: Über Vierzig, Verlag: Milena Verlag
272 Seiten, 24,00€, ISBN: 978-3-903184-33-6

Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success

Wer in den USA nicht mehr weiterweiß, der steigt in den Greyhound-Bus. Barry Cohen, millionenschwere Hedgefonds-Heuschrecke und einer der schlimmsten Protzer in seinem Luxusturm in Manhattan, ist eigentlich kein Typ, der nicht so einfach weiter weiß. Und doch hat auch ihn die Lebenskrise einfach so erwischt. Der zynische Abzocker, der normalerweise nicht mal zuckt, wenn er abgrundtief menschenverachtende Deals abschließt, tut sich plötzlich selbst sehr leid. 

Dass ihn die Börsenaufsicht jagt, ist dabei noch sein kleinstes Problem. Sein eigentlich so wohlausstaffiertes Leben ist aus den Fugen geraten. Seine Frau hat ihn noch nie geliebt. Und sein kleiner Sohn, der offensichtlich in einer sehr privaten Welt gefangen ist, will mit dem plumpen Papa nichts zu tun haben. Geschweige denn selbst einen Weg in Richtung Leistungsverbrecherei einschlagen. 

Also brennt Barry durch. Wie im Film. Er wirft sein Handy und die Kreditkarten weg. Dann kratzt er letzte Groschen für den Überlandbus zusammen. Neben Rednecks und Rassisten zu reisen, sollte ja Augen öffnen. Was Barry immer zügiger entdeckt, ist der banal selbstmitleidige Trump in ihm. Und so wird die Läuterungsfahrt tatsächlich zum Aufklärungstrip durch ein gespaltenes, verwirrtes, wehleidiges Amerika. Zum Glück liest sich das äußerst komisch. Die Wirklichkeit ist traurig genug. 

Autor: Rupert Sommer

Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success, Verlag: Penguin
432 Seiten, 24,00€, ISBN: 978-3-328-60069-5

Antonio Ortuño: Die Verschwundenen

Hossa! Was für goldene Zeiten, die 70s. Mexiko ein einziges Fest. Nachzuhören in Rex Gildos gesungener Reportage Fiesta Mexicana: „... Juanita, Pepe, ja die zwei / sagen noch einmal good-bye / wir machen Fiesta, Fiesta Mexicana / weil das bunte Leben die Liebe zu uns bringt ...“ Ewiger Sommer, ewige Liebe, ewige Hängematte. Und wenn es doch mal regnete, dann Tequila. 

Im Mexiko von heute scheint nicht mal mehr die Sonne. Keinen Bock mehr auf den Scheiß. Korruption, Gewalt, Kartelle, Leichenberge. Um das auszuhalten, leert Rex Gildo täglich sämtliche Tequila-Vorräte in seinem Grab. Antonio Ortuños Roman beäugt den Moloch erstaunlich nüchtern, ohne donwinslowmäßig dem Amputat-Messaging zu frönen. 

Hauptfigur Blanco geht für seinen Chef 15 Jahre in Käfighaltung. Ein alltäglicher Deal innerhalb der Gangster-Allianz aus Bauunternehmern, Behörden, Investoren und Politik. Für die neue Wohnsiedlung wurden No-Lobby-Leute aus ihren Häusern vertrieben, umgelegt, verscharrt. Motto: Der Wert deines Lebens entspricht deinem Kontostand. Neoliberaler geht’s nicht. Und viel trockener, beiläufiger lässt sich das kaum erzählen. Dieser ewige „Kreislauf von Ausbeutung, Demütigung und Unterwürfigkeit.“ Hossa! 

Autor: Jonny Rieder

Antonio Ortuño: Die Verschwundenen, Verlag: Kunstmann
256 Seiten, 20,00€, ISBN: 978-3-95614-285-7

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