Buchtipps

Die ersten Buchtipps im Juni

Unsere Buchtipps im Juni

Mit dieser Lektüre lässt es sich Balkonien besonders gut genießen

David Keenan: Eine Impfung zum Schutz gegen das geisttötende Leben, wie es an der Westküste Schottlands praktiziert wird

Die Randnotiz gleich am Anfang: David Keenan spielte in einer schottischen Gitarrenrockband namens 18 Wheeler – sie waren der Hauptact bei dem Konzert, auf dem die Vorgruppe Oasis von Alan McGee für sein Creation-Label entdeckt wurde. Danach arbeitete er als Redakteur für das Magazin „The Wire“ und betrieb selbst ein Label und einen Plattenladen – der Mann kennt sich also aus. 

Nun hat er seinen ersten Roman vorgelegt und hier bündelt er Erlebnisse und Erfahrungen aus der schottischen Musikszene der frühen Achtziger Jahre anhand einer ungewöhnlichen Biografie, die er einen fiktiven Fanzine-Schreiber über die fiktive Band Memorial Device erzählen lässt. Dieser lässt schräge Weggefährten und die Bandmitglieder zu Wort kommen, wer jetzt an ähnliche Popliteratur (bei ähnlichem Setting) wie in David Ross’ „Schottenrock“ denkt, liegt trotzdem falsch. Keenan ist sprachlich (Deutsch von Conny Lösch) und inhaltlich ganz anders gestimmt, seine Cut Up-Fake-Interview-Texte beleuchten mit diversen Erzählerstimmen eine schräge Welt in der Kleinstadt Airdrie, die im Schatten und in der Nähe von Glasgow eine eigene Musikszene aufbaut. 

Das Abseitige steht hier im Mittelpunkt – die Isolation der Provinz und natürlich Drogen geben Treibstoff für Bands, die eher an Throbbing Gristle als an Teenage Fanclub erinnern. Bei einer Szene mit dem penetrierten Silicon-Busen eines Pornostars wird’s dann auch mal unappetitlich – überhaupt ist Keenans Buch meilenweit entfernt von der üblichen oft etwas verklärten Achtziger Jahre-Nostalgie. 

David Keenan: Eine Impfung, Verlag: Liebeskind
336 Seiten, 22,00€, ISBN: 978-3-95438-099-2

Autor: Rainer Germann

Johanna Alba & Jan Chorin: Jubilate!

Eine Big-Sleep-Attacke auf Giulia, Papst Petrus’ verbales Photoshop für die Newsdealer, weckt den Pater Brown im alten Urbi-et-orbi-Verchecker. Tatort: Familysession. Verdächtig: Giulias Verwandte plus Gesinde. Am Ende fühlt sich die Geschichte weniger kriminell an als arsent. Gelten für Papstkrimis etwa nicht die in Beton gegossenen Gebote der Holy Church of Crime? Du sollst gefälligst morden! 

Das Münchner Autorenduo entlarvt sich als Wiederholungstäter oder -unterlasser. Trotz fehlendem Corpse-Commitment hat das Cliffhangerhopping echte Klasse. Die Party schmeißen ohnehin die schrägen Figuren. Vorneweg Petrus. Ein Griabiger, wie man auf Fossil-Münchnerisch sagt. Einer, den man ganz unetikettös abklatschen könnte: „Was geht, alter Styler? Alles Banane unter der Soutane? Molto Motte in der Kalotte?“ Beim Ermitteln kann Petrus auch Marlowe: prellt die Zeche und klettert in eine fremde Wohnung. Dann Tante Eugenia, die Lover durchzieht, wie Kettenraucher ihre Tschicks. Und Pinguinbitch Immaculata im eiferfunkensprühenden Tugendcombatmodus. Diesmal wenig Rom, viel Countryside. Agatha Christie sei Dank ist die Provinz keine Unschuldslämmchenweide. Nur das Friedefreudezitronentarte-Ende schmeckt arg nach Landlustmagazin. 

Johanna Alba & Jan Chorin: Jubilate!, Verlag: rororo
400 Seiten, 10,00€, ISBN: 978-3-499-27501-2

Autor: Jonny Rieder

Christoph Wagner: Jodelmania. Von den Alpen nach Amerika und darüber hinaus

LAUT yodeln. Von den Alpen bis nach Montana, in Georgien, Norwegen, Kamerun … wird mit überschlagender Stimme gejuchzt, aus Spaß an der Freud oder zwengs der Melancholie. Um die Kühe in den Stall zu rufen, einem Verirrten den Weg zu weisen, böse Geister zu verscheuchen … Zum Festival rund ums Jodeln gibt’s ein Buch (und ab 18. Juli eine Ausstellung im Valentin-Musäum). 

Der leidenschaftliche Musik-Geschichte(n)-Sammler Christoph Wagner hat Archive und Flohmärkte durchstöbert, über Jahrzehnte Interviews geführt und legt einen reich illustrierten Forschungsbericht vor. Die Popularität des „Naturlauts“ startet in der Romantik, als die ersten Tiroler auszogen, um die Bühnen zu erobern. Mit den Auswanderern kam der Alpengesang auf die Volksfeste und Bühnen in der Neuen Welt. Bis dann, in den 1930ern, ganz Amerika dem Jodel-Virus erlag. 

Es geht um Hillbilly, den Bravour-Jodler Franzl Lang, Cindy Lauper, Tarzan, Hank Williams, Hubert von Goisern, Meredith Monk, Erika Stucky, das Joiken bei den Saami, das Beten im 5/4-Takt, das Echo im eigenen Selbst, John Cage. Vielleicht ist’s, ob der Blue Notes, ja doch eine Art Jazz. Cool ist es auf jeden Fall. (Buchvorstellung Do 30.5., in der Monacensia) 

Christoph Wagner: Jodelmania., Verlag: Kunstmann
320 Seiten, 22,00€, ISBN: 978-3-95614-326-7

Autor: Hermann Barth

Boris von Brauchitsch: Das Leben des Leonardo da Vinci

Es liegt in der Natur der allgemeinen Geschwätzigkeit, dass mit großen Jubiläen das eigentlich längst schon zu Ende Diskutierte noch einmal wie eine Infektionswelle übers Land rollt und in vielen Variationen auf das berühmte Karl-Valentin-Zitat („Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen“) in neuen Pusteln aufpoppt. Ganz im Gegensatz zu seinen gern auf verunklarende Sfumato-Effekte setzenden Meisterwerken ist 500 Jahre nach seinem Ableben in Amboise das Leben, Wirken und Schaffen von Leonardo da Vinci nun wirklich gut ausgeleuchtet. Trotzdem muss man ja mitreden. Und dafür empfiehlt sich der knapp gehaltene, angenehm distanzierte Taschenbuchband des Berliner Autors, Kurators und Fotografen von Brauchitsch. 

Im Schweinsgalopp stampft er durch die Vita des genialischen Zausels und referiert ohne Wichtigtuerei den aktuellen Forschungsstand. Was das schmale Werk auszeichnet: Es robbt Leonardo nicht auf Knien hinterher, sondern schildert durchaus süffisant die Schleimspur, die der auf Mäzene angewiesene Toskaner durch Europa zog. Dass der Maler sich verrenkte, um an Aufträge zu kommen, kann man ihm verdenken. Dass er so viele Projekte unvollendet ließ und einfach weiter zog, nicht ganz so gern. Zudem muss auch mal gesagt sein: Das hinterlassene Durcheinander an Einfällen, Skizzen und Schriften fasziniert zwar immer noch, ist aber eben auch über weite Strecken ein ziemlich wirrer Sauhaufen. Süffige Zitate, schöne Abbildung, sauknapp verdichtet: Und das alles in allem zu einem sehr vertretbaren Preis. 

Boris von Brauchitsch: Das Leben des Leonardo da Vinci, Verlag: Insel
253 Seiten, 16,95€, ISBN: 978-3-458-36403-0

Autor: Rupert Sommer

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