Buchtipps

Weitere Buchtipps im Juni 

Der Europäische Frühling, Wie man einen Toaster überlistet, Unter Brüdern, Crazy Rich Asians

Ein erfrischendes Getränk und eins dieser guten Bücher dürfte ein angenehmes Nachmittagsprogramm darstellen

Kaspar Colling Nielsen: Der Europäische Frühling

Kriegsgerät, Überwacher und Dienstleister – Dronen sind bald in der Mitte der Gesellschaft angekommen, 2020 werden allein in Deutschland rund 1,2 Mio. davon unterwegs sein – so lautet die Ankündigung für eine Ausstellung, die gerade in Friedrichshafen eröffnet wurde („Game Of Drones“, Zeppelin Museum, bis 3. November) und sich auch mit der autonomen Funktion der Flugobjekte beschäftigt, sobald sie mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet wären. 

In Kaspar Colling Nielsens faszinierender Erzählung ist es längst soweit: in einer nahen Zukunft (sagen wir übermorgen) herrschen ethnische Auseinandersetzungen in Kopenhagen, integrationsunwillige Migranten werden vom Militär in ein von der dänischen Regierung in Mozambique angemietetes Lager verfrachtet. Eine wohlhabende Kulturelite hat sich auf der Insel Lolland mit Hilfe von philippinischen Wachposten und den eingangs erwähnten Überwachungshelfern eingerichtet, die auch gleich die landwirtschaftlichen und handwerklichen Dienstleistungen in einer nachhaltigen und umweltbewussten Gesellschaft übernehmen. Ähnlich dem französischen Kollegen Houellebecq verschiebt Nielsens seine oft vertrauten, aber künstlerisch überzeichneten Protagonisten auf dem Schachbrett seines Romans zwischen Philosophie, Gesellschaftskritik, Wissenschaft, Pornografie und Science Fiction – aber eigentlich sind es zwei sprechende Tiere, die dank KI hier zu erleuchtenden Erkenntnissen kommen. Klingt verrückt? Absolut lesenswert.

Autor: Rainer Germann

Kaspar Colling Nielsen: Der Europäische Frühling, Verlag: Heyne Hardcore
400 Seiten, 22,00€, ISBN: 978-3-453-27170-8

Cory Doctorow: Wie man einen Toaster überlistet

Yeah, that’s Science Fiction: das Zeittape nur ein bisschen nach vorne gespult. An eine Stelle, die man mit etwas Pech selbst noch erleben könnte. Oder die man schon mit einem Bein betreten hat. Wie man einen Toaster überlistet erzählt vom Alltag im Smart Home. Im Dienste der davon profitierenden Unternehmen kontrolliert und entmündigt es seine Bewohner. Hauptfigur Salima lebt in einer möblierten Sozialwohnung für Flüchtlinge. Als der Hersteller ihrer Küchengeräte abschmiert, verweigern sie ihre Arbeit. Der Toaster erkennt kein Brot mehr, der Geschirrspüler akzeptiert kein Geschirr mehr von Drittanbietern. Klingt banal, ist aber Teil einer groß dimensionierten Demütigungs- und Abhängigmachstrategie, wie sie auch der Dreckskonzern Monsanto mit Samenpatenten praktiziert. 

Es trifft zunächst die Leute ganz unten, deren Wahlmöglichkeiten nur theoretisch existieren. Leute wie Salima. Der Autor hat seinen Figuren Dynamit in die Venen gestopft. Sie wehren sich. Wie Marcus Yallow in Little Brother. Und eben Salima. Die junge Frau recherchiert, hackt die Geräte und hilft den Nachbarn. Liest sich prima und ermutigt, Big fucking Brother den Mittelfinger zu spendieren. Beschwingte Graswurzel-Scifi!

Autor: Jonny Rieder

Cory Doctorow: Wie man einen Toaster überlistet, Verlag: Heyne
176 Seiten, 12,00€, ISBN: 978-3-453-32015-4

John Fante: Unter Brüdern

Padre mio! Henry Molise, 52, ist der Einzige aus seiner italienischen Einwandererfamilie, der den Absprung geschafft hat. Lebt als erfolgreicher Schriftsteller in Kalifornien. Bruder Mario zitiert ihn zurück nach San Elmo. Die Eltern, seit 51 Jahren verheiratet, stehen – wieder mal – vor der Scheidung. Maria hat Lippenstift auf Nicholas‘ Unterhose entdeckt. Der hat, wie immer, ein Riesen-Drama aufgeführt, aber diesmal scheint es ernst zu sein. Henry lässt sich breit schlagen. Als er ankommt, ist von Scheidung keine Rede mehr, dafür wird er sofort mit Beschlag belegt. Der Alte, Maurer und Steinmetz von Beruf, Spieler, Säufer, Schwerenöter und Haustyrann, hat da einen lukrativen Auftrag, für den er eine Hilfskraft braucht: Es geht um den Bau einer Räucherkammer. Widerstand zwecklos. 

Mit zwei Saufkumpanen im Schlepptau wird das Projekt zum absurden Höllentrip, den keiner unbeschadet übersteht. In seinem tragikomischen Roman setzt John Fante einer schier unglaublichen Italianità, mit großen Gefühlen, Drama, Leidenschaften, wie sie bis in die 1970er in den U.S.A. überlebt hatte, ein sagenhaftes Denkmal. Gekonnt neu übersetzt von Michael Kirchert und Kurt Pohl.

Autor: Hermann Barth

John Fante: Unter Brüdern, Verlag: MaroVerlag
224 Seiten, 18,00€, ISBN: 978-3-87512-486-6

Kevin Kwan: Crazy Rich Asians

Der internationale Bestseller-Erfolg endlich auch in Buchform auf Deutsch: Kevin Kwan, der selbst in Singapur zur Welt kam, mit seinen Eltern dann in die USA zog und nur mit einem Debütroman als Vorzeigestück von „Time“ in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten aufgenommen wurde, traut dem Rausch selbst noch nicht so ganz. Sein modernes Aschenputtel-Märchen über die liebenswürdig unverstellte junge US-Wirtschaftsprofessorin Rachel, die bei einem Besuch in der Glitzermetropole in Südostasien alle ihre Theorien über den Turbokapitalismus über den Haufen werfen muss, wirkt wie fast unwirklicher Bling-Bling-Trash. 

So durchgeknallt reich und obszön berechnend ist die Singapur-Elite, von der man im Westen meist genauso wenig weiß wie die unbedarfte Rachel. Eigentlich wollte sie ja nur ihren Lebensgefährten Nick, der selbst aus dieser Welt stammt, auf die Hochzeit eines guten Freundes begleiten. Doch vor Ort stolpert die junge Frau nicht nur in irrwitzige Party-Szenarien. Sie wird auch eiskalt taxiert und als Eindringling abgestempelt, der es angeblich auf Nicks geheimen Superreichtum abgesehen hat. WTF! Liest sich total schrill – wie Jane Austen auf Speed. Und trotzdem klebt man an jeder Seite. „Die Realität ist verrückter“, sagt der Autor. Nach diesem Festbankett von einem Buch glaubt man ihm alles.

Autor: Rupert Sommer

Kevin Kwan: Crazy Rich Asians, Verlag: Kein & Aber
576 Seiten, 20,00€, ISBN: 978-3-0369-5797-5

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