Buchtipps

Die Buchtipps in Juli

"Der kubanische Käser", "Berlin Prepper", "Selfies.", "Strandbad Revolution"

Ob digital oder Jugendfantasie, die Revolution wird in unseren Buchtipps für diesen Monat erträumt und erdacht

Patrick Tschan: Der kubanische Käser

„Das wunderbarliche Leben und Lieben des Noldi Abderhalden“ heißt Patrick Tschans neuester Roman im Untertitel und fürwahr, so „wunderbarlich“ liest sich dieser „erzählerische Höllenritt“, wie ihm auch Kollege Alex Capus im Klappentext bestätigt. Der Schweizer Autor Tschan wurde einem größeren Publikum mit seinem Buch „Polarot“ 2012 bekannt, nun entführt er den Leser in einer witzigen, überborderden, teils Alt-Schweizerdeutsch eingefärbten Sprache in die strenge Welt des Dreißigjährigen Krieges, der auch vor den hohen Bergen und Eidgenossen in Alt-St. Johann nicht haltmacht. 

Im Jahre 1620 gerät eben dieser Abderhalden trunken von Schnaps und Liebeskummer in die Fänge der Anwerber der katholisch-spanischen Armee, der Sechzehnjährige soll zusammen mit seinen Kameraden gegen die Protestanten kämpfen. Bei einem Manöver rettet er einem Kommandanten das Leben, wird als Halbheiliger gefeiert, an den spanischen Hof beordert, von der Inquisition bedroht und nach Kuba ausgeschifft, um dort Rinder zu züchten und Käse herzustellen. Die große Liebe wartet auf ihn in Form einer dunkelhäutigen Schönheit, eine Liebe, die wirklich sehr charmant erzählt, zuletzt auch das Heimweh besiegt. 

Autor: Rainer Germann

Patrick Tschan: Der kubanische Käser, Verlag: Zytglogge
185 Seiten, 29,00CHF, ISBN: 978-3-7296-5005-3

Johannes Groschupf: Berlin Prepper

„Unsere Aufgabe ist es, den Dreck im Internet aufzuräumen. Die Welt sollte wissen, dass wir hier sind.“ The Cleaners (Filmdoku) What a Scheißjob! Dreckfilter an der Trollfront. In 8-plus-x-Stunden-Schichten den Rotz der Hassprolls aus den Kommentaren löschen. Da bleibt immer was hängen. Was macht das mit den Netzraumpflegern? Autor Groschupf variiert den Dokfilm „The Cleaners“ mit ReißerPlot: Ich-Erzähler Noack robottet im „Newsroom“ eines notorischen Troll-Futter-Konzerns, der mit seinen Hetz-Gazetten die Oral-Diarrhö seiner Zero-Brain-Klientel ködert. Click-Sharking. 

Das ist schon ordentlich Butter auf der Schuhsohle, aber Noack ist obendrein Prepper. So ein Vorsorge-Paranoiker. Human Eichhörnchen. Prä-Apokalypse-Pfadfinder. Bunkert Dosen, Kram und Self-Defence-Tools und verbuddelt Survivalpacks in der Hood. Body-Stresstest kriegt er auch noch. Powered by Baseballschläger. Schupfi schenkt seiner Cheffigur ein wie Homerbaby dem alten Odysseus. Smells like Rambo-Exit. Tatsächlich wird’s zum Ende etwas yankeeplottig. So what? Hier wird eine explosive Kiste rasant geliefert. Für den Leser ein fucking Guantanamo-Weekend. Essenziell, um nachzuschmecken, was abgeht in der Kloake um die Ecke. 

Autor: Jonny Rieder

Johannes Groschupf: Berlin Prepper, Verlag: Suhrkamp
236 Seiten, 14,95€, ISBN: 978-3-518-46961-3  

Wolfgang Ullrich: Selfies. Die Rückkehr des öffentlichen Lebens

Iconic Turn. Einst viel beschworen, jetzt, dank der digitalen Möglichkeiten, Realität, können sich Menschen jetzt mit Bildern genauso selbstverständlich ausdrücken wie mit gesprochener oder geschriebener Sprache. Wagenbach widmet den „Digitalen Bildkulturen“ eine neue, feine Reihe. Im Spiegel der Boulevard-Presse und fundamentalistischer Hassprediger*innen sind Selfies Narzissmus pur – und der Tod die gerechte Strafe für soviel maßlose Eitelkeit. 

Aber, ganz im Gegenteil, sind Selfies, über die visuelle Statusmeldung hinaus, Bilder vom Selbstbild, erlauben das Rollenspiel, sind so gut wie nie meditatives Autoportrait (à la Dürer ff.), meist Maske (gern mit Filtern à la MSQRD!), Grimasse, ziemlich künstlich, Inszenierungen – gestaltet im Hinblick darauf, gesehen zu werden. Hans Beltings tolles Buch „Faces. Eine Geschichte des Gesichts“ (2013) lässt da grüßen. Und Aby Warburgs Pathosformel hilft. Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich erkennt und feiert in seinem gut lesbaren Essay das Utopische, das in den Bildern von den Selbstbildern Gestalt annimmt. www.digitale-bildkulturen.de verspricht mehr Material und ein wachsendes Glossar. Gerne mehr davon! 

Autor: Hermann Barth

Wolfgang Ullrich: Selfies. Die Rückkehr des öffentlichen Lebens, Verlag: Wagenbach
80 Seiten, 10,00€, ISBN: 978-3-8031-3683-1

Kurt Palm: Strandbad Revolution

Nein, so schnell war er dann doch nicht, der gute Kurt Palm. Es geht ihm nicht um die hitzebedingten Rempeleien im Michaelibad und noch einmal um den dringenden Appell, die Großzügigkeit der Stadtwerke gegenüber minderjährigen Münchnern auch ordnungsgemäß verbrieft zu bekommen (Sommer-Bäderpass!). Wir kleben in der stickigen Provinz im flachen österreichischen Nirgendwo des Jahres 1972 fest. Die Amerikaner bombardieren Nordvietnam. Der Respekt vor Obrigkeiten schwindet auch im sehr alten Europa. Und der 17-jährige Mick, der eigentlich Ernstl heißt, aber seinem Rolling-Stone-Idol nacheifert, plant mit seinen Spezis die Weltrevolution. 

Konspirative Treffen finden in der Dorfschänke oder natürlich im titelgebenden Freibad statt. Dummerweise stört selbst den stursten Anarchisten dann doch oft das Alltägliche: Frisuren, merkwürdige Textilflecken an peinlichen Stellen sowie überraschungsbedingte Erektionsprobleme hemmen den Lauf der Verschwörungen. Tatsächlich tauchen fremde Wesen, junge begehrenswerte Frauen aus der Fremde in Micks Leben auf. Und mit der Sommeridylle in einer Hitze, die viel zu heiß zum Schlafen ist, ist es natürlich schnell dahin. Kurt Palm, breiter bekannt geworden durch die Regiearbeit bei der TV-Produktion „Phettbergs Nette Leit Show“, macht aus den Teenie-Nöten keine Klamotte, sondern eine schwarzhumorige Revue der Unsicherheiten. Und die nimmt er ernst. 

Autor: Rupert Sommer

Kurt Palm: Strandbad Revolution, Verlag: Deuticke
256 Seiten, 20,00€, ISBN 978-3-552-06337-2

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