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Weitere Buchtipps im Juli

Unsere weiteren Buchtipps im Juli

Bei diesen Temperaturen liest es sich wohl am besten im Schatten, gerade weil diese Buchtipps vor Spannung einheizen

Jung-Hyuk Kim: Dein Schatten ist ein Montag

Der koreanische Autor wird vom Verlag als „ein Hans Dampf in allen Gassen der modernen Welt“ bezeichnet. Interessiert wäre er vor allem an Filmen, Musik und Kulinaristik, er arbeitete bereits als Designer, Cartoonist, Journalist und DJ. 

Nun ist auf Deutsch sein erster Krimi erschienen und allein der Titel verspricht ein ungewöhnliches Vergnügen. Spannungsarm aber humorvoll erzählt Jung-Hyuk vom Leben seines Hauptprotagonisten, dem Privatdetektiv Dongchi Gu, ein ehemaliger Polizist, der mittlerweile als „Deleter“ arbeitet. Wie ein ruhiger Fluss entfaltet sich die Erzählung, die überwiegend in einem übel riechenden Wohn- und Geschäftskomplex angesiedelt ist und deren Bewohner in schön skizzierten Nebenrollen auftreten. Immer wieder kontrastiert der Autor Hard Boiled-Anspielungen mit fernöstlicher Großstadt-Philosophie. Er zeichnet den Detektiv, der gerne Arien hört und nur schwarze Sakkos trägt, im Stil eines Chandlers als einsamen Mann, der aber auch in einem Film von Park Chan-wook durch die neongelben Straßen Seouls streifen könnte. Im Auftrag seiner Klienten vernichtet Gu Hinterlassenschaften, von denen die Nachwelt nichts erfahren sollte: Tagebücher, Briefe, Fotos, vor allem aber Daten und Dateien. Und das kann ziemlich tödlich sein.

Autor: Rainer Germann

Jung-Hyuk Kim: Dein Schatten ist ein Montag, Verlag: Cass
287 Seiten, 20,00€, ISBN: 978-3-944751-20-7

Martin Peichl: Wie man Dinge repariert

Was würde der Ich-Erzähler des liebenswert neurotischen Kann-mich-nicht-entschließenRomans wohl aussehen, wenn man ihn auf einer der Fridays-for-Future-Demos treffen würde? Gut möglich, dass er etwas rehäugig, angemessen nachdenklich über seinen Vollbart hinweg in eine ungewisse Zukunft blicken würde. Ein gemütliches Gösser-Dosenbier hätte er aber auf jeden Fall dabei. Ziemlich lässig schildert der Roman-Debütant Peichl, der aus Niederösterreich stammt, die (oft gar nicht so schlimmen) Nöte eins Mitt-Dreißigers, der eigentlich einen Roman schreiben möchte. Und dann kommen ihm immer wieder die Frauen, das Leben und die Kaltgetränke dazwischen. 

Eigentlich ist das Kreisen ums Schreiben ja schon längst ausgelutscht. Doch dem Beziehungsabenteuerlichen ist ein origineller Kniff gelungen, die Spielerei mit der angeblichen Unfähigkeit, Sinnhaftes zu Papier zu bringen, immer wieder aufzuspießen. So ziehen sich durch das Buch ein Reigen von „Beziehungsstatus“-Updates – tiefsinnige, gerne auch albern-tiefsinnige Lebensweisheiten, die viel darüber erzählen, wie schwer so etwas wie eine Liebesgeschichte zu greifen, geschweige denn zu reparieren ist. „Es gibt die große und es gibt die kleine Liebe“, heißt es da. „So wie es im Wirtshaus ein großes und ein kleines Bier gibt.“ Derlei Sprüche lässt Peichl sogar auf Bierfilzl drucken. Und so einen hätte man gerne. Auch so einen witzigen Saufkumpan.

Autor: Rupert Sommer

Martin Peichl: Wie man Dinge repariert, Verlag: Edition Atelier
160 Seiten, 18,00€ ISBN: 978-3-99065-006-6

Kieran Setiya: Midlife Crisis. Eine philosophische Gebrauchsanweisung

Midlife-Crisis ist die Halbzeitansprache des Unterbewusstseins. Sie verliert sich im Gestern. Und fürchtet das Restprogramm: Copy-paste? Oder geht noch was? Eine schmerzhaft existenzialistische Schwere umnebelt dieses ominöse Gefühl, stark genug die Falltür unter den Füßen zu öffnen. And now? Ignoranz mag eine Tugend sein, wie eine Installation der documenta 14 Passanten zuflüsterte, aber keine psychologische Allzwecksalbe. Kieran Setiya nähert sich dem Monster als Philosoph, aufgescheucht von der eigenen Midlife-Crisis, die ihn im Mustermann-Alter von 35 vermöbelte. 

Elegant und systematisch begrübelt Setiya, was Leuten im MC-Modus die Seele betoniert (Panik vor dem Haltbarkeitsdatum, Endlosschleifen-Déjà-vu aka Murmeltier-Effekt), warum das so ist (Der Fluch der telischen Aktivitäten: das Leben als Serie zielgerichteter Handlungen, deren Sinn verloren geht, sobald sie erledigt sind) und wie sich MCler davon befreien können (durch die Wertschätzung atelischer, also zielloser Aktionen, deren Wert darin besteht, dass sie uns erfüllen, während wir sie ausüben). Schluss mit Projekt-Binging und Selbstoptimierungs- Exzessing! Hier kommt ein unverschämt inspirierendes Buch für alle, die dafür offen sind, Schönheit aus dem Denken und Schauen zu schöpfen.

Autor: Jonny Rieder

Kieran Setiya: Midlife Crisis. Eine philosophische Gebrauchsanweisung, Verlag: Insel
211 Seiten, 18,00€, ISBN: 978-3-458-17788-3

Adele Neuhauser: Ich war mein größter Feind. Autobiografie

„Tatort ist wie Vinyl“ – sagt Adele Neuhauser, die großartige Bibi Fellner in den Wiener Tatorten mit Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). Gerne würde sie mal in einem Film von Almodóvar spielen! Oder von Haneke besetzt werden. Und hat eh‘ schon so viele tolle Sachen gemacht, auf der Bühne, vor der Kamera und im Leben. Die ganz großen seelischen Krisen, mit Suizidversuchen, hat sie, per Beschluss, schon als junge Frau hinter sich gelassen. Und wie sie, im Rückblick, mit sich im Reinen, in großer Offenheit von ihrem Leben seither, ihren tollen Eltern, den Brüdern, ihren Männern, ihrem Sohn ... und von ihrer größten Leidenschaft, der Schauspielerei, erzählt, rückt den bedrohlichen Buchtitel ganz wunderbar in ferne Vergangenheit. 

„Was wir Menschen dringend brauchen, ist die Möglichkeit, Themen, die uns beschäftigen, vielleicht auch beängstigen, mit etwas Abstand, ein paar Meter von uns weggerückt, zu betrachten.“ Besonders spannend: Die Arbeit im Ensemble, die überwältigende und schöne Erfahrung, wenn Theater gelingt. „Wie oft haben wir denn die Chance, einen kollektiven Akt zu erleben, der etwas bedeutet und den man mitnimmt?“ Gutes Buch!

Autor: Hermann Barth

Adele Neuhauser: Ich war mein größter Feind. Autobiografie, Verlag: Piper
224 Seiten, 11,00€, ISBN: 978-3-492-23747-5

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