Buchtipps

Die Buchtipps im Januar

Psychiatrie, Lachsbrötchen, Kriegsveteran

Françoise Sagan: Die dunklen Winkel des Herzens

Es ist einer dieser Romane, wo schon beim Lesen vor dem inneren Auge die Idee einer Verfilmung mitflimmert und bei dem man sich ständig dabei ertappt, welchen bekannten Schauspieler man für welche skurrile Nebenrolle besetzen würde. Zu süffig ist eben das Geschilderte. 

Schön frivol die Konstellationen zwischen gesittetem Gespräch am festlichen Dinner-Tisch und den zerwühlten Lacken des Lotterbetts. Es ist eine schrecklich nette Familie, die man in kurzer Zeit kennen, bemitleiden und verachten lernt. Besonders nahe kommt dabei Ludovic Cresson, der vor einigen Jahren einen schweren Autounfall nur um Haaresbreite überlebt hatte und der danach vorsichtshalber in der Psychiatrie weggesperrt wurde. Nun ist er wieder auf der Piste, und sein Sex-Drive ist ungebremst. Dumm nur, dass seine Gattin Marie-Laure sich längst mit dem LustigeWitwe-Dasein abgefunden hat und Ludovic die Tür zum ehelichen Schlafzimmer vor der Nase zuschlägt. 

Doch das pikante Treiben bekommt Schwung, als ihre lebensfrohe Mutter Fanny, eine attraktive Pariserin, auf dem monströs-eleganten Landschloss in der Touraine aufschlägt. Sie wirbelt nicht nur Ludovics Hormone auf, sondern sorgt auch für Zuckungen beim Familienpatriarchen Henri. Es liegt ein erotisch aufgeladenes Flirren über dem Geschehen. Erzählt wird ge - nüsslich von Begehren, Niedertracht und Verrat. Und seltsam vertraut kommt einem der Ton vor. Genau: Françoise Sagan steckte dahinter. 65 Jahre nach dem Welterfolg „Bonjour tristesse“ hatte nach dem Tod der Autorin ihre Tochter das Manuskript für eine unveröffentlichte Romanskizze gefunden. Nun darf man sie doch noch genießen. Santé!

Autor: Rupert Sommer

Nicolas Verdan: Die Coachin

„Je mehr Gewalt man ausübt, desto mächtiger fühlt man sich. Die akkumulierte Tötungsgewalt erzeugt ein Gefühl des Wachstums, der Kraft, der Macht, der Unverwundbarkeit und der Unsterblichkeit.“ Byung-Chul Hans Ansage über das Wesen des Kapitalismus hängt wie eine Oberleitung über den Gleisen, auf denen Verdans Roman seinem Showdown zurast. Ich-Erzählerin Coraline Salamin scheffelt ihre Lachsbrötchen als Coachin im Moneyworshipcountry Schweiz und ist Mitglied im „komplexfreiesten Club Schweizer Führungskräfte”. Motto: „Arda para subire” („Brenne für deinen Aufstieg”). 

Ihren Klienten – gehorsame Jünger der Gier-Kaste – hilft sie, die letzten Zweifel und Skrupel auszutreiben. Ausbeutungsoptimierung à la carte. Gleichzeitig will Coraline ihren Bruder David rächen. Der ließ sich von einem Zug überfahren, nachdem er wegrationalisiert wurde. Dafür soll Davids Ex-Chef sterben: „Er wird sich umbringen. Und ich werde ihn so weit kriegen, dass er sich umbringt.” Spontandiagnose: Dissoziative Identitätsstörung. Oder ist Coralines Weltbildspagat nur gängiges Survivalprogramm in einem kapitalistischen Megagagakosmos? Von Anfang an hat die Story Tempo, Spannung und Raffinesse – und das, obwohl hier niemand wirklich sympathisch ist.

Autor: Jonny Rieder

Niklas Natt och Dag: 1794

Der Vorgänger „1793“ wurde mit den Gemälden von Hieronymus Bosch verglichen, Denis Scheck fühlte sich „besudelt und beschmutzt“ und lobte diesen „durch und durch herrlichen Schmöker“. Dem aus einer alten schwedischen Adelsfamilie entsprungenen Autor Niklas Natt och Dag gelang mit seiner ungewöhnlich drastischen und in der Schilderung menschlicher und urbaner Abgründe erschreckend detailverliebten Erzählung, eine wahre Mons tro si tät eines historischen Kriminalromans, die man schwer wieder vergisst. Das ist gut so, denn viele seiner Figuren finden sich auch im Nachfolger in den von Unrat strotzenden Gassen eines von Hunger und Suff delirierenden Stockholms ein, wieder sind es unvorstellbare Grausamkeiten, Krankheiten und Perversionen, die sich dem einarmigen Ermittler und traumatisierten Kriegsveteranen Jean Michael Cardell in den Weg stellen. 

Natt och Dag schreibt ein brillant recherchiertes Stück Zeitgeschichte – verhaftet in der drakonischen Rechtsprechung einer Stellvertreterregierung, glimmt hier bereits der Geist der Revolution, die zeitgleich in Paris für rollende Köpfe sorgt. Der Leser verfolgt mit Schrecken eine Tour de Force durch Sklavenhandel, Geheimbünde, Irrenanstalten und Spelunken, versinkt in Fäkalien und unter Leichenbergen – wie gesagt, ein herrlicher Schmöker.

Autor: Rainer Germann

Auch interessant

Buchtipp

Fotografie bewegt

Fotografie bewegt

Hörspiel

Sherlock Holmes neue Fälle - Walk on Waterfalls

Sherlock Holmes neue Fälle - Walk on Waterfalls

Ortsgespräch

Alex Rühle: „Je verrückter, desto besser!“

Alex Rühle: „Je verrückter, desto besser!“

Literatur

Indiebookday 2020

Indiebookday 2020