Buchtipps

Weitere Buchtipps im Februar

Eine Ikone, der Brexit und es splattert fargomäßig

Debbie Harry: Face It (Heyne Hardcore)

Heute setzt sie sich für die Umwelt, Bienen, Menschenrechte und die LGBTQ-Gemeinde ein, zu den Glanzzeiten ihrer Karriere war sie Modeikone und Junkie. Aber vor allem ist Debbie Harry die Sängerin von Blondie und eine Überlebenskünstlerin – wie in ihrer Autobiografie nachzulesen ist.

Die glückliche Kindheit und Jugend in Hawthorne, New Jersey und dann die wilden Jahre im New York

Hinweis: Debbie Harry und Chris Stein sind „In Conversation“ am 13. März in der Muffathalle zu erleben

der Siebziger Jahre – die 13 Jahre währende Liebesbeziehung mit Blondie-Gitarrist Chris Stein steht im Zentrum dieses aufwendig gestalteten Bandes und das oft verklärte Leben an der Lower East Side, heute eines der hippsten Viertel Manhattans, wird hier schonungslos als prekäre Hölle zwischen unbezahlten Gigs, Überfällen, Wohnungsbrand und Stalking beschrieben.

Nicht oft öffnet sich ein Star ihres Kalibers so seinem Publikum – das Wechselspiel zwischen feministischer Grundhaltung als eine erfolgreiche Sängerin in einer Männerwelt, die mit einer Mischung aus Punk, Disco und Pop an Welthits beteiligt war, und einer fast schon gleichmütigen Haltung gegenüber persönlicher Katastrophen wie Heroinsucht und Vergewaltigung, trägt zum Faszinosum der Persönlichkeit Harrys und dieser Lektüre bei. Das Porträt einer Ikone, dessen Gerüst in Interviews mit der berühmten Musikjournalistin Silvie Simmons aufgezeichnet wurde.

Autor: Rainer Germann

Nele Pollatschek: Dear Oxbridge. Liebesbrief an England (Galiani Berlin)

Nach dem Brexit. Mit deutschem Abi, völlig blauäugig, träumte Nele von einem Studienplatz in Oxford oder Cambridge, bewarb sich, wurde zum Test eingeladen – und fiel selbstverständlich durch. Denn wer in Deutschland weiß schon, wie man einen Essay schreibt? Oder hat gelernt „to shine“.

Ehrgeizig, wie sie ist, hat sie es über ein paar strategische Umwege doch geschafft. Studiengebühr bezahlt (9.000 € pro Jahr), sich mit verstopften Klos und erbärmlicher Heizung herumgeschlagen … und tiefe Einblicke gewonnen. Das Essen am College umsonst, die Bibliothek 24 Stunden geöffnet, das Lernpensum für „practical criticism“ – der reine Wahnsinn. Essays schreiben, jetzt kann sie’s! Tolle Kapitel über Toffs, die Stiff Upper Lip, das kranke Health System … In England ist Macht gleich Oxbridge. Die École normale supérieure in Paris ist nichts dagegen.

Hier lernt die „Elite“ das Debattieren, den Klassenhass und die Überzeugung, dass arme Menschen selbst schuld an ihrem Schicksal sind. Margret Thatcher, Boris Johnson, Theresa May, Banker, BBC-ler, Zeitungsmacher … kommen alle aus dem selben Stall. Ein Studien-, ein Kulturvergleich, eine Mentalitätsstudie, eine Ich-Findung, ein Abschied. Hot stuff!

Autor: Hermann Barth

Antti Tuomainen: Klein-Sibirien (Rowohlt)

„Kommt ein Handy geflogen, ...“ So beginnt ein legendärer finnischer Nackt-Karaoke-Evergreen von Pentti Panttalooni. In der Mitte des Songs wangwanghendrixt ein kosmisch karibisches Luftgitarrensolo. Hat jetzt unmittelbar wenig mit diesem Buch zu tun. Aber manchmal ist es wichtig, potenzielle Schmökeristas vorzubereiten. Quasi Warm-up. Von Null auf Finne ist nicht für jedes Hirn, sagt das They-are-fucking-crazy-but-I-like-it-Klischee. Immerhin möglich, dass die Unesco die finnische National-Kauzigness als immaterielles Weltkulturerbe labelt.

In Klein-Sibirien fliegt zwar kein Handy, dafür fällt ein Meteorit in ein Kaff an der Grenze zu Iwanien. Das Ding wiegt eine Million Euro. Damit könnten sich einige der Dorfspinner aus ihrer Bankrottness befreien. Es splattert dann auch schön fargomäßig. Souverän ist die Szene, in der die Hauptfigur Joel, ein Pfaffe, den wortkargen toten Beifahrer von der Rückbank aus am Schal zieht. Für den besoffenen Fahrer wirkt es, als würde sein Beifahrer zustimmend nicken. Insgesamt leider nicht so lustig wie erhofft. Das Ding schlittert mehr so auf der lebensphilosophischen Ebene dahin. Hat auch was. Unerwartet, aber anregend. Und berstend vor Notoptimismus.

Autor: Jonny Rieder

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