Buchtipps

Die Buchtipps im Februar

Drehbücher, eine Möchtegern-Aufsteigerin und Menschenfleisch

Nicolàs Giacobone: Das geschwärzte Notizbuch (Heyne Encore)

Der argentinische Autor schrieb unter anderem die Drehbücher für die Filme „Biutiful“ und „Birdman“, letzteres wurde mit dem Golden Globe und einem Oscar prämiert. In seinem vorliegenden, ersten Roman, blieb Giacobone bei seinen Leisten: sein Hauptprotagonist Pablo Betances wird von dem genialen Regisseur Santiago Salvatierra unter Waffengewalt fünf Jahre im Keller seines Hauses eingekerkert - um Drehbücher zu verfassen. Ziemlich geniale wohlgemerkt, die mitverantwortlich sind für den Weltruhm des Regisseurs, dem „neuen Almodóvar oder Iñárritu“.

Nun soll mit einem dritten Script der künstlerische Zenith in Richtung „Fellini und Bergman“ erklommen werden, doch Pablo schreibt mehr in sein Notiz- wie an dem Drehbuch, erzählt von seiner Kindheit, seiner Mutter, der Liebe zu den Beatles und von dem manischen Regisseur, das ihn bedroht und versorgt, was natürlich zu einem finalen Konflikt führt.

Giacobone versteht es, den Beziehungskrieg zwischen Genie und dem aufkommenden Wahnsinn gekonnt in Worte zu fassen. Leider ermüden ein paar wiederholende Formulierungen, tiefe Einblicke in die Kunst des Drehbuchschreibens und Filmemachens gleichen dies aber gebührend aus.

Autor: Rainer Germann

Marion Messina: Fehlstart (Hanser)

Das große Glücksversprechen, das junge Menschen täglich von Instagram und von den grellen Fernsehshows aus anplärrt, gilt eben doch nicht für jeden. Aurélie war auf den falschen Schulen, und sie hat die falschen Noten. Und mit ihren hart arbeitenden, ehrlich unehrgeizigen Schuster-bleib-bei-deinen-Leisten-Prekariatseltern fehlt ihr der gesellschaftliche Background. Dann ist die gerade mal 19-Jährige auch definitiv in der falschen Stadt aufgewachsen – im verschlafenen Grenoble am Fuße der Berge.

Kein Wunder, dass sie hart auf die Schnauze fällt, als sie es in der vermeintlichen Glitzermetropole Paris doch irgendwie schaffen will. Statt über die Uni auf den Karriereschnellweg der Anderen einzufädeln, landet sie in mies bezahlten Hostessen-Jobs – und bleibt jenseits der Glasdecke. Bestenfalls als Empfangsdame in Billigkostümen kommt sie den Palästen der Mächtigen näher. Dafür muss sie sich durch die Metro und die Vorortzüge boxen. Und der Wohnungsmarkt der kalten Großstadt, die nur Touristen als Stadt der Liebe kennen, ist ein Albtraum.

Mit galliger Bitterkeit, wie man sie aus den Romanen von Virginie Despentes und Michel Houellebecq kennt, erzählt die junge Roman-Debütantin Marion Messina, die selbst aus Grenoble stammt, von einer zunehmend verzweifelten Möchtegern-Aufsteigerin, die im neoliberalen Nahkampf über wenig mehr Kapital verfügt als einen attraktiven Körper. Auch Messina misst einer schwer überhitzten Gesellschaft die Temperatur. Trotzdem bleibt eine weitere Ebene: die Ironie. Aurélie ist aufreizend selbstgerecht, bockig und sucht die Schuld fürs Versagen stets bei anderen. Dann wird sie 20. Noch nicht zu spät für einen zweiten Versuch.

Autor: Rupert Sommer

Agustina Bazterrica: Wie die Schweine (Suhrkamp)

Im James-Bond-Film Moonraker überredet Schurke Hugo Drax seinen Gast James Bond zur Fasanenjagd. Drax: „Schade, dass Sie uns verlassen. Es ist so ein hübscher Sport.“ Bond: „Außer man ist ein Fasan.“ War vermutlich als Witz gedacht. Dabei enthält die Szene ein elementares Kapitel der Ethik: den Perspektivwechsel. Eben darum geht es in diesem monströsen Meisterwerk.

Es spielt wohl in nicht allzu ferner Zukunft. Ein Virus hat Tiere als Fleischlieferanten untauglich gemacht. Jetzt essen Menschen andere Menschen. Sie werden gezüchtet, gemästet, geschlachtet. Wie heute Schweine. Die Autorin lässt nichts aus. Die ganze durchökonomisierte Schlachthoflogistik, die jedem Stück Fleisch vorausgeht, das verzehrt wird – ob Burger, Currywurst oder Salami auf der Pizza: betäuben (mit dem Hammer), enthaupten, ausnehmen, zerstückeln ... Einschließlich der verharmlosenden Sprache.

Im Schatten des Horror-Settings verliert die Handlung an Bedeutung. Stört kaum. Dieses Buch ist so ekelhaft wie notwendig. Menschen müssen offenbar ständig daran erinnert werden, welches Leid ihr ignoranter Lebensstil verursacht. Und dieses Memo ist extrafies. Ein nachhaltiger Tritt in den Magen und ein literarischer Genuss.

Autor: Jonny Rieder

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