Buchtipps

Die Buchtipps im Dezember

Pentagon, Facebook, Zwanziger

Steffen Kopetzky: Propaganda

Im II. Weltkrieg war die amerikanische Propaganda das Sprachrohr der Guten: Wir gegen die Nazis. Rund 25 Jahre später – im Vietnamkrieg – war dieselbe Institution damit betraut, aus vietnamesischen Zivilisten Kriegsverbrecher zu machen und aus amerikanischen Kriegsverbrechern diejenigen, die für das Gute kämpfen, töten und sterben.

 „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.“ (Nietzsche) Das hätte sich Leutnant John Glueck nicht gedacht, als er im II. Weltkrieg als Offizier für psychologische Kriegsführung nach Deutschland kam und erst einmal in der Eifel eine katastrophale Niederlage im Schlamm des Hürtgenwalds erleben musste, bevor die Amerikaner Deutschland überrannten. Wegen seiner deutschen Vorfahren und exzellenter Sprachkenntnisse entkam er dieser Hölle mit über 15.000 Opfern. In Vietnam wird Glueck vollends desillusioniert, von Sinnen ob der Gräuel verunglückt er auf der Flucht in einen Giftsumpf. Das kostet ihn beinah das Leben und trägt ihm eine fürchterliche Hautkrankheit ein. Fortan ist er „snake“. Um sich zu retten, randaliert er bei der Polizei, denn nur im Knast ist er sicher, hat er doch zwischenzeitlich begonnen, mit den Pentagon-Papers die Verbrechen öffentlich zu machen. Klingt nach „ alles schon mal gehört“, ist aber doch so sehr anders und so meisterhaft erzählt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag.

Autor: Martin Welzel

Roberto Simanowski & Ramón Reichert: Sozialmaschine Facebook

Es dauerte nur wenige Jahre, bis sich das Image von Facebook auf den Kopf stellte, vom ArabischerFrühlings-Gärtner zum Trumpolin, also von Luke Skywalker zu Darth fucking Vader oder sogar Imperator Palpatine. Dabei hat sich Facebook selbst nicht wirklich gewandelt. Außer, dass die Bude größer wurde, mächtiger, effizienter und skrupelloser im Organisieren und Verchecken von Nutzerdaten. „Seit seinen Anfängen verfolgte Facebook ein konzernorientiertes Geschäftsmodell der ‘Algorithmic Economy’, um im großen Maßstab soziale und kulturelle Präferenzen für unterschiedliche Aufgabengebiete des ‘Consumer Profiling’ zu modellieren“, schreibt Ramón Reichert. 

Die beiden Autoren und Medienwissenschaftler diskutieren im E-Mail-Ping-Pong-Modus, was das Gefährliche ist am Imperium von Mark Datenberg-Sucker und was schief läuft in einer Gesellschaft, in der solche Situationen entstehen. Dabei geht es nicht nur um Datenschutz. Ähnlich gravierend ist Facebooks Rolle bei der Steuerung von Diskursen und bei der Verlagerung von rationalen Diskussionen zu rein emotionalem, unreflektiertem Zustimmungsknöpfchendrücken. Das kommt sprachlich etwas arg insidermäßig und akademisch daher, geht andererseits wirklich in die Tiefe.

Autor: Jonny Rieder

Zelda Fitzgerald: Himbeeren mit Sahne im Ritz

Noch einmal die halterlosen Seidenstrümpe hochziehen. Das kecke runde Hütchen auf den elegant gelegten Stirnlocken gerade rücken. Und in die Ballhandschuhe geschlüpft. Jetzt noch schnell auf die ersten Charleston-Takte warten – und los geht es mitten hinein in die neuen Roaring Twenties. Man sollte das neue Jahrzehnt mit Stil beginnen. Und Zelda Fitzgerald, die Party-Maus aus den Zwanzigern, ist eine bestens geeignete Begleiterin dafür. Erst im Nachlass hatte man einst die beschwingten, zwischen champagnertrunken euphorisch und melancholisch nachdenklich hin- und herswingenden Erzählungen gefunden, die Manesse in einem edlen Bändchen mit dem leckeren Himbeer-Titel gebündelt hat. Fitzgerald zeichnet darin die großen Träume von mutigen Frauen nach, die alles daran setzen, nicht übersehen zu werden. 

Dafür öffnet sie die großen Übersee-Schrankkoffer mit den Tüllkleidern und gönnt uns schon am Vormittag den ersten prickelnden Cocktail. Es ist eine untergegangene Welt, die nicht erst dank „Babylon Berlin“ plötzlich wieder so präsent wirkt. Bevölkert von Angebern, Blendern, Größenwahnsinnigen und sogar echten Künstlern, die alle gegen einen sich verdüsternden Zeitgeist antanzen. Was die Wiederentdeckung so spannend macht: Zelda Fitzgerald hatte ein atemberaubendes Talent dafür, Stimmungen einzufangen und auf dem bedrohlichen Vulkan zu steppen. Ihr „Great Gatsby“-Gatte F. Scott Fitzgerald erkannte das als erster – und veröffentlichte dreist viele ihrer Stories einfach mal unter seinem Namen. Nun kommen sie endlich wieder an das ausschließlich ihr gebührende Glitzerlicht.

Autor: Rupert Sommer

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