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Die weiteren Buchtipps im April

Mit dieser Auswahl an Neuerscheinungen kommt man gut in den Sommer

James Salli: Willnot

Die titelgebende Kleinstadt an der amerikanischen Westküste bietet die Bühne für eine Gesellschaftsstudie in Krimiform, die Sallis, bekannt geworden durch seinen beim selben Verlag erschienenen Roman „Driver“, hier auflegt. 

Sein Protagonist Lamar Hale ist praktischer Arzt in Willnot, eines Tages wird er zu einer Kiesgrube gerufen. Jäger haben am Waldrand die Überreste einer menschlichen Leiche gefunden, bald stellt sich heraus, dass es sich um ein Massengrab handelt, alle Körper sorgfältig gestapelt. Eine FBI-Agentin taucht auf, um Hale zu befragen und ein traumatisierter Kriegsveteran und Scharfschütze, der in Willnot aufgewachsen ist und jetzt durch die Wälder streift, auch in der Nähe des Massengrabes, sucht seinen Kontakt. Klassische Zutaten für eine „Rough South“-Geschichte im Stil eines Woodrell, Brown oder Pollock, wäre da nicht Sallis’ feine Feder, mehr literarisches Florett als Schwert. 

Schon bald rückt in Sequenzen die Kindheit des Arztes in den Mittelpunkt, Rückblenden und Träume errichten ein mysteriöses Psychogramm, kontrastiert von fürsorglichen Patientenkontakten und der stimmigen Beziehung zu seinem Lebenspartner, die persönliche Akzente in diesem intelligenten Kleinstadtdrama setzen. Ein oft auch sehr berührendes Buch und viel mehr als nur ein weiterer (kluger) Krimi aus dem Land der mittlerweile deutlich begrenzten Möglichkeiten.

Autor: Rainer Germann

James Salli: Willnot, Verlag: Liebeskind
224 Seiten, 20,00€, ISBN: 978-3-95438-102-9

Heinz Bude: Solidarität.

Eine Brise Jurassic Park umweht die Solidarität, wenn sie nun als Buchtitel auftaucht, auferstanden aus einer versunkenen Zeit. Doch wo die Menschheit wieder beherzt in den Abgrund hechtet, gibt es einen soliden Grund, neu über Solidarität nachzudenken. Wie ein soziologischer Picasso zerlegt Autor Heinz Bude den Begriff in seine Bestandteile (historisch, assoziativ, semantisch), setzt ihn neu zusammen, entwindet ihn allzu hohen moralischen Ansprüchen und verteidigt ihn gegen eine „inklusive“ Variante, die „ Solidarität in erster Linie für die Angehörigen der eigenen Gruppe verspricht“. 

Eine engagierte Befragung eines Begriffs in „einer Zeit der enttäuschten Ideologien und der überschätzten Wissenschaft“. Was kann Solidarität? Woher kommt sie? Wen oder was schließt sie ein? Mit seinem Crashtest remastert Bude diese von romantischem Staub zerkratzte Idee, ohne sie beliebig zu machen oder ihr eine thatcherismuskompatible New-Labour-Lackschicht zu verpassen. „Der Begriff der Solidarität beschwört eine Welt, die wir mit anderen Lebewesen teilen. Aber es spielt keine Rolle, was sie sagen oder wie sie mich mit ihren Blicken, ihren Gesten und ihren Berührungen bedrängen. Sie sind da, und ich kann mir nicht vorstellen, wie ich ohne diese vielen Anderen sein könnte.“

Autor: Jonny Rieder

Heinz Bude: Solidarität., Verlag: Hanser
176 Seiten, 19,00€, ISBN: 978-3-446-26184-6

Saša Stanišić: Herkunft

Selbstporträt. „Bin das ich? Sohn meiner Eltern, Enkelsohn meiner Großeltern, Urenkel meiner Urgroßeltern, Kind Jugoslawiens, geflüchtet vor einem Krieg, zufällig nach Deutschland. Vater, Schriftsteller, Figur. Bin das alles ich?“ fragt sich der Ich-Erzähler. „Meine Sonne, meine Freude, mein Esel. Begreif das endlich. Es zählt nicht, wo was ist. Oder woher man ist. Es zählt, wohin du gehst. Und am Ende zählt nicht mal das“, sagt die geliebte Großmutter, die nach Višegrad zurückgekehrt ist, sich in ihren Erinnerungen verliert, mal das elfjährige Mädchen ist, das sie einst war, mal mit ihrem Mann Pedro spricht, wenn ihr Enkel Saša vor ihr steht ... „Ich brauche niemand zu erklären, warum ich dort, wo ich herkomme, nicht mehr bin.“ 

Aufwachsen in Heidelberg. Scham. Ringen mit der fremden Sprache. Nachmittage mit den anderen Migranten-Jungs an der Aral-Tankstelle, im bürgerlichen Ambiente bei der deutschen Freundin. Eichendorff. Boris Becker. Schreiben. Und Abschied – von der Oma, die 2018 stirbt. Und Drachengeschichten. Drachen, die in riesigen, labyrinthischen Höhlen hausen, in den Bergen, hinter Višegrad, nicht weit von Dantes Höllenkreisen. Tolles Buch. Großer Wurf! (Saša Stanišić liest am Mi, 8.5. im Literaturhaus).

Autor: Hermann Barth

Saša Stanišić: Herkunft, Verlag: Luchterhand
360 Seiten, 22,00€, ISBN: 978-3-630-87473-9

Stefan von der Lahr: Hochamt in Neapel

Selbst Literaturprofessoren haben ja längst zugegeben: TV-Serien sind die neuen Romane. Vielschichtigkeit! Welthaltigkeit! Suchtgefahr! Wenn dem so ist, dann steht dieser Kleriker-Krimi für die Mischung aus „Gomorrha“, „Suburra“ und „The Young Pope“. Darüber gestreuselt kann man sich noch ein wenig Dan-Brown-Kulturgut und -Schnitzeljagdschweiß vorstellen. Und doch ist das „Hochamt“ auch wirklich ein großes, ein ernstes, ein beeindruckendes Fest. Dafür steht schon allein die Reputation des Autors, der nicht nur promovierter Althistoriker und Spezialist für antike Poesie, knifflige Inschriften und spätrömische Ränkespiele ist. 

Stefan von der Lahr war selbst lange Lektor im Münchner Beck-Verlag und weiß daher, wie streng man mit Autoren sein muss, denen ihre Phantasie durchzugehen droht. Und so passt bei ihm auch das Schräubchen ins Zahnrädchen sowie das historische Detail ins verkommene Gesamtbild von Neapel und Rom. Mit Blut und Koks macht sich die Mafia schon länger nicht mehr so gerne die Finger schmutzig. Schon gar nicht, wenn man mit gefälschten EU-Zollpapieren, umdeklarierten Medizinschrott sowie dem ganz finsteren In- und Exportgeschäft zwischen Murmansk und Westsahara viel unauffälliger Kohle machen kann. Wenn man dann prunksüchtige korrupte Pfaffen auch noch auf der eigenen Seite hat, kommt lange nichts ans Licht. Spannend wie Netflix. Und stromsparend.

Autor: Rupert Sommer

Stefan von der Lahr: Hochamt in Neapel, Verlag: C.H. Beck
365 Seiten, 19,95€, ISBN: 978-3-406-73133-4

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