Buchtipps

Die Buchtipps im April

Eine Sage in mordernen Zeiten und die Stadt auf dem Wasser im Strudel hinab sind nur zwei der Themen aus unseren aktuellen Buchtipps 

Daniel Mendelsohn: Eine Odyssee

Wenn der Vater mit dem Sohne ... einfach mal eine Irrfahrt unternimmt: Es ist ein mindestens 3000 Jahre alter Mythos und im Kern noch immer eine Familiengeschichte, die auch gut zu einem starrköpfigen, hochbetagten Mathematiker und seinem intellektuell vielleicht etwas vielseitigeren Altphilologen-Filius passt. Und das charmante, wie auf sanften Wellen dahin plätschernde Buch mit dem Untertitel „Mein Vater, ein Epos und ich“ ist ein Volltreffer, wie ihn oft nur die Angelsachsen hinbekommen. Mendelsohn Junior erzählt von einer romanhaften, aber doch offenbar sehr realen Annäherung von Vater und schwulem Sohn, die über viele Jahre aneinander vorbeigeredet haben und sich ganz spät im vom jüngeren Mendelsohn abgehaltenen Homer-Proseminar wiedertreffen. 

Es ist ein bisschen wie bei Telemachos und seinem so lange irrlichternden Erzeuger. Mehr noch: Beflügelt von den gemeinsamen Lektüreabenteuern besteigen die beiden ein kleines Kreuzfahrtschiff, um zwischen der kleinasiatischen Küste, den griechischen Inseln, Malta und der Meerenge von Sizilien auf Spuren des Seefahrers dahinzugondeln. Klug verwebt das sehr moderne Mini-Mendelsohn-Epos dabei eine Vater-Sohn-Erzählung mit fundierten Erkenntnissen aus dem akademischen Seminar. Das Beste am Buch: Sobald man fertig ist, möchte man sich am liebsten gleich noch einmal „Odyssee“ und „Illias“ vorknöpfen. Hoffentlich wird dieser Sommer lang. 

Autor: Rupert Sommer

Daniel Mendelsohn: Eine Odyssee, Verlag: Siedler
352 Seiten, 26,00€, ISBN: 978-3-8275-0063-2

Salvatore Settis: Wenn Venedig stirbt

Das Titelbild mit dem Monsterschiff, das über die Lagunenstadt hereinbricht wie fucking Godzilla, weckt Erinnerungen an den thematisch ganz ähnlich gelagerten Dok-Film „Das Venedig-Prinzip“ (2012). Auch der Kunsthistoriker Salvatore Settis verortet die Zerstörung der Städte am Musterbeispiel Venedig nicht ausschließlich am Tourismus. Der Untergang der Städte beginnt mit der Privatisierung, mit der Ökonomisierung der Stadt, die ihre Funktionen nicht mehr im Interesse ihrer Bürger wahrnimmt. Politiker und Spekulanten reduzieren Städte auf den Marktwert ihrer veräußerlichen Bestandteile, verkleben Preisschilder wie in einem Supermarkt. „Venedig läuft Gefahr, bald ohne Bürger dazustehen“, warnt Settis. 

Tatsächlich verlassen immer mehr Einwohner die viel zu teure Stadt, die zur touristischen Infrastruktur verkommt, nur noch bewohnt wird von Geldsäcken, „die bereitwillig Höchstpreise für ein Haus zahlen, ein Statussymbol, das sie dann fünf Tage im Jahr bewohnen.“ Settis’ weltbürgerlicher Essay, dessen Aktualität stetig wächst, mündet folgerichtig im Recht auf Stadt, der weltweiten Bewegung gegen die neoliberale Zerstörung urbaner Ökotope. „Eine Stadt ohne Recht auf Stadt“, schreibt Settis, „ist eine Stadt ohne Bürger, ist nichts als leere Hülle.“ 

Autor: Jonny Rieder

Salvatore Settis: Wenn Venedig stirbt, Verlag: Wagenbach
160 Seiten, 14,90€, ISBN: 978-3-8031-3657-2

Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass

Zwei Diktaturen. Trauriges Thema. Toller Text. Nie haben Ines und ihr Bruder über die Vergangenheit gesprochen. Den Tag, als ihr Vater nach Haus kam, sie beide verprügelt hat, einfach, weil ihm danach war. Der, der nicht über seinen Vater sprechen konnte, den Opa, den SS‘ler, der an den Massenexekutionen beteiligt war. Im schönen Riga, damals. Der, der für die StaSi in den Westen ging, in x verschiedenen Rollen. Sich immer verstellen musste. Nie lieben konnte, weil selbst ungeliebt. Enthemmt – und daher verlässlich, wie es in seiner Akte steht. Wo die Gewalt aus dem tiefsten Inneren kommt, das Innen beherrscht, und beherrscht werden muss ... sucht sie nach Entlastung. Hitlers Kinder, die Kriegsenkel. Hitlers Wendekinder. Alle, die 1990 zwischen 20 und 30 waren ... Da, wo Ines Geipel versucht, das Schweigen aufzubrechen, gegen den Verlust, die nicht zu heilende Wunde, gegen das „Alleinzig“-Sein Worte zu finden, da beginnt Verstehen. Dieses Buch hat Schwächen. Wie auch sonst. Aber das ist ja grad seine Stärke. Sprachlosigkeit überwinden. Eine Innenschau. Schmerzhaft. Radikal. Von ganz anderer Qualität als die schwer erträglichen „Osten verstehen/verstanden“-Narrative. 

Autor: Hermann Barth

Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Mein Bruder der Osten und der Hass, Verlag: Klett Cotta
277 Seiten, 20,00€, ISBN: 978-3-608-96372-4

Harry Kämmerer: Drachenfliegen

Erinnerungen sind trügerisch: das Alter rückt Ereignisse in ein anderes Licht und doch lassen einen manche ein Leben lang nicht mehr los. In Harry Kämmerers neuem Roman ist es das Verschwinden eines zehnjährigen Jungen und Klassenkameraden, der vergebens Anschluss an die Clique des Erzählers namens Hans Kramer suchte. Kramer lässt den Leser an seinem Lebenslauf teilhaben, von den späten Siebziger Jahren bis in die Jetztzeit. Die unbeschwerten Sommerferien mit dem titelgebenden Drachenfliegen, ost-westdeutsche Familienzusammenführung, der Umzug von Regensburg nach Passau, Pubertät in der Provinz zum Soundtrack von Springsteen und New Wave, Wehrdienst und Studienaufenthalt in Irland, erste, wenig erfolgreiche Gehversuche als Schriftsteller, frustrierende Auftragsarbeiten für Liebesromane und Treatments für Vorabendserien. Danach Redakteur für Ratgeber eines Großverlages, Familie, Kinder und erste Erfolge mit eigenen Büchern. Mit 50 zieht Kramer eine Art Bilanz und da ist sie plötzlich wieder, die Erinnerung an den verschwundenen Jungen. Er beschließt der Sache auf den Grund zu gehen und tritt eine Reise in die Vergangenheit an. Harald Kämmerers erster Roman ohne Kriminalhandlung trägt autobiografische Züge und besticht allein durch die detaillierte Schilderung von Gegend und Zeitgeschehen. Ein kluger Beobachter, den wohl selbst die Erinnerung nicht los lässt. (Buchpremiere am 9. April, 19 Uhr, in der Monacensia im Hildebrandhaus)

Autor: Rainer Germann

Harry Kämmerer: Drachenfliegen, Verlag: Nagel & Kimche
224 Seiten, 20,00€, ISBN 978-3-312-01127-8

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