Buchtipp

Die Leiden des jungen Mishima

Der Verlag Kein & Aber veröffentlicht mit „Bekenntnisse einer Maske“ von Yukio Mishima einen unterschlagenen Klassiker des 20. Jahrhunderts.

Es stimmt schon, was man so im Germanistik-Studium lernt: In der Regel ist es besser, das Werk eines Schriftstellers nicht küchenstubenpsychologisch durch seine Biographie erklären und betrachten zu wollen.

So reduziert man nämlich schnell den immer mit Interpretationsarbeit verbundenen Leseakt auf gehobenen Gossip und verhindert tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Text. Das liest sich gut, ist aber, wenn man auch nur ein bisschen sensationslüstern ist, bei der Person Yukio Mishima, dessen Biographie kurz skizziert sei, wirklich nicht leicht: Geboren 1925 in Tokio, beginnt Mishima bereits in früher Jugend mit dem Schreiben.

Yukio Mishima

Als Teenager von eher schwächlicher Statur, entwickelt er in seinen 20ern einen Hang zum Bodybuilding. Er heiratet eine Frau, bekommt Kinder, lebt aber parallel seine homosexuellen Neigungen in Szene-Bars aus. Als es in Japan in den 1960er Jahren zu vielen linken Studentenunruhen kommt, formen sich in dem mittlerweile zum gefeierten Literaten avancierten Mishima seltsam nationalistische Ideen und er gründet kurzerhand eine Privatarmee. Die erklärten Ziele: Bekämpfung des Kommunismus, die nukleare Aufrüstung Japans und die Wiedereinsetzung des Kaisers.

Am 25.11.1970 schließlich besetzt Mishima mit vier Mitstreitern ein Parlamentsgebäude und verkündet von einem Balkon aus, dass Japan wieder ein Kaiserreich sei. Als nach einiger Zeit der Besetzung klar wird, dass der Putschversuch keinen Erfolg zeigen wird, begeht Mishima öffentlich Seppuku, eine ritualisierte Form des Suizids.

Natürlich finden wir das fast 50 Jahre später und ein paar Längengrade weiter westlich alles noch seltsamer und politisch problematischer, als es damals ohnehin schon war. Aber gerade deswegen ist es auch sehr spannend die Texte dieses Autors, der im 20 Jahrhundert einer der führenden Intellektuellen Japans war, zu lesen.

So dachte wohl auch der Schweizer Verlag Kein & Aber, der nun Mishimas Erstlingswerk „Bekenntnisse einer Maske“ von 1949 in neuer Übersetzung von Nora Bierich veröffentlicht hat.

Der Roman erzählt in Ich-Perspektive eindrücklich vom Erwachsenwerden des Jungen Kochan, der sich durch abnorme Dränge und Neigungen von der Gesellschaft entkoppelt sieht. Ein Beispiel: Während seine Klassenkamerad_Innen das andere Geschlecht für sich entdecken, bemerkt er, dass die Leidensbilder des heiligen Märtyrers Sebastian auf ihn eine besonders große erotische Anziehung ausüben. Das Besondere: Fantasien dieser Art werden von Kochan mental ausschweifend durchlebt, in seiner Lebensrealität aber rational und ohne Selbstmitleid hinterfragt. Unterstützt von der klaren, aber keineswegs kalten Sprache, die die Übersetzerin für den deutschen Text gefunden hat, ergibt sich das Bild eines jungen Mannes, der zunächst extrem seltsam erscheinen mag, dem man aber auf den zweiten Blick trotz seiner sexuell gewalttätigen Gedanken ein großes Maß an Verständnis entgegen bringt. Gemeinsam mit Kochan -übrigens eine Verkleinerungsform von Mishimas gebürtigem Vornamen Kimitake- durchlebt der Leser die vermeintlich ersten Liebesversuche -zu einer Frau-, die Wirrungen des zweiten Weltkriegs und sogar den Abwurf der Atombomben über Nagasaki und Hiroshima.

Obwohl der Roman bei Erscheinen ein weltweiter Erfolg war, ist er heute bei weitem nicht so bekannt, wie andere große literarische „Ich-Texte“ des 20. Jahrhunderts – Sei es Sartre’s „Der Ekel“ oder Salinger’s „Der Fänger im Roggen“. Aufgrund der teilweise anstößigen Materie ist der Roman in unseren etwas prüden Gefilden vielmehr so etwas ein unterschlagener Klassiker. Aber gerade als solcher eignet er sich perfekt, um den Vorsatz „Mehr Lesen!“ für 2019 mit etwas Besonderem einzuläuten und eventuell noch bestehende Weihnachtsrestbesinnlichkeit aus dem System zu blasen.

Autor: Franz Furtner

Yukio Mishima: Bekenntnisse einer Maske, Kein & Aber
224 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3036957845

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