Buchtipp

Philipp Blom – Das große Welttheater

Philipp Blom – Das große Welttheater

Von der Macht der Vorstellungskraft in Zeiten des Umbruchs.

Das große Welttheater schreibt täglich Geschichten, neue Geschichten, aber immer Geschichten für ein bestimmtes Klientel. Im und nach dem Krieg Geschichten von Opfern für Opfer, Geschichten von Tätern für Täter („Es gab auch gute Nazis, mein Opa zum Bespiel … !“) und von Unbeteiligten für Mitläufer bzw. von Mitläufern für Unbeteiligte.

Aber der Krieg hat als Theater-Stoff ausgedient und so werden neue Geschichten erzählt, kompliziertere Geschichten, Geschichten, die selbst das Klientel nicht mehr versteht und deshalb nicht mehr hören will. Dann doch lieber einfache Geschichten, Geschichten, die man versteht. Geschichten, erzählt von Trump oder Weidel, von Schrang oder Nuhr. (Nebenbei: Die Hetzkampagne, die er gegen Jutta Ditfurth losgetreten hat, war so unter aller Kritik, dagegen ist Reichelts „Bild“ mit seinen platten Geschichten geradezu Hochliteratur!)

Aber komplizierte Zeiten lassen sich nicht einfach beschreiben, und alle, die das tun, möchten Wahlen gewinnen, einfach nur gefeiert werden oder schnell viel Geld verdienen. „Populistische Politiker haben weltweit bewiesen, dass große Teile ihrer Gesellschaft es vorziehen, an alten Geschichten festzuhalten, anstatt sich neuen Realitäten zu stellen. Gleichzeitig schwindet damit die Möglichkeit, in einer akuten Krise (sic!) angemessen zu handeln und zu tun, was notwendig ist.

“ Sätze wie diese zeigen die Qualität von Philipp Bloms Werk. Und „Im Zweifel ist ein Rüstungsdeal wichtiger als eine Uno-Resolution.“ hat man schon häufiger gehört, aber hier stimmt das Umfeld. Wer gerne unterm Lesen wichtige oder bedeutende Sätze markiert, hat bei Blom viel zu tun. Der Klimawandel schreibt neue, schlimme Geschichten, aber den üblichen Protagonisten fällt nicht viel mehr ein, als „Es hat schon immer heiße Sommer gegeben.“, „Ein Tempolimit bringt gar nichts, jedenfalls nichts messbares.“ (Nuhr) und „Strafe Gottes“, und das ist schon wenig, also eher sehr arg wenig.

Blom betitelt das Ganze als „narzisstische Kränkung“, den – zum Teil gewählten – Entscheidern fällt einfach nichts plausibles ein. Deshalb darf nicht sein, was nicht sein kann, ähem … . Dieses Buch ist geschrieben worden, um das 100. Jubiläum der Salzburger Festspiele – dem Welttheater – in einem Essay zu feiern. Blom hatte seitens der Veranstalter freie Hand und er hat dies genutzt: großes, intelligentes Kopfkino. Danke dafür!

Autor: Martin Welzel

Paul Zsolnay Verlag | Wien 2020 | ISBN 978-3-552-05980-2 | Gebunden mit Schutzumschlag | 128 Seiten

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