Buchtipp

Gion Mathias Cavelty – Innozenz

Mathias Gion Cavelty – Innozenz
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Mathias Gion Cavelty – Innozenz

In seinem neuen Schauerroman „Innozenz“, erschienen bei Lectorbooks, lässt der Schweizer Autor Gion Mathias Cavelty die Postmoderne wild wuchern.

Irgendwann im Mittelalter: Der Inquisitor Innozenz wird vom Papst ins schweizerische Schwamendingen geschickt. Dort soll eine seltsame Sekte im Besitz des Schädels des ersten Menschen sein. In Innozenz‘ Umhang versteckt: Ein rein-weißes Buch, welches mit Innozenz kommuniziert und uns Lesenden die Vorkommnisse schildert.

Was aus dieser Grundkonstellation erwächst, ja erwuchert, ist ein überbordend-apokalyptisches Vexierspiel, das die Möglichkeiten der Literatur voll ausschöpft und zugleich erheitert und erschaudern lässt. Nicht zuletzt durch das dunkelbunte Figurenarsenal: Wir treffen in diesem postmodernen Schauerroman auf Pfarrer, die in Stammtischdiskussionen mit Dämonen den Menschen auf sein Fleisch und seine Ausscheidungen reduzieren, auf satanistische Grafen mit Apple Watch, auf die Viola-Virtuosen Tohu und Bohu und viele weitere interessant verstörende Charaktere. Dabei gibt es Anspielungen an zahlreiche Werke und Namen der E- und U-Kultur: Von Umberto Eco über Dario Argento und E.T.A. Hoffmann ist alles mit eingerührt in diesen Textteig. Im Vergleich zu dieser Rezension wirkt das viele Namedropping im Roman aber nicht gewollt. Vielmehr erzündet es im Kopf des Lesers ein Assoziationsfeuerwerk, welches durch die dem Text zu Grunde liegende Poetik der Auflistung erst möglich gemacht wird.

Zugleich gehört der Roman auch zur Strömung des pessimistisch-literarischen Horror, wie er aktuell besonders in der englischsprachigen Welt von Autoren wie Thomas Ligotti oder Gary J. Shipley praktiziert wird. (Juhee, noch mehr Namedropping!) Im Gegensatz zu den Werken dieser übel-gelaunten Lovecraft-Nachfahren ist der Pessimismus, wie ihn Cavelty hier praktiziert aber wesentlich leichter zu verdauen. Er ist vielmehr ein Gedankenspiel, welches mit unterschwelliger Ironie ausgeleuchtet und unter großer Fabulierfreude zu einem desaströsen Finale geführt wird.

Wie genau das aussieht, erzählt Ihnen das Buch (im Buch?) dann am besten selbst. Ein Roman für Literaturliebhaber*innen, Blackmetaller*innen (Akercocke, anyone?) und diejenigen, die die Welt einfach nur brennen sehen wollen. Ideal auch zu Weihnachten.

Lectorbooks, Zürich 2020, ISBN 978-3-906913-21-6, Gebunden, 176 Seiten, www.lectorbooks.com/innozenz

Autor: Franz Furtner

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