Buchtipp

Karl Valentin in 67 Bildern

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Karl Valentin - Photographien

Der neue Bildband „Karl Valentin – Photographien“, erschienen im Verlag Schirmer/Mosel, bietet neben vielen beeindruckenden Porträtaufnahmen der Münchner Legende auch zwei sehr interessante Texte zur Welt des Komikers und Autors.

„Draußen in Dachau gibt es einen Ort, der ist mit Stacheldraht umzäunt, hat einen riesigen Graben drum herum und Männer mit Maschinengewehren stehen Wache. Aber wenn ich will, komm ich ganz leicht rein.“ – Das soll die Münchner Volkssänger- und Komikerlegende Karl Valentin so im Jahre 1933, kurz nach der Errichtung des Konzentrationslagers Dachau, auf Münchner Bühnen laut ausgesprochen haben.

Ein Ausspruch, der einerseits die Gräueltaten der Nazis anklingen lässt und andererseits die vermeintliche Unwissenheit der Münchner Bevölkerung herausfordert. Egal ob historisch belegt oder nicht, zeugt das Zitat von dem großen Maß an (gesellschafts-) politischer Subversion, welches man dem Bühnenkünstler jenseits seiner slapstickartigen Einlagen und anarchistischen Sprachspiele zuschreibt. Valentin als Künstler, der jede Gesellschaftsschicht thematisiert und in die Verantwortung nimmt.

Verdichtet tritt diese Subversion in den Porträt-Photographien unterschiedlicher Charaktere auf, die Valentin zu Lebzeiten anfertigte, in acht Leporellos sortierte und die mit einem Essay versehen in seinem Todesjahr teilweise unter dem Titel „Die Masken des Komikers“ erschienen sind. Darauf sieht man den Mimen in Rollen seiner Sketche und Kurzfilme in Nahaufnahmen. Valentin stellt mit seinem bekannten Mienenspiel meist karikierend einen Querschnitt durch die Gesellschaft dar: Vom Poeten, über die Hausmeisterin, die „Wilderer Vroni“ zum „Musikal-Clown“ - keine Schicht ist vor dem Chamäleon-Mimen sicher.

Valentin als Musikal-Clown (li.) und Athlet

Entrée Schirmer/Mosel. Der Münchner Kunstbuchverlag hat sich nun der Fotos angenommen, sie um den angesprochenen Essay des Publizisten Wilhelm Hausenstein und einige bisher unveröffentlichte Aufnahmen ergänzt. Eine kleine Sensation sind hierbei zwei Bilder, die Valentin abgemagert und trübe dreinblickend mit einem Holzschwert in der Hand zeigen. Mit „Deutschlands letzte Reserve“ untertitelt, karikieren sie die Propaganda vom Endsieg aus den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs. Erläutert wird dies in einem neuen Vorwort des Kunstgeschichtlers Wolfgang Till, das sowohl den Essay als auch die Fotos historisch einbettet und einen guten Überblick über den Wandel in der Valentin-Rezeption bietet. Im Bildteil wird den 67 Fotos aus etwa 30 Schaffensjahren Valentins stets eine ganze Seite für sich allein zugestanden. So kann der Betrachter die unterschiedlichen „Masken des Komikers“ Valentin auf sich wirken lassen und die Entwicklung im Mienenspiel des Mimen genau studieren.

Natürlich ist das Buch am ehesten etwas für den Coffeetable versierter Valentin-Van..äh…-Fans, dennoch bietet es durch die beiden Aufsätze auch viele interessante Informationen für Valentin-Anfänger. Sowohl für den kurzen inspirierenden Blick ins Buch, als auch für die etwas tiefergehende Beschäftigung mit dem Kosmos Valentin eignet sich der Band gleichermaßen. Und dass der Mann photogen war, muss man den Münchnern, die seine hagere Gestalt und sein freundlich grimassierendes Gesicht auf nahezu jedem Postkartenständer der Stadt sehen können, ja ohnehin nicht mehr erzählen.

Autor: Franz Furtner

Karl Valentin Photographien
Schirmer/Mosel. 188 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3829608589

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