Buchtipp

Anna Mayr  –  Die Elenden

Buchtipp: Anna Mayr  –  Die Elenden
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Anna Mayr – Die Elenden

Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht. 

„Die Elenden“ (1862) von Victor Hugo, was für ein Roman! Und auch die Elenden von Anna Mayr hätten ein Roman werden können, und was für einer. Über eine Punkerin und einen Tischler, die arbeitslos werden. Und eine Tochter bekommen. Die ihren Weg macht. Und heute für eine große ZEITung schreibt. Ist aber kein Roman, sondern eher ein … Sachbuch. Über Arbeitslose. In Deutschland. Als Teil dieser Gesellschaft. Oder gerade – eben nicht Teil der Gesellschaft.

Anna Mayr, also die Tochter, ist wütend. Sehr wütend sogar. Diese Welt ist nicht nur ungerecht, sondern selbstgerecht böse. Der Arbeitslose ist seine Arbeit los und natürlich selbst schuld. Faul, zu langsam, ungebildet, verantwortungslos, kein Engagement, desinteressiert und was sonst noch, muss also diszipliniert, zuweilen sanktioniert werden.

Und der Gerechteste unter den Gerechten, Ulrich Hoeneß, hat min. 27 Mio. € Steuern hinterzogen – da hat die Staatsanwaltschaft aufgehört zu zählen – und er hat seine Bankunterlagen freiwillig dem Gericht zur Verfügung gestellt. Ein arbeitsloser Hartz-4-ler muss seine Kontoauszüge immer und jederzeit offenlegen, er könnte ja Omis Geburtstagsüberweisung in Höhe von 50 € verschweigen und damit unterschlagen und das geht nun wirklich nicht. Denn der Gerechteste unter den Gerechten ist ein Leistungsträger, der Hartz-4-ler aber ein Leistungsempfänger und somit ein potenzieller Schmarotzer, BILD-Leser kennen sich da aus. Und Lanz legt den Kopf schräg und fragt, warum sind ihre Eltern arbeitslos? („Armut lässt die Zukunft nichtig werden.“ George Orwell) „Sozial schwach“ werden Arbeitslose gerne genannt. Schwachen muss man helfen, mit Almosen. Sie können kaum etwas dafür. Aber „arm“ klingt anders, ehrlicher. Für Armut ist jemand verantwortlich, aber doch  selten die Armen, meistens die Reichen, also eher Banken, Vermieter, Arbeitgeber, Leistungsträger, der Kapitalismus, Renditeorgien, die Politik und und und. Wer arm ist, hat keine Wahl. Und doch: Menschenwürde ist unteilbar, sie gilt auch für Arbeitslose!

Vieles, was Anna Mayr schreibt und beschreibt, ist eigentlich bekannt. Chancengleichheit existiert nur auf dem Papier, trotz aller Ausnahmen, die eher zufällig passieren. Die Arm-Reich-Schere geht immer weiter auseinander. Umverteilung von unten nach oben. Der Mittelstand braucht „die da unten“ als Abgrenzungsobjekt und als Antrieb. Etc pp. Aber „Die Elenden“ von Anna Mayr besticht durch eine nicht wegzudiskutierende Stärke, die Betroffenheits- bzw. Betroffenenkompetenz. Da können all die Soziologen und andere Studierte noch einiges lernen. Daher nicht nur für diese: überaus empfehlenswert! P.S. Lässt Dieter Nuhr neuerdings seine Witze (tätää) von BILD-Praktikanten schreiben?

Carl Hanser Verlag | Berlin 2020 | ISBN 978-3-446-26840-1 | Gebunden mit Schutzumschlag | 208 Seiten

Autor: Martin Welzel

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