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Autor Bernhard Blöchl: „Großer Freund von Ü-Literatur“

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Von: Andreas Platz

Peppt Erinnerungen mit Chili auf: Bernhard Blöchl
Peppt Erinnerungen mit Chili auf: Bernhard Blöchl © piz

Bernhard Blöchl gibt im neuen Roman „Eine göttliche Jugend“ ordentlich Gas und stellt ihn am 28.11. zusammen mit Claudia Koreck im Vereinsheim vor

Herr Blöchl, der Verlag sagt zu Ihrem neuen Buch, es sei Ihr bislang persönlichstes. Um wie viel leichter macht es die Nähe zum eigenen Erlebten eigentlich, wenn man so etwas dann aufschreibt – oder ist es vielleicht sogar viel kniffliger?
Romane sind ja fast immer ein wunderbarer Mix aus Erlebtem, Erzähltem und Erfundenen. In diesem Fall war der autobiografische Anteil höher als in meinen Romanen zuvor, auch wenn die Handlung fiktiv ist. Das echte Leben kann schon eine starke Muse sein, ich meine, die Köpfungs-Szene als Kind im Wald, die kann man sich schwer ausdenken. Knifflig wird es allerdings immer, wenn Erinnerungen im Spiel sind. Erinnerungen sind launische Gedankengeister.

Es ist ja ein Buch, das vom Aufwachsen auf dem Land, nicht ganz so weit weg von der dann doch deutlich größeren Stadt München erzählt. Wie wohl fühlen Sie sich dabei, wenn man so etwas auch als eine Art Heimatroman bezeichnet?
Ich zucke bei allen Etiketten zusammen, obwohl ich weiß, dass das Spiel nun mal so läuft. Coming of age, Entwicklungsroman, Tragikomödie, Ausreißergeschichte, Heimatroman – jeder, wie er mag. In einer idealen Welt wäre ein Roman ein Roman, also eine sprachliche Wundertüte. Auch deshalb bin ich ein großer Freund von Ü-Literatur, also von Geschichten zwischen U(nterhaltung) und E(rnst). Im Dazwischen spielt sich das Leben ab, das ist meine Heimat.

Wer sich das Leben jenseits des S-Bahn-Gürtels nicht vorstellen kann: Wie schwer, wie eng, wie einsam war das wirklich – oder sind das die Übertreibungen des routinierten Geschichtenerzählers?
Das Dorf am großen Wald liegt ja sogar noch im S-Bahn-Gürtel, S4/S6 im Osten! Aber Enge, vor allem die Enge in Gedanken, kann man überall empfinden. Meine Kindheit und Jugend war – im Gegensatz zu Eddies – nicht so einsam und schwer. Also kommt der Geschichtenerzähler ins Spiel und peppt die Erinnerungssuppe mit Chili und Ingwer auf.

Für Ihren jungen Helden Eddie sind die Bücher, aber ganz besonders auch die Musikerlebnisse Flucht- und Sehnsuchtswelten. Aus der eigenen Erfahrung gesprochen: Wie gut funktionieren solche Auswege noch immer?
Ich sehe das wie Eddie, der in Sachen Eskapismus immer wieder bei den Büchern landet, „dieser bewusstseinserweiternden Welt aus Druckerschwärze und Wörtertanz, diesem Universum aus Trost, Flucht, Leid und Liebe, aus Realität, Fantasie, Kunst und Wissen, dieser in alle Ewigkeit verdammt guten Erfindung.“ Das gilt über alle Zeiten hinweg.

Eddie entdeckt Madonna und ist erweckungsbewegt und schockverliebt: Wie kann man so etwas in der Rückschau ohne Grusel und Fremdschämen rekonstruieren?
Sagen wir so: Die Rückkehr in den neongelben Sumpf aus „Like a virgin“-Bandsalat und MTV, aus VHS-Mitschnitten und Bravo-Starschnitt geht wohl nicht ganz ohne Schaudern. Aber in der Rückschau hat jede Zeit ihren Grusel. Ich möchte nicht der Autor sein, der eines Tages das Tik-Tok-Gezappel der heutigen Jugend rekonstruieren muss. Frau Passmann, übernehmen Sie! Ach nein, die ist dafür ja auch schon zu alt …

Sie kennen Ihren jugendlichen Schwärmer ja viel besser: Was erhofft sich Eddie wirklich, wenn er aufbricht, um Madonna zu treffen, wofür steht diese Sehnsucht?
Er will sich die Welt da draußen anschauen, aus der Enge des Dorfes ausbrechen. Er will seinen Eltern, seiner Brieffreundin Marijana und sich selbst beweisen, dass er es als ewig Jüngster im Kreuz hat, etwas Großes zu unternehmen. Und ein bisschen hofft er wirklich, Madonna seinen ersten Kuss zu schenken. 

Das kesse Material Girl von einst ist ja nicht der einzige Leitstern. Wie fair lässt sich in der Rückschau der Wettstreit eigentlich entscheiden – Gott oder Madonna?
Eddie bringt es eigentlich gut auf den Punkt, wenn er denkt: „Was dem einen seine Madonna, ist der anderen ihr Gott. Jeder braucht jemanden zum Anhimmeln.“ Das Göttliche im Buch hat ja mehrere Bedeutungen, eine davon ist Karel Gott, der neben Madonna eine große Rolle spielt, vor allem für Eddies Oma. Einen Wettstreit gibt es eigentlich nicht, nur eine sehr emotionale Entscheidung zwischen den beiden Leitsternen …

Wenn man in Ihre Werkstatt blickt: Wie wichtig war der richtige Soundtrack beim Schreiben?
Ich habe das Buch ohne Madonna- und Karel-Gott-Songs geschrieben. Zum Glück, was aber nicht an den beiden liegt. Ich kann mit Musik einfach nicht schreiben. Beim Schreiben habe ich nur Satzmelodien im Kopf, die geben den Rhythmus vor, damit der Sound der Geschichte stimmt.

Wenn man selbst tagtäglich an Worten und Sachverhalten feilt: Fällt es da dann eigentlich automatisch leichter, auch Romane zu schreiben?
Automatisch geht da leider gar nix. Beides ist Arbeit. Hinsetzen, atmen und machen. Was ich aber feststelle: Meine Arbeit als Kulturjournalist und das Romanschreiben beflügeln sich gegenseitig, weil der Sprachmotor schnurrt. Nicht immer, aber doch regelmäßig. Gut sind auch Kontraste. Im Journalismus geben selbstverständlich die Fakten den Ton an, im Roman eher die Fiktion. Beides im Wechsel trainiert das Denken und die Kreativität.

Ohne zu viel zu verraten: Aber wie schwer ist es Ihnen gefallen, bis zum Schluss liebevoll, dann aber doch auch entschieden und hart zu bleiben im Umgang mit Ihrem Eddie?
Ich wusste von Anfang an, schon bei der Ideenfindung im Sommer 2019 in Südtirol, wie das Buch enden muss. Das Ende mag die meisten überraschen. Aber das Leben ist ein bipolarer Halunke, und davor ist auch ein Ich-Erzähler nicht gefeit. Aber es gibt ja Hoffnung …

Letzte Frage: Ihr Romanheld lässt sich nicht so leicht unterkriegen und einschüchtern, auch wenn er nicht jede Frage beantworten möchte. Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Energie, sich nicht so einfach aus der Ruhe bringen zu lassen und so viele Aufgaben und Rollen gleichzeitig zu stemmen?
Eddie würde sagen: Ich würde vorziehen, das nicht zu beantworten. Mir geht es in diesem Fall ähnlich. Denn ich habe darauf keine klare Antwort. Außer vielleicht die: Das Leben ist bunt, und ich probiere gerne neue Farben aus.

Interview: Rupert Sommer

Aufgewachsen im Dorf am großen Wald: Bernhard Blöchl hat schon mit „Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint“ einen Road-Roman mit dem bislang nicht verliehenen Preis für den besten Titel geschrieben. „Eine göttliche Jugend“ (Volk Verlag) ist sein drittes, das bislang persönlichste Buch. Nicht nur Münchens Kulturfreunde schätzen seine klugen, witzigen „SZ“-Artikel über das bunte Treiben im Großdorf sehr.

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