Verlagsporträt

Japan erlesen: Der cass-Verlag im Blickpunkt

Die Rache, Gezeichnet, Kein schönerer Ort

2019 ist Japan-Jahr: Ende April übergab dort Kaiser Akihito das Amt an seinen Sohn Naruhito, wodurch die „Reiwa“-Zeit, die Zeit der schönen Harmonie eingeleitet wurde.

Aber auch hier in der Landeshauptstadt tut sich einiges: Kaum ist die umjubelte Samurai-Ausstellung in der Kunsthalle zu Ende gegangen, eröffnet die Ausstellung Schatten. Licht. Struktur. mit Papierinstallationen des Künstlers Koji Shibazaki im Museum Fünf Kontinente. Im frühen Herbst kann man schließlich die J-Progrocker Ryorchestra in der Glockenbachwerkstatt erleben, später im Jahr spielen dort die local Heroes Coconami und es gibt wieder den Japan-Flohmarkt im Einewelthaus.

Und bis zum Herbst? Da kann man perfekt am Eisbach liegend in die Welt der japanischen Literatur eintauchen. Am besten mit einem Buch des cass-Verlags aus Thüringen. Dieser widmet sich der asiatischen Literatur im Allgemeinen und der japanischen Literatur im Besonderen. Mit großer Liebe zu Ausstattung und Gestaltung bringt das Haus regelmäßig interessante Titel in erstklassiger Übersetzung auf den deutschen Markt – Von großen Klassikern zu Neuentdeckungen deckt der Verlag um die Leiter*innen Katja Cassing und Jürgen Stalph ein sehr großes Spektrum ab. Im Folgenden empfehlen wir Ihnen drei Werke, die für Sie die Eichen und Kastanien des englischen Gartens vorübergehend in Yoshino-Kirschbäume verwandeln:

Ein sonderbarer Showdown: Shugoro Yamamotos „Die Rache“

Die Rache von Shugoro Yamamoto ist das bisher einzige auf Deutsch erhältliche Buch des Vielschreibers, von dem in Japan bereits über 30 Bücher verfilmt oder auf der Theaterbühne adaptiert wurden: In schnörkelloser, klarer Sprache wird eine Geschichte erzählt, die ebenso aufs Wesentliche reduziert ist und doch überrascht. Im Jahre 1645 stellt der Kleinganove Iwata das existierende Wertesystem und die Unantastbarkeit der Samurai in Frage. 

Er würde gerne als Koch sein eigenes Lokal eröffnen, doch sein Vater tut dies als niedere Werkstätigkeit ab. Ein Missverständnis verhärtet die Fronten und es kommt schließlich zu einem beinahe klassischen Showdown. Wer das feudale Japan der Edo-Zeit mit Shogunen und Samurais als Sehnsuchtsort in sein Herz geschlossen hat, wird mit diesem Kurzroman eine helle Freude haben.

Existenzialismus aus Fernost: Osamu Dazais „Gezeichnet“

Wer im Sommer die Schwermut sucht, greife hier zu. Der 1948 erschienene, stark introspektive Roman ist in Japan klassische Schullektüre und gehört zum Allgemeinwissen: Protagonist Oba Yozo steht den Gegebenheiten des Alltags und seinen Mitmenschen in empathieloser, radikaler Gleichgültigkeit gegenüber. Dies wird von ihm selbst als Gebrechen empfunden, weshalb er durch aufgesetzte Clownerie um gesellschaftliche Anerkennung buhlt. Das funktioniert zwar, innerlich bleibt Yozo aber kalt. 

Im Folgenden wird das Buch zu einem Strom aus Traurigkeit, in dem Prostituierte, Familien ohne Liebe und Doppelselbstmordpläne eine große Rolle spielen. Definitiv keine leichte Kost, aber höchst aufschlussreich und in den Bann ziehend.

Nach der Katastrophe: Manichi Yoshimuras „Kein schönerer Ort“ 

Kyoko Oguri ist 11 Jahre alt und geht in die 5. Klasse der Schule von Umizuka. Eine Küstenstadt, wie es viele in Japan gibt und doch ganz anders. Leise und arglistig passieren hier Dinge, die das junge Mädchen, das gleichzeitig die Geschehnisse schildert, zu deuten lernen muss. Zwielichtige Männer in Anzügen tauchen auf, Lehrer verschwinden, Mitschülerinnen sterben. Stück für Stück lernt der Leser, dass all das in einer Katastrophe begründet liegt, die sich bereits vor Einsetzen der Handlung zugetragen haben muss. Diese wird von den Autoritäten bewusst verschwiegen und die Bevölkerung wird durch totalitäre Taktiken abgelenkt.

 Geschickt werden hier dystopische Motive à la Orwell mit Assoziationen an Fukushima verbunden, und so ein kleines beunruhigendes Meisterwerk geschaffen. Da die Katastrophe nie vollumfänglich erklärt wird, erreicht diese dunkle „cautionary tale“ eine Zeitlosigkeit, die noch Generationen von Leser*innen aufrütteln sollte.

www.cass-verlag.de/shop/

Autor: Franz Furtner

Auch interessant

Buchtipps

Die Buchtipps im Oktober

Die Buchtipps im Oktober

Lesungen

Die interessantesten Lesungen der kommenden Wochen auf einen Blick

Die interessantesten Lesungen der kommenden Wochen auf einen Blick

Lesungen

Die interessantesten Lesungen der kommenden Wochen auf einen Blick

Die interessantesten Lesungen der kommenden Wochen auf einen Blick

Lesungen

Die interessantesten Lesungen der kommenden Wochen auf einen Blick

Die interessantesten Lesungen der kommenden Wochen auf einen Blick