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Neue Alben von Clueso, Tirzah, YES u.a.

Clueso, Diverse Musiker*innen, Tirzah, Yes
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Clueso, Diverse Musiker*innen, Tirzah, Yes

Ein Sampler über „Deutsche experimentelle Pop-Musik 1980-86“, deutscher Feelgood-Pop von Clueso, Tirzah minimalistisch und YES melden sich zurück

Clueso - Album

Zugegeben, nicht gerade sehr kreativ der Titel. Aber okay, hier also das neue „Album“ des Erfurter Raoppers, der nun auch schon knapp 20 Jahre im Geschäft ist. Früher tief im HipHop verwurzelt, entwickelte sich Clueso kontinuierlich in Richtung Pop, und das obwohl seine Stimme lange nicht das Charisma aufzuweisen hat, wie, meinetwegen ein Mark Forster etwa oder ein Philipp Poisel. Dafür aber erarbeitete sich Clueso einen guten Namen als Songschreiber, Produzenten, Performer und Featured-Artist von Fanta 4 z.B.: „Ich bin für alles offen, aber man kann nicht alles mit mir machen“, so seine zitierfähige künstlerische Handlungsanleitung. Schön, bei all dem gefälligen Gleichklang, dann auch die kratzig-rauchige Vokal-Performance von Bausa im wirklich gelungenen Cool-Pop-Song „Hotel California“. Und auch „Willkommen zurück“, in dem ein gewisser Andreas Bourani als Duett-Partner fungiert, weiß dem Deutsch-Pop-Radiohörer ganz bestimmt zu gefallen. In der Mitte des Album dann „Der letzte Song“, bei dem die charmant-schläfrige Mathea gerne mal eine Strophe übernimmt. Es folgen noch Gastbeiträge von Sharaktah und Bozza, der im „Interlude“ gleich mal seine Begeisterung über Cluesos Anfrage und die Qualität des Songs kund tut. Dieser, „Heimatstadt“ nämlich, handelt von der Luft im Hafen, dem Duft der Straßen Hamburgs nämlich, von Störtebeeker („…denn mein Kopf ist dort obwohl ich weiterlaufe“) und der allgemeinen Last des Popstars, der ja beruflich bedingt eh’ nie zuhause sein kann, der Arme… Es folgt „Leider Berlin“, vielleicht der schwächste Song auf „Album“, ob’s an der Stadt liegt… Wohl kaum, egal, „Tanzen“ ist noch ganz nice mit seiner schräg-quitschigen Flötenmelodie und das wirklich sehr schöne, ja geradezu zärtlich liebevolle, wohl seinem besten Freund gewidmete „Du warst immer dabei“. Was bleibt? Gutes deutsches Feelgood-Pop-Handwerk, Mainstream bedient, Mission completed… und genau deswegen: leider nicht all zu viel.

VA - Eins und Zwei und Drei und Vier

Haha, wie geil ist das denn bitte?! Vor allem dann, wenn man grad den aktuellen Clueso gehört hat. Denn, für alle später Geborenen, wird hier schnell deutlich, dass deutsche Popmusik nicht immer so gleichförmig war, wie das die letzten zehn bis 20 Jahre den Anschein macht. Los geht dieser wirklich unterhaltsame Sampler mit dem durchaus sinnigen Motto-Untertitel „Deutsche experimentelle Pop-Musik 1980-86“ mit dem „Hey Baby Hop“ von der Plan, wo einem gleichmal deutlich vor Ohren geführt wird, wo das One-Hit-Wonder Liquido die Idee zu „Narcotic“ herhatte. Es folgt das zickig-funkige „Austauschprogramm“ von Die Partei, nein, nicht von der Partei Die Partei, sondern von der Band gleichen Namens. In die selbe funky Pop-Ecke stoßen P!OFF? mit dem reichlich nostalgischen Titel „Mein Walkman ist kaputt“. Schrill dann auch Palais Schaumburg mit „Wir bauen eine neue Stadt“, während Dunkelziffers „Keine Python“ im extrabreiten Reggae-Ska-Dub-Modus großartig zu unterhalten weiß. Weniger verspielt dafür um einiges extrovertierter Populäre Mechanik mit „Muster“. Es folgt einer der - auch heute noch - ganz Großen: Andreas Dorau. Mit seinen Marinas spielt er den Songs „Sandkorn“ und dürfte damit wohl ganz weit vorne in Helge Schneiders persönlicher Spotify-Playlist rangieren. Mit dabei auch Pyrlator, Träneninvasion, Deutsche Wertarbeit, Die Fische, die fantastischen Foyer des Arts, die nicht minder formidablen, hier allerdings fast schon hyperventilierenden Die Zimmermänner, Die Radierer und einige mehr. Also, wer mal wieder Lust hat auf unbequemen dabei aber stets künstlerisch höchst wertvollen deutschsprachigen Avantgarde-Gaga-Pop, abseits weitestgehend runter genudelter NDW-Hitlisten, der wird hier ganz bestimmt fündig. So alt und doch so erfrischend!

Tirzah - Colourgrade

Da dürften sich die beiden Kleinkinder von Tirzah aber fürchten, wenn die Mama wie hier gleich zu Beginn mit dem Titelsong, so gleichermaßen düster wie gespenstisch loslegt. Aber was ist da los? Nun, seit ihrem etwas unter Wert veröffentlichten Debütalbum „Devotion“ aus dem Jahre 2018, das sich selbst vielen Kritikern erst im gemächlichen Nachgang als wahres Juwel erschloss, hat die Südlondonerin zwei Kinder zur Welt gebracht. Was sie allerdings auf gar keinen Fall daran hinderte, nebenbei weiter ihrer wahren Passion, neben Muttersein, nämlich der Musik, zu widmen. Nachhören kann man ihren neuen Ansatz, der sich inhaltlich nicht ganz überraschend mit dem Thema Mutter/Künstlerin-Dasein beschäftigt nun auf „Colourgrade“. Und so dreht sich also alles um Genesung, Dankbarkeit und Neuanfänge genauso wie um das (auch kleine) Großartige, die alltäglich dräuend Beängstigung, die Unsicherheit in Zeiten wie diesen sowie abendlich Erschöpfung und die notwendige Erholung als Vollzeitmutter und -künstlerin. Musikalisch ist all das ein lustvoll-minimalistischer Spaziergang zwischen LoFi und Avantgarde, Underground und Experiment, konsequenter Pop-Verweigerung im Allgemeinen und stoisch-spröder Andersartigkeit im Besonderen. Keine, leichte Kost, für wahr, aber für Spezialisten ein weiteres Juwel.

YES - The Quest

Yes! … also ich meine freilich im Sinne von: Ja! … werden eingefleischte ProgRocker jetzt schreien und die Faust in gen Himmel stoßen. Denn endlich gibt es Neues der legendären Prog-Art-Rock-Institution rund um die nach wie vor sehr markante Singstimme von Jon Davison, die auch aktuell noch immer sehr nah am Original (Jon Anderson) agiert, zu hören. Wenngleich auch etwas dünner mithin also weniger zwingend. „The Quest“ wurde gewissermaßen „weltweit“ aufgenommen. Während die Feingeister Sänger/Gitarrist Steve Howe (auch federführendes Mitglied von Asia), Keyboarder Geoff Downes und Sänger Jon Davison in Großbritannien aufnahmen, war die nicht minder feinmotorige Rhythmussektion rund um Alan White und Billy Sherwood in den USA tätig. Dazu Schlagzeuger Alan White: „Billy und ich haben alle Rhythmus-Sektionen, Bass und Schlagzeug, in Los Angeles in den Uncle Studios erarbeitet.“ Und weiter: „…es ist ein schöner Platz und mit Billy am Mischpult haben wir die Dinge relativ schnell erledigt. Ich habe eine ganze Weile damit verbracht, die Musik zu studieren, bevor ich nach L.A. ging, also war ich bestens vorbereitet.“ Der alte Streber, hört man aber natürlich, all die Mühen. Egal, ProgRocker der alten Schule wissen sowieso was sie erwartet, alle anderen - inklusive die Anhänger der Gründungsmitglieder Rick Wakeman und eben schon erwähnten Jon Anderson - schlagen entweder die Hände über den Köpfen zusammen, stecken sich besser Petersilie in die Ohren oder hören einfach weiter Meisterwerke wie das unvergessliche „Tales From Topographie Ozeans“, „Going For The One“ oder die Krönung der Yes’schen Schöpfung „90125“ aus dem Jahre 1983.

Gerald Huber

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