Ortsgespräch

Nepomuk Schessl: „Musik für seelische Gesundheit“

Nepomuk Schessl

Umplanen, verschieben - und wieder durchstarten: Viele Klassik-Fans können die tollen Konzerte des Veranstalters München Musik kaum wieder erwarten. Nepomuk Schessl verrät, wie er Kurs hält.

Herr Schessl, hinter Ihnen und Ihren Mitarbeitern dürften höchst strapaziöse Wochen liegen. Und so richtig Aussicht auf Erleichterung gibt es ja leider noch nicht. Was können Sie aktuell Klassik-Fans, deren Sehnsucht nach "echten" Konzerten und Live-Begegnungen hoch ist, eigentlich raten?
Für uns bedeuten Konzerte, wie gewiss auch für viele unserer Kunden, die kribbelnde aufgeregte Atmosphäre im Foyer vor dem Konzert, das gemeinsame emotionale Erleben der Musik und eben auch – ein volles Haus. Wir versuchen daher, unsere Kunden zu ermutigen, wir die Erinnerungen an die zahlreichen schönen Erlebnisse zu konservieren und voller Vorfreude und Hoffnung in die Zukunft zu blicken.

Die Abstands- und Sicherheitsregeln betreffen ja nicht nur die Zuschauer und Hörer Ihrer Konzerte, sondern leider ganz besonders auch Ensemble, Orchester und Chöre: Müssen jetzt Veranstalter und Künstler komplett auf Kammermusik umstellen?
Während die Abstandsregeln in Kraft sind, wird man sich gewiss auf kleinere Besetzungen einstellen müssen. Ich denke aber nicht, dass deswegen nur noch Kammermusik gespielt werden wird. Es ist ja ohnehin so, dass während diese Regeln, die es ja aus gutem Grund gibt, in Kraft sind, es schwierig bis kaum darstellbar ist, zum einen künstlerisch wertvolle und zum anderen wirtschaftlich sinnvolle Konzerte zu veranstalten.

Was glauben Sie: Wie lange wird es dauern, bis die Klassik endlich wieder "groß" denken kann?
Unsere Prognose bzw. unsere Hoffnung, die wir auch so mit unseren Partnern besprechen, ist, dass es ab dem Zeitpunkt, zu dem ein Impfstoff zur Verfügung steht, noch in etwa drei Monate dauern wird. Wir sind also vorsichtig optimistisch, dass wir unseren normalen Betrieb im Herbst 2021 wieder aufnehmen können. Ansonsten verfolgen wir aber die Nachrichten und die Entwicklungen genauso gespannt wie das ganze Land.

Ihr Haus steht ja üblicherweise nicht nur mit lokalen Ensembles, sondern mit Weltstars und weit reisenden Künstlern im Austausch: Um wie viel schwieriger machen diese Internationalität derzeit Ihre Planungen?
Natürlich kommen und wohnen auch in Deutschland eine Vielzahl an internationalen Größen. Aber Sie haben recht, mit den weltweiten Reisebeschränkungen und den selbst innerhalb Deutschlands sehr unterschiedlichen Auflagen ist es kaum möglich, Konzerte etwa mit einem amerikanischem Orchester zu planen, einfach weil gar nicht abzusehen ist, ob deren Tourneen durch ganz Europa, die mit teils jahrelangem Vorlauf geplant wurden, so überhaupt stattfinden können. Bis sich das wieder einspielt und wir zu einem normalen Spielplan zurückkehren können, wird es sicherlich noch eine ganze Weile dauern. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir viele interessante Inhalte zu bieten haben – so es denn in Deutschland wieder möglich ist.

Aus der Not hat sich viel kulturelles Restleben ja auf die Straßen verlagert: Wie gut kann klassische Musik - einmal abgesehen von den ja ohnehin derzeit kaum möglichen Großauftritten - im Freien funktionieren?
Das Klassik auch bei großen Open Airs sehr gut funktionieren kann, wissen wir ja aus der Vergangenheit, in der wir viele schöne Momente erleben durften. Dabei ist es vor allem wichtig, das richtige Repertoire auszuwählen - aufgrund der akustischen Rahmenbedingungen und der häufig notwendigen Technik. Leider ist es aber unter den derzeit geltenden und auch notwendigen Auflagen aber eben nicht möglich, diesen Aufwand zu betreiben.

Wie groß ist eigentlich jetzt schon Ihre Sorge, dass sich im nächsten Jahre alle Anbieter mit ihren verschobenen Konzerten und Angeboten gegenseitig Säle, Publikum und Einnahmen streitig machen?
Tatsächlich sind Termine in den Sälen jetzt schon eine harte Währung, denn neben den Verschiebungen sind ja auch die Spielzeiten 20/21 und 21/22 schon in weiten Teilen geplant. Es ist aber klar, dass nicht jedes Konzert, das nun nicht stattfinden konnte, auch nachgeholt werden kann. Und man darf auch nie vergessen, der Kunde kann auch nur ein Konzert am Tag besuchen. Diese Planung muss also sehr sorgfältig und mit Bedacht geschehen.

Auch wenn viele Politiker lange damit zögerten: Warum ist aus Ihrer Sicht das Kulturleben überlebenswichtig, ja tatsächlich "systemrelevant"?
Ich denke, dass neben den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Grundbedürfnissen eines Menschen eben auch die seelische Gesundheit eine große Rolle spielt. Und gerade dafür ist Kultur in all ihren Ausprägungen, und als Teil der Kultur eben auch die Musik, ein zentraler Baustein, den man für den einzelnen und die Gesellschaft als Ganzes nicht unterschätzen darf.

Zum Schluss bitte ein Profi-Tipp: Welche Musik lassen Sie spielen, wenn das Trost- und Hoffnungsbedürfnis mal wieder besonders hoch ist?
Nicht nur musikalisch, sondern eben auch inhaltlich ist die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach ein sehr bewegendes und auch tröstendes Werk. Und auch zeitlich hat es dieses Jahr noch einmal eine besondere Stellung eingenommen, da Ostern ja mitten in den schärfsten Corona-Lockdown gefallen ist und wir dieses Werk eben nicht wie in den letzten Jahren am Karfreitag im Konzert erleben konnten. Mein Herz schlägt aber eben auch für Filmmusik und Filmkonzerte, und ich empfinde das „The Force Theme“ aus „STAR WARS: The Return of the Jedi“ von John Williams als sehr stark und voller Hoffnung!

Interview: Rupert Sommer

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