Ortsgespräch

Lukas-Kantor Tobias Frank: „Mich faszinieren große Räume – und Orgeln“

Orgel ist einfach großartig: Tobias Frank gibt akustisch gern Stoff
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Orgel ist einfach großartig: Tobias Frank gibt akustisch gern Stoff

Sein Job-Titel erinnert an die Zeiten von Johann Sebastian Bach. Doch Tobias Frank, in St. Lukas für die Kirchenmusik zuständig, ist im Hier und Jetzt zu Hause. Und er hält Musikern eine Tür offen, die aktuell wenig bis gar nicht auftreten können. Derzeit bereitet er ein Großprojekt zu Marcel Dupré vor.

Herr Frank, in Zeiten geschlossener Konzertsäle oder Clubs waren zuletzt oft Gotteshäuser die wenigen verbliebenen Räume, an denen Musikerlebnisse live ihre Kraft und Poesie entfalten konnte. So ernst die Lage ist, aber in wie weit könnte das auch eine Chance für die Kirchen und die Kirchenmusik sein?
Die Pandemie hat die Entwicklung der digitalen Infrastruktur im kirchlichen Bereich beflügelt. Im Bewusstsein, dass das Internet nie vergisst, wollte sich St. Lukas von Anfang an ton- und bildtechnisch auf hohem Niveau präsentieren. Unmittelbar nach dem ersten Lockdown ging der erste Gottesdienst auf dem YouTube Kanal „Sankt Lukas München“ online. Seitdem wird jede Woche einer produziert. Hohes ehrenamtliches Engagement macht dies möglich. Schnell gesellten sich dazu digitale Konzertformate.

Beachtlich.
Die Zugriffszahlen verraten, dass dadurch die Kirchenmusik von St. Lukas weit über die Stadt- und Landesgrenze hinaus Beachtung findet. Zu Weihnachten gab es sogar Fanpost aus Wales. Mit diesen Formaten unterstützen wir auch in Not geratene Künstler*innen, indem wir ihnen eine Plattform und ein Einkommen bieten. Aber bei all dem Segen des digitalen Fortschritts: Ich freue mich trotzdem wieder auf Live-Veranstaltungen.

Sie tragen als Kantor einen Berufstitel, den man beim ersten Hören vielleicht eher mit der Bach-Zeit und weniger mit der Gegenwart in Verbindung bringt. Wie kamen Sie eigentlich dazu und wie wird man Kantor?
Alternativ könnte man auch Kirchenmusiker sagen. Aber mir gefällt Lukas-Kantor besser. Mich faszinierten schon immer die großen Räume, insbesondere gotische und romanische, und die Orgeln. Schon als kleiner Junge wollte ich unbedingt Orgel lernen. Meine Eltern waren zwar über meinen Berufswunsch zunächst nicht so glücklich, war in ihren Augen Musik doch eine „brotlose Kunst“. Aber ich setzte mich durch und studierte fünf Jahre in München. Nach Station im Norden bin ich seit 2015 an der Kulturkirche St. Lukas tätig. Der Job ist unglaublich vielfältig und entspricht in etwa einem Musikmanager, nur eben im kirchlichen Bereich. Täglich gilt es den Spagat zwischen künstlerisch-musikalischem Tun, Management und Konzeptionierung zu bewältigen.

Als Meister an der Orgel sind sich sicher ein wenig parteiisch: Aber was könnte denn auch für moderne, vielleicht eher ungeschulte Hörer dran sein an dem alten Bonmont, die Orgel wäre die Königin der Instrumente?
Orgel ist einfach großartig. Jedes Instrument ist einzigartig, und ich kenne kaum ein anderes Instrument, das physisch so erlebbar ist. Es gibt riesige Pfeifen, deren tiefen Töne die Luft zum Vibrieren bringen können; die kleinen Pfeifen verursachen hohe Töne wie Vogelgezwitscher. Ihre Schallwellen können über den Boden im Körper spürbar werden. Sie kann so leise sein, dass man sie kaum hört und entfesselt auf der anderen Seite Lautstärken, gegen die kein Orchester ankommt. Natürlich hängt das alles von der Größe des Instrumentes und des Raumes ab. Aber all dies vereint sich in einem Instrument - ohne elektroakustischen Hilfen. Da kann man zu Recht von einer Königin der Instrumente sprechen. 

Kenner wissen, dass St. Lukas mit der Steinmeyer-Orgel über ein ganz besonders Instrument verfügt. Was macht Sie aus Ihrer Sicht so besonders?
Zum einen ist da ihr Klang, zum anderen ihr Stellenwert in der Orgelwelt. Unsere Steinmeyer-Orgel wurde während der Weltwirtschaftskrise gebaut. Aus dieser Zeit existieren nur noch wenige Großorgeln dieser Firma weltweit. Ihre großen Schwesterorgeln stehen im Dom zu Trondheim, in den USA, Argentinien und Kanada. Viele Orgeln der Firma Steinmeyer wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört oder im Laufe der Zeit abgebaut, weil man sie nicht mehr für zeitgemäß hielt. In München ist unsere Orgel in ihrer Größe aus dieser Zeit einmalig. Sie war einst die größte Orgel Münchens und wird sogar von der Denkmalpflege als eines der bedeutendsten Klangdenkmäler Süddeutschlands klassifiziert. Mittlerweile ist sie 90 Jahre alt und Bedarf einer dringenden technischen und klanglichen Renovierung.

Nicht zuletzt wegen der Chor- und Gospel-Konzerte dürfte St. Lukas Münchner Konzertgängern ein fester Begriff sein. Wie sehr beflügelt Künstler – und letztlich auch das Publikum – so ein großer, weiter Raum?
Auch wenn der Raum von St. Lukas akustisch seine Tücken hat, ist es für mich ein Privileg, ihn immer zur Verfügung zu haben und darin zu musizieren. Der Nachhall lädt zu kreativen Klangspielereien ein. Wenn der Musiker seinen letzten Ton gespielt oder gesungen hat und dieser Ton noch für eine Weile im Raum „steht“, dann ist das schon sehr cool. Man kann aus den vielen Ecken des kathedralhaften Raumes versteckt musizieren und die Hörer überraschen. Manche Konzerte werden auch von individuellen Lichtkonzepten unterstützt, die mit den architektonischen Besonderheiten arbeiten. Die Kombination aus Licht und Klang schaffen eine einzigartige Atmosphäre. Ich bin gespannt, welche neuen Möglichkeiten sich nach der Innenraumsanierung noch bieten werden.

Sie setzen in der Programmgestaltung immer wieder überraschende Akzente. Wie schwer ist es, neues, möglicherweise auch jüngeres Publikum für Kirchenmusik oder Musik in Kirchen zu begeistern?
Natürlich ist die Gewinnung neuer Publikumsschichten bei jeder Projekteentwicklung ein Thema. Es gibt Konzerte, wie etwa der Münchner Orgelsommer oder das Silvesterkonzert, da sitzen jeweils zwischen 200 bis 800 Besucher in der Kirche – und wir sprechen hier wohlgemerkt von Orgelkonzerten mit nur einem Musiker. Mir ist es wichtig, einen Kontakt zum Publikum aufzubauen, begrüße die Menschen am Eingang oder moderiere zwischen den Musikblöcken. Jedes Mal freue ich mich über die diverse Zusammensetzung des Publikums. Auch die Chorkonzerte werden in der Regel gut angenommen. Aber manchmal erlebt man auch die Kehrseite, dass man ein tolles Projekt mit fantastischen Musikern geplant hat und es kommt kaum jemand. Daher muss ich ehrlicherweise sagen, dass ich den goldenen Mittelweg noch nicht gefunden. Vieles hängt auch vom Wohlwollen der Presse ab und da stelle ich immer wieder fest, dass es als nicht staatlicher Kulturträger oftmals nicht so einfach ist, gehört zu werden.

Aktuell bereiten Sie mit vielen Mitstreitern ein großes Musikprojekt zum 50. Todestag von Marcel Dupré vor. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Dupré ist ein französischer Komponist, der mir schon seit meiner Jugend am Herzen liegt. Er beherrscht eine ungeheure stilistische Wandlungsfähigkeit, die Einflüsse von Ravel, Debussy und Strawinsky aufweist. Er war zwar Organist, hat aber auch klangvolle Musik für Chor, Klavier und andere Instrumente geschrieben, die größtenteils noch in den Archiven schlummern. Diese Musik wird nun erstmals hörbar gemacht. Zu seinem 50. Todestag initiierte ich das Projekt „Dupré Digital“. Musikerpersönlichkeiten aus aller Welt, Nachwuchsmusiker und sogenannte A-Promis gleichermaßen, Einrichtungen wie das Pariser Konservatorium, die Musikhochschule Freiburg oder der Kölner Dom waren spontan von der Projektidee begeistert und helfen mit, das Projekt zu einem Erfolg werden zu lassen. 

Worauf darf man gespannt sein, in welcher Form werden auch Münchner Dupré neu kennenlernen?
Ich behaupte mal, dass viele Münchner von Dupré noch nie gehört haben. Nun haben Sie die Chance, ihn und seine Musik zu entdecken. Interviews unter anderem mit Dirigenten, Musik- und Literaturwissenschaftler, Organisten, ehemaligen Schülern und der Enkelin runden die einzelnen Episoden ab. Mit dabei sind Namen wie Olivier Latry, dem Organisten der Notre-Dame-Kathedrale in Paris, oder Helmut Deutsch, den weltweit gefragten Liedbegleiter. Musikalische Darbietungen von Musikern aus Deutschland, Frankreich, England, Norwegen, Australien, Japan, Russland, Finnland, Argentinien und den USA machen das Projekt, welches dreisprachig produziert wird, einzigartig. Am 30. Mai geht die erste Folge auf dem YouTube-Kanal von St. Lukas oder alternativ auf www.dupre-digital.org an den Start. Bis zum Ende des Jahres werden insgesamt rund 30 Episoden ausgestrahlt.

Letzte Frage: Neben dem Fachwissen, der Disziplin, der Interpretationskunst nicht dürften zuletzt ja auch Ihre Körperbeherrschung und die Hand-Fuß-Koordination vorbildlich sein. Hält Orgelspielen eigentlich auch noch fit?
Sagen wir mal so: Trotz eines gewissen akrobatischen, manchmal auch schweißtreibenden Körpereinsatzes beim Orgelspielen, genügt das allein nur bedingt zur Kalorienverbrennung. Aus meinen eigenen Erfahrungen kann ich sagen, dass das Training der Rumpfmuskulatur eine positive Auswirkung aufs Orgelspielen hat, denn der Rumpf muss ja alle Aktionen ausbalancieren, weil man ja gewissermaßen auf der Orgelbank „schwebt“. Jedenfalls ist es wissenschaftlich erwiesen, dass bei Organisten*innen beide Gehirnhälften gleichstark genutzt werden und viele dadurch bis ins hohe Alter geistig fit bleiben.

Alle Infos zu den Konzerten in St. Lukas gibt’s hier: www.sanktlukas.de
Und hier erfährt man mehr über das große Marcel-Dupré-Projekt: www.dupre-digital.org

Interview: Rupert Sommer

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