Ortsgespräch

Festival-Intitiator Georg Arzberger: „Magische Momente, die nur im Konzert möglich sind“

Hat sich einen Jugendtraum verwirklicht: Musikprofessor, Klarinettist und Festivalchef Georg Arzberger
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Hat sich einen Jugendtraum verwirklicht: Musikprofessor, Klarinettist und Festivalchef Georg Arzberger

Überzeugungstäter mit Haltung: Georg Arzberger, Klarinettist und Professor an der Hochschule für Musik und Theater, veranstaltet auf Schloss Blumenthal erstmalig ein neues Musikfest. Tickets sichern für den Geheimtipp unter den wunderschönen Sommerausflügen!

Herr Arzberger, für viele Kulturschaffende, vor allem auch Musiker, waren die vergangenen Monate ja oft besonders hart. Um ein schönes neues Klassik-Musikfestival ins Leben zu rufen, hätte man Ihnen gerne etwas einfachere Zeiten gewünscht. Woher haben Sie trotzdem die Energie dafür genommen? 
Wenn es um Musik geht, brauche ich in der Regel keine extra Energiequelle, weil es nach wie vor meine große Leidenschaft ist, Musik zu machen und weil noch dazu dieser Plan schon viele Jahre in meinem Kopf schlummert. Klar kann man sich bessere Zeiten vorstellen, aber gerade deswegen bin ich, bzw. sind wir (Gertrud Deckers ist nebst mir als organisatorische Leiterin die zweite treibende Kraft des Festivals) wild entschlossen, Musik wieder erlebbar zu machen. Jetzt den Kopf in den Sand zu stecken wäre ein fatales Signal und kommt für uns absolut nicht in Frage.

Blumenthal ist der Ort, den Sie neu auf die Landkarte der Musikfreunde setzen: Wie schwer war es, sich dort Tore und Türen öffnen zu lassen?
Ehrlich gesagt sehr leicht. Ich bin unweit von Blumenthal aufgewachsen und kenne den Ort genauso gut, wie man mich dort auch kennt. Vor weit über zehn Jahren habe ich dort schon gespielt in sehr improvisierter Umgebung, aber alle erinnern sich gerne zurück.

Sie sind ja beruflich fest in München verwurzelt, trotzdem verbindet Sie ja einiges eng mit dem sogenannten Wittelsbacher Land. Wie haben Sie das Schloss und das Parkareal kennengelernt?
Eigentlich schon als Kind. Der Ort fasziniert mich seit jeher und ist einfach wunderbar – nicht nur wegen des herrlichen Biergartens. Und was mit der dortigen Gemeinschaft in den letzten Jahren aufgebaut wurde und entstanden ist, setzt diesem inspirierenden Kleinod die Krone auf.

Das Schloss steht ja nicht nur für Kulturleben, sondern auch für praktizierte Nachhaltigkeit. Was heißt das eigentlich für Ihre Arbeit konkret?
Dieses Thema hat mich in den letzten Jahren mehr und mehr beschäftigt, und ich denke es wird uns alle in den nächsten Jahren noch mehr begleiten und wichtiger werden. Ich bin überzeugt, dass Kunst und Kultur nicht nur Vorbild sein können, sondern sogar müssen. Ich denke und hoffe auch ein wenig, dass sich die sogenannte Hochkultur in Zukunft bewegt, weg vom Jetset, weg vom Glamour und wieder mehr hin zu den Menschen. Vielleicht ist die Coronapandemie ja auch eine Chance dafür. Wir möchten da gerne voran gehen, nah am Publikum sein (das geht ja so wunderbar an diesem offenen und kommunikativen Ort), Menschen zusammenbringen, Hilfsbedürftige unterstützen und selbstverständlich CO2 neutral sein.

Hinter der Organisation steht ja neben dem eher künstlerischen Teil auch viel handfeste Planungsarbeit und vermutlich auch kühles Rechnen. Entschuldigen Sie das Klischee: Aber in wie weit stimmt es, dass solche Dinge üblicherweise unter Künstlern nicht immer zu den Lieblingsbeschäftigungen zählen?
Keine Frage: Als MusikerIn möchte man am liebsten Musik machen. Aber so ein Projekt kann schon auch spannend und reizvoll sein. Und mich reizt es dann doch irgendwie, wenn die Aussicht auf ein tolles Ergebnis besteht.

Idylisch gelegen im „Wittelsbacher Land“: Schloss Blumenthal

Sie haben für das Musikfest ja sogar eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Wie sehr hat Sie der Erfolg überrascht – in diesen Zeiten dürfte das private Geld für Kunst ja nicht unbedingt allzu locker gesteckt haben?
Ehrlich gesagt hatte ich da durchaus Bauchschmerzen, als es um die Finanzierung ging. Und ja, die Gelder sind derzeit nicht gerade locker. Das Crowdfunding lief toll an, wurde dann etwas langsamer und wir hoffen nun sehr, dass nochmal Schwung in die Sache kommt, damit wir unser Ziel dann auch erreichen. Das würde meine Bauchschmerzen gänzlich beheben. Und: es gibt nebst Tickets viele tolle „Dankeschöns“ bei unserem Crowdfunding!

Wie dick muss man sich eigentlich Ihr Musiker-Kontakte-Adressbuch vorstellen?
Da kommt durchaus etwas zusammen im Laufe der Jahre, und es sind daraus auch viele tolle Freundschaften entstanden.

Nach welchen Kriterien haben Sie die auftretenden Künstler und damit auch das Programm ausgewählt?
Oft ist es ja so, dass es MusikerInnen gibt, mit denen spielt man gerne und auch unkompliziert, und es gibt Konstellationen, die funktionieren zwar auf einer professionellen Basis, aber eben auch nicht mehr. Zu solch einem Festival hole ich mir natürlich gerne die KollegenInnen, die ich sehr schätze und die in erstere Kategorie fallen. Ich stehe sehr auf Spontanität und Interaktion beim Musikmachen, denn dann entstehen die magischen Momente, die eben nur genau in der jeweiligen Situation im Konzert möglich sind. Und das hätte ich gerne bei meinem Festival auch; schließlich wollen wir die Leute für Musik begeistern.

Wie muss man denn das Festival-Motto „Musik erleben. Zukunft gestalten“ verstehen?
„Musik erleben“, denke ich, ist klar: Wir wollen die Leute begeistern mit Musik. „Zukunft gestalten“ bezieht sich vor allem auf unsere Idee, Vorbild zu sein. In Punkto Klimaschutz genauso wie im gesellschaftlichen Engagement. Dieses Jahr spenden wir z.B. pro verkauftem Ticket 1€ an den Verein Zeltschule e.V., der sich um Bildung in Flüchtlingslagern kümmert. Und bei unserem Wandelkonzert werden wir auch geflüchteten MusikernInnen eine Bühne bieten und sie mit einbinden in unsere Musiker-Truppe.

Sie wollen den Zugang zum Klassikgenuss bewusst breit und offen halten. Wie sehr spricht da manchmal die Enttäuschung eines Profi-Musikers, aber auch eines Musikdozenten heraus, dass Klassik angeblich als elitär gilt?
Ich glaube nicht, dass es Enttäuschung ist, sondern mein in gewisser Weise missionarischer Ansatz. Diese Musik ist so toll und kann so viel bewegen, dass ich sie einfach möglichst vielen Menschen mit auf den Weg geben möchte. Und meine Erfahrung hat schon so oft gezeigt, dass man als Zuhörer einfach nur neugierig und offen sein muss, dann wird man auch in einzigartiger Weise belohnt.

Wie kann man Ihrer Meinung nach gut bei Vorurteilen gegen die Klassikwelt und vermeintlich Elitäres gegensteuern?
Zu den Leuten gehen und nicht warten, bis sie kommen: Das wollen wir in Blumenthal machen, indem wir bewusst aufs Land gehen und nicht in die berühmten Säle. Trotzdem fällt damit nicht unser künstlerischer und qualitativer Anspruch. Die Barriere zwischen Bühne und Publikum abbauen: Ich spreche fast immer bei meinen Konzerten und sage etwas zur Musik. Das Publikum dann da abzuholen, wo es ist, ist nicht einfach, aber lösbar. Eine kleine persönliche Geschichte, eine Beschreibung, warum die Musik gerade so toll und packend ist, warum sie so stimmungsvoll, so tiefschürfend, erschütternd oder auch erhellend und erlösend klingt und wirkt, hilft meist mehr als eine musikwissenschaftliche Analyse und nimmt die Leute mit auf eine „Erlebnisreise“.

Letzte Frage: Sie haben ja so viel Arbeit in die Vorbereitung, dann vermutlich ja auch ins Durchführen und Gelinge-Lassen gesteckt. Wie viel Zeit bleibt da für Sie eigentlich noch ganz privat, das Festival auch zu genießen?
Ich hoffe genug, da sehr viele MusikerInnen da sein werden, mit denen ich gut befreundet bin und die ich selten sehe. Der herrliche Blumenthaler Biergarten wird sicher nicht nur vom Publikum besucht werden… Und spätestens, wenn es dann an die Konzerte geht, ist viel Zeit zum Genießen, denn dann geht es um die Musik und die Zeit drum herum wird unwichtig.

Unter dem Mutto „Musik erleben. Zukunft gestalten“ findet vom 12. bis 15. August das Musikfest Blumenthal auf Schloss Blumenthal bei Aichach statt – unter anderem mit den Charlottenburger Bläsersolisten (12.8.), einem Kammerkonzert mit Markus Bellheim (Klavier), Sarah Christian (Violine), Maximilian Hornung (Violoncello) und Georg Arzberger an der Klarinette (13.8.) sowie einem Auftritt von Hans Well und die Wellbappn (14.8.). Tickets und alle Infos unter: www.musikfest-blumenthal.de

Interview: Rupert Sommer

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