Ortsgespräch

„Klangerlebnis mit Gänsehaut“: Musikerin Fany Kammerlander im Interview

Portrait von Fany Kammerlander
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Fany Kammerlander

Ideen muss man haben: Die Donnerstag-Reihe „Live in der Bar Gabanyi“ von Fany Kammerlander gastiert ab sofort in der evangelischen Auferstehungskirche im Westend. Eine himmlische Herberge – mit Bar.

Frau Kammerlander, bislang stand die Bar Gabanyi neben vielen weiterem Feinen ja mehr für Spirits als für Spirituelles und für weltliche statt geistliche Genüsse: Wie kam denn die Idee zustande, mit den Konzerten ausgerechnet in eine Kirche zu ziehen?
Da die Bar Gabanyi mit der nun einbrechenden kalten Jahreszeit ohne Terrasse und erweiterten Außenbereich mit ihren 80qm erstmal überleben muss und somit die Konzertreihe in den eigenen Räumen unmöglich wurde, war die einzige Möglichkeit – um nicht wieder eine Absagewelle bei den Künstlern losschicken zu müssen – die Konzertreihe, wie sie ist, in eine andere Location auszulagern. Da wir ja in keiner Weise als Kulturbetrieb subventioniert sind, war mir klar, dass es zum einen ein gemeinnütziger Raum sein müsste, wo sich eine neue Synergie in Form einer Win-Win-Situation finden lassen muss, zum anderen wollte ich unbedingt einen atmosphärisch schönen Rahmen, in dem man gerne Musik erleben will! Außerdem muss ich sagen: Spirit und Spirituelles schließen sich keinesfalls aus, und seinen Horizont zu erweitern ist immer ein schönes und bereicherndes Unterfangen!

Pfarrer Bernd Berger scheint ein Mann zu sein, der seine Kirchentüren weit öffnet: Wie kommt man denn an so einen guten Herbergsvater, war er denn ein Gabanyi-Stammgast?
Herr Berger war bisher definitiv noch kein Stammgast der Bar Gabanyi, was sich aber in Zukunft ändern könnte :)) Tatsächlich führte meine lange Suche über die Katholische Kirche zu Herrn Berger, sozusagen in ökumenischer Zusammenarbeit! Ich klopfte bei mehreren Kirchen an, bei denen ich aus terminlichen, oder anderen Gründen keinen Erfolg hatte. Ich suchte in Galerien – auch da dachte ich an eine gute Synergie zwischen Kunst und Musik. Schließlich kam ich über zwei befreundete Männer der katholischen Kirche, die sich sehr für unser Projekt interessiert und engagiert haben – Monsignore Siegfried Kneissl und den Kulturbeauftragten der katholischen Kirche Ulrich Schäfert, an Pfarrer Bernd Berger, der mir schon im ersten Gespräch seine Türen weit auf und mein Herz einige Kilogramm leichter machte.

Über den jeweils aktuellsten behördlichen Vorschriften zu brüten, dürfte ja nicht immer ganz leicht fallen: Wie fühlt es sich an, wenn Hygienekonzepte ausarbeitet und plötzlich zum Corona-Experten in eigener Sache wird?
Anfänglich dachten wir, die Kirche hat ja schon für den Gottesdienst ein angemeldetes Hygiene-Konzept, und wir bräuchten kein neues zu beantragen. Dem ist natürlich nicht so. Ob jemand im Altarraum predigt, oder dort zwei Musiker spielen unterscheidet unser bayerisches Rechtssystem strengstens. Also mussten wir natürlich doch Experten werden und haben sehr kurzfristig und mit bangem Herzen die nötigen Anträge gestellt. Ich muss aber sagen, dass sogar der zuständige Mitarbeiter des KVR, mit dem ich ausführlich telefonierte und mich von ihm in die Welt der Corona-Anträge einführen ließ, sehr angetan war von unserem Konzept und es zu 100% und sehr freundlich unterstützt hat! Ich persönlich buche alle diese Hürden als persönliche Erfahrungen, die mich mehr Einblick bekommen lassen und mich stärken.

Dass Kirchen schöne, vor allem meist große Räume mit guten Sitzplätzen sind, ist klar. Aber wie gut eignet sich ein Kirchenraum für Jazzkonzerte?
Nach unserem ersten Konzert kann ich sagen – großartig! Ich hatte immer schon einen Faible, Musik an ungewöhnlich Orte zu bringen – wie zum Beispiel meine Klassik-Reihe in der Bar Gabanyi. Dort konnte man dann mit einem Cocktail in der Hand und mit einem Meter Abstand zum Ersten Geiger Schönbergs „Verklärte Nacht“ lauschen. Das kam unglaublich gut an, obwohl wir ja ein großartiges Klassik-Angebot in der Stadt haben. Weil es so ungewöhnlich ist und man Klassik mal auf Tuchfühlung und umdistanziert erlebt werden konnte. Ebenso sehe ich das jetzt in der Kirche. Dort ein Weihnachtskonzert zu hören mit großem Chor ist wunderschön, aber in den selben Räumen, mal ganz andere Musik erklingen zu lassen, verwandelt den Raum und macht etwas mit dem Zuhörern. Wir selbst hatten schon bei den ersten Klängen Gänsehaut, und unserem Publikum ging es genauso.

Musik unterstützt in jeder Hinsicht das, was man auch in einer Kirche sucht – es berührt tief im Inneren, weckt Gefühle, schenkt Trost und nimmt die Zuhörer/ Kirchenbesucher für eine kurze Zeit mit auf eine Reise in eine andere Welt. Das ist, was wir gerade jetzt alle so dringend brauchen. Außerdem sei hier noch erwähnt, dass wir von „Veranstaltungstechnik Staber“ Licht gesponsert bekamen, mit welchem wir die Kirche für die Konzerte zusätzlich in schöne Farben tauchen können! Das vertieft den Genuss nochmals.

Sie bauen vor Ort ja auch eine Auferstehung-Bar ein: Auf welche Art von Erleuchtung darf man sich dort freuen und wie viel Überzeugungsarbeit mussten Sie leisten, damit in der Kirche nicht nur Messwein fließt?
Null Überzeugungsarbeit! :)) Herr Berger machte den Vorschlag von sich aus – ich hätte mich bei unserem ersten Treffen gar nicht getraut zu fragen, obwohl das natürlich ein geheimer Wunsch von mir war, auch ein bisschen Bar-Gefühl mit in die Kirche nehmen zu können. Ich bin durch und durch ein Mensch, der die schönen Genüsse liebt, deswegen organisiere ich leidenschaftlich die Konzertreihe  „Live in der Bar Gabanyi“ schon seit acht Jahren. Wunderschöner Raum, gute Akustik, schönes gemütliches Backstage für meine Künstler, gutes Essen und unglaublich tolle Drinks! Ich glaube, mit Pfarrer Bernd Berger habe ich einen Seelenverwandten gefunden, und gemeinsam war schnell ein sicheres Konzept von unserer Auferstehung-Bar gemacht, dass wir in der kurzen Zeit genehmigt bekommen und etwas Schönes zum Genuss anbieten können. Es gibt wunderbaren Rot- und Weißwein und Cremant aus der Weinhandlung „Hugo Zermati“, die uns ihre Weine zum Selbstkostenpreis liefert.

Viele Künstler blicken ja auf ziemlich trostlose Wochen und Monate zurück: Wie wichtig ist es für die Seelenlage, dass es jetzt mit Auftritten weitergeht?
Dazu muss ich sagen, dass es mir ein großes Anliegen ist, hier ein öffentliches Zeichen zu setzen für die Kultur und die Kulturschaffenden! Es ist durchaus möglich, Lösungen zu finden – auch für den kulturellen Bereich. Und ich kann bei allem Verständnis für die schwierige politische Lage nicht verstehen, dass sich niemand – auch nicht unsere zuständigen Kultusminister – um unsere Branche kümmert und nach nachvollziehbare Lösungen und Möglichkeiten sucht! In unserem Kulturstaat Bayern stirbt gerade eine ganze Branche, und man hat das Gefühl, dass alles, was nicht staatlich subventioniert ist (siehe „Pilot-Projekt“ Staatsoper, Philharmoniker und BR), absichtlich erstickt wird! Es braucht Menschen, die sich einsetzen und Aufmerksamkeit erregen. Das ist mein Motor, und ich werde hier nicht aufhören und arbeite jetzt schon Tag und Nacht für das Überleben und die Seelenlage meiner Künstler, meiner Kollegen und all den Menschen, die die Welt schon immer ein wenig besser machen!

Wie reagierten eigentlich die Musiker, als Sie Ihnen das erste Mal von der Kirchenidee erzählten?
Die Musiker – und auch unser Publikum! – sind so unendlich dankbar und voller Freude. Ich bekomme wirklich sehr viele so nette Mails und auch schon viele Bewerbungen von Musikern, da es sich offensichtlich sehr schnell herumgesprochen hat, dass es eine neue Möglichkeit aufgetan hat. Alle hoffen, wünschen und bangen, wie und ob und wann es weitergeht. So ein Projekt wie unseres ist und soll ein Hoffnungsschimmer sein und wir wünschen uns, dass sich Veranstalter, Kirchen, Politiker, Privatiers und andere gemeinnützige und bisher noch nicht gemeinnützige Einrichtungen inspirieren lassen und wir da, wo von oberster Stelle nicht passiert, einspringen und unseren Beitrag für die Kultur und unsere Künstler und Kulturschaffenden leisten! 

Letzte Frage: Wie gut helfen eigentlich Stoßgebete und ein verlässlich Draht „nach ganz oben“ weiter, um gut durch harte Zeiten zu kommen?
Das ist natürlich etwas sehr Persönliches… Aber ich kann sagen, dass meine geistige Welt, mit welchen Gedanken und Wünschen, mit welcher Sicht auf die Dinge und die Situation, wie sie im Speziellen auch gerade ist, entscheidend ist für das, was ich im Moment in der Lage bin zu tun. Meine „Stoßgebete“ sind äußerst wirkungsvoll :) Ich formuliere klare Wünsche, habe eindeutige Visionen und lasse mich dann von meinem untrüglichen Gefühlen und meinem Draht zu etwas Universellem, viel Größerem leiten. Ich konzentriere mich nicht auf die Probleme, sondern auf die Lösungen. Ich schaue nicht zu weit nach vorne oder zurück, sondern versuche im Hier und Jetzt zu tun, was ich kann. Das schenkt sehr viel Kraft und Klarheit.

Interview: Rupert Sommer

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