Ortsgespräch

Sound of Munich Now-Macher Alessa Patzer und Michael Bremmer im Interview

Sound of Munich Now - Michael Bremmer und Alessa Patzer
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Michael Bremmer und Alessa Patzer

Alles anders, aber äußerst cool dieses Jahr: Das Sound of Munich Now-Festival lässt das Netz glühen – mit im Feierwerk produzierten Band-Videos. Alessa Patzer (Fachstelle Pop) und Michael Bremmer (SZ) vom Festival-Team lassen hinter die Kulissen blicken.

Frau Patzer, Herr Bremmer, fast mit jedem SOMN-Festival wird darüber spekuliert ob oder eher doch nicht, es überhaupt einen „Sound“ der Stadt gibt. In diesem verrückten Jahr: Wie hört er sich an?
Bremmer: Beim Sound of Munich Now Festival ging es ja noch nie darum, den Sound der Stadt zu definieren, sondern zu zeigen, wie spannend die Musikszene in all ihren Sparten ist. Dementsprechend geht es auch heuer nicht darum.

Patzer: Und diese Musikszene ist bunt, laut und divers. Wir freuen uns, dass wir auch durch das digitale SOMN-Format dieses Jahr einen kleinen Ausschnitt davon präsentieren können.

Bremmer: Was dieses Jahr auffällt: Jede Band ist hochmotiviert und hocherfreut, endlich wieder auf der Bühne zu stehen.

Hinter uns allen liegen bange Monate und Wochen: Wie groß war denn Ihre Erleichterung, als feststand, dass das diesjährige Festival trotz allem nicht ins Wasser fallen wird?
Patzer: Wir haben uns natürlich sehr gefreut, dass wir, die Bands und die Zuschauer*innen, auch dieses Jahr nicht auf das SOMN verzichten müssen. Zudem ist es gerade in dieser Zeit umso wichtiger, Musiker*innen und auch anderen Akteur*innen der Musikbranchen, also etwa Techniker*innen, zu zeigen, dass wir sie brauchen.

Bremmer: Uns war schon zu Beginn der Pandemie klar, dass wir das SOMN nicht ausfallen lassen wollen. Gleichzeitig war uns bewusst, dass wir es aber auf Grund von Corona nicht wie jedes Jahr veranstalten können. Umso glücklicher waren wir, als das Kulturreferat auf uns zuging mit dem Wunsch, ein alternatives Konzept zu entwickeln.

Wie kamen Sie denn auf die Idee mit der originellen Digital-Variante des Fests und wie viel Angstschweiß (oder beruhigende Kaltgetränke) flossen beim Austüfteln des Konzepts?
Patzer: Wir haben uns relativ schnell nach dem Lockdown im März dazu entschieden, dass das bisherige SOMN-Konzept so wahrscheinlich nicht umsetzbar sein wird. Als dann das Kulturreferat angeregt hat, dass wir ein alternatives Konzept ausarbeiten sollten, haben wir uns in vielen Zoom-Calls mit unseren Optionen beschäftigt.

Bremmer: Wir wussten schnell, dass wir das Festival nicht einfach streamen wollen. Es gab ja im Frühjahr sehr schnell eine gewisse Streaming-Müdigkeit, so wichtig es natürlich war und ist, Künstler*innen und Veranstalter*innen zu unterstützen. Aber mal ehrlich: Wer hat Lust, sich fünf Stunden lang Sound Of Munich Now als Stream anzuschauen? Abgesehen davon, wären selbst bei einer Aufzeichnung an einem Abend viel zu viele Menschen im Feierwerk gewesen. Das kann man bei Corona nicht machen.

Patzer: Deshalb wollten wir jede Band einzeln ausspielen und ihnen so nicht nur mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen, sondern auch die Möglichkeit einer größeren Reichweite schaffen.

Backstage bei den Videoproduktionen

Ein Video produziert und die Aufmerksamkeit der Aktion zu bekommen, dürfte für viele Münchner Bands ja wie ein Sechser im Lotto sein. Trotzdem: So ganz leicht geht das ja auch nicht von der Hand. Wie stark unterscheiden sich ein „echter“ Festival- und ein Vor-Kameras-Auftritt?
Patzer: Für die Bands ist sicher der wichtigste Unterschied, dass die Energie eines aufgeheizten Publikums fehlt. Eine Live-Situation ist und bleibt das Schönste. Gerade beim SOMN ist es aber auch für die Zuschauer*innen eine ganz besondere, da die Acts im 15-Minuten Takt auf 2 Bühnen in einer Halle, in der Hansa 39, performen.

Bremmer: Klar, das Publikum fehlt. Aber das heißt ja nicht automatisch, dass bei einem gefilmten Auftritt die Emotionen fehlen. „Endlich mal wieder ein Auftritt mit Aufregung“, sagte etwa Daniel Fahrländer, Sänger von Youth Okay, direkt nach dem Dreh. Sofia Lainovic thematisierte ihre Nervosität, als sie den nächsten Song anmoderierte, und die Novichoks gingen erst nach einem gemeinsamen Schlachtruf auf die Bühne. Von daher hat sich das alles sehr real angefühlt.

In der Fachstelle Pop beraten Sie Bands ja in allerlei praktischen Fragen. Was sind ihre wichtigsten Tipps für den Videodreh?
Patzer: Allen voran sollte man einfach versuchen, Spaß zu haben, denn das überträgt sich auf das Video und am Ende auf die Zuschauer*innen. Die eigene Technik zu beherrschen, um zusätzlichen Stress von vornherein auszuschließen, ist auch empfehlenswert. Bei einem eigenen Videodreh würden wir noch empfehlen, sich vorher zu überlegen, wie der Look sein soll, beziehungsweise, was zum Song passt. Wichtig ist auch, sich auf jeden Fall ein gutes Team zu suchen, das sich um Ton, Licht und Videoaufnahmen sowie Schnitt kümmert. Eine gute Vorbereitung und Planung ist wie bei vielen anderen Bereichen auch hier Gold wert.

Wer nimmt die Band denn im Interview-Teil der Videos in die Mangel und vor welchen Journalistenfragen muss man sich fürchten?
Bremmer: In die Mangel nehmen? Die Musiker*innen waren nach den Aufnahmen sehr emotional berührt. Da wollten wir mit ihnen viel lieber eine angenehme Gesprächsatmosphäre schaffen. Es war ja auch für alle Beteiligten keine leichte Zeit. Wir haben deswegen den Musiker*innen den Raum gegeben, über ihre Erfahrungen während der Corona-Pandemie zu berichten. Das fängt bei der Newcomerin an, die ihre erste Single während der Pandemie veröffentlichte, und geht weiter mit dem erfahrenen Musiker, der einen Tag vor dem Lockdown seine Release-Show hatte und jetzt auf seinen Platten sitzt.

Patzer: Als Interviewpartner*innen standen sowohl Christian Kiesler als auch wir beide im Wechsel vor der Kamera. Es war schön, dass wir den Bands so auch noch Raum bieten konnten, um ihre Erfahrungen zu teilen oder sich direkt an ihre Zuschauer*innen zu wenden.

Im Video besteht für viele Künstler ja der Druck – wie bei einer Single – alles auf eine Karte zu setzen und gut auszuwählen: Welche Art von Song passt denn am besten ins Video?
Patzer: Dafür gibt es für unser Konzept keine Formel. Die Acts haben auch in der digitalen Version 15 Minuten, in denen sie die Songs performen können, die sie präsentieren wollen. Aber wir hatten durchaus auch Künstler*innen dabei, die ihre Sets extra für ein besonderes Video verändert haben oder neue Songs komponiert haben.

Bremmer: Für das Video gilt an sich die gleiche Regel wie auch sonst beim Sound of Munich Now: Du hast 15 Minuten Zeit, um die Zuhörer*innen von deiner Musik zu überzeugen. Ein musikalisches Speed-Date, wenn man so will. Und da gilt: Authentisch sein, die besten Songs auswählen – und nicht unvorbereitet auf die Bühne gehen.

Patzer: Wir sind uns sicher, dass wir hier 20 sehr erfolgreiche „Speed-Dates“ haben.

Backstage bei den Videoproduktionen

Wie muss man sich die Aufzeichnungen eigentlich konkret vorstellen: Wie können sich die Bands abheben, wie viele irre Requisiten kann man mitbringen?
Patzer: Dem Videoteam, Techniker*innen und uns war es wichtig, dass jede Band die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient. Unser Team hat zusammen mit den Künstler*innen vor Ort überlegt, welches die beste Aufstellung ist und dann Videoeinstellungen und Licht bzw. Visuals individualisiert. Requisiten wurden eher wenige mitgebracht, aber das ist immer bandabhängig. Am Ende steht ja auch die Musik im Fokus.

Bremmer: Eine Band hat Stehlampen mitgebracht. Das hat alleine schon deswegen gepasst, weil sich die Bands wie in ihrem Wohnzimmer fühlen sollten. Die Musiker*innen stehen deswegen auch nicht auf der Bühne, sondern mitten in der Kranhalle. Auf dem Boden liegt ein großer Teppichboden – so groß wie der Proberaum einer der Bands übrigens. Klar, dass man sich da heimelig fühlt. Um die Musiker*innen herum liegen Discokugeln in verschiedenen Größen oder baumeln von der Decke.

Patzer: Unser Lichttechniker Yves hat zusammen mit Marcel und Bernhard von ideal Entertainment, die für die Videos zuständig waren, dann eine neue Lichtstimmung samt Visuals entworfen. Toll, was das Team hier alles gezaubert hat.

Wer fleißig Streaming-Videos geschaut (und hoffentlich ab und an ja auch gespendet hat für Corona-gebeutelte Künstler), weiß natürlich, wie leer Bühnen und Clubs aussehen können: Wer sorgt denn beim Dreh für ein wenig sicherheitskonforme Stimmung?
Patzer: Alle vor Ort. Es war eine sehr herzliche, entspannte und professionelle Stimmung und das hat die Bands schon beim Erstkontakt abgeholt.

Bremmer: Es ist natürlich klar, dass eine Bühne bei einem Konzert ohne Zuschauer*innen leer aussieht. Deswegen haben wir von Anfang an versucht, eine andere Atmosphäre zu schaffen. Ja, es ist ein Live-Video. Aber jede Band hat sich nach dem Dreh gefreut, dass sie jetzt so ein tolles Video von sich hat.

Patzer: Und ein bisschen Konzert-Atmosphäre gab es ja dann doch. Nach den Auftritten, sobald die Aufnahme beendet wurde, gab es den verdienten Applaus. Und im Anschluss konnten die Bands auch schon die erste Fassung ihre Videos sehen, zusammen mit dem ganzen Team.

Mit der logistischen Abwicklung der Drehs hat sich der Aufwand ja über die Strecke noch mal deutlich erhöht. Trotzdem: Wie wichtig ist es, dass dabei wieder richtig Trubel auf den Feierwerk-Bühnen herrscht?
Patzer: Sehr wichtig! Wie ich schon zu Beginn sagte, war es ein wichtiges Zeichen, das wir an Künstler*innen und Techniker*innen senden konnten. Für manche war es der erste Gig oder Job seit März. Endlich wieder gemeinsam eine Produktion auf die Beine zu stellen, das Gefühl, wenn die Bands das erste Mal in die Halle konnten und das Setting gesehen haben, das war unbezahlbar.

Bremmer: Wir sind natürlich froh, dass es dieses Jahr trotz Corona ein Sound of Munich Now gibt. Aber wenn ich mir das Line-Up anschaue: Das wäre live schon ein tolles Festival für das Publikum gewesen. Vielleicht können wir es ja nach Corona nachholen.

Letzte Frage: Üblicherweise waren die SOMN-Compilations ja Sammlerstücke. Wird es diesmal auch eine DVD-Ausgabe für die Weihnachtswunschliste geben?
Bremmer: Wir wollen für alle Bands und unsere Veranstaltung eine möglichst große Reichweite erreichen. Da sind uns Verkaufszahlen egal. Und wer schaut noch DVDs? Schöner ist es doch, dass alle Videos frei zugänglich sind. So kann man sie noch lange schauen. Auch an Weihnachten.

Patzer: Daher haben wir derzeit nichts Derartiges geplant. Die Videos werden on demand abrufbar bleiben, für mindestens ein Jahr auf unserer Website soundofmunichnow.de und auf dem SOMN YouTube-Kanal.

Bremmer: Und wer das Festival weiter fördern will – von der SOMN-Compilation 2019 sind noch ein paar Exemplare zu erwerben.

Patzer: Und natürlich bei den Bands direkt deren Platten bestellen.

Interview: Rupert Sommer

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