Ortsgespräch

Vittorio Micciche: „Schwabing und ich – eine große Liebe“

Schwabing war damals eben ein Begriff für Freiheit...

Er ist ein eleganter, italienisch-münchnerischer Stenz wie aus dem Bilderbuch.

Und nicht nur rund um den neu gestalteten Wedekindplatz, wo noch die schräge Laternen-Skulptur an den Kultschuppen „Bei Gisela“ erinnert, ist Vittorio Micciche eine echte Institution. Als Deutschland noch mehr oder weniger brav an Wunder und den Wiederaufbau glaubte, kam er im Schlepptau seiner Schwester nach München, um Berufsmusiker zu werden. 

Unter dem Namen Maria Morales sang die viel zu früh verstorbene Schönheit Konzerte in ganz Europa. Brüderchen Vitto gründete später selbst eine Band – aber auch erst, als es ihn nach einem längeren Schlenker, inklusive zeitweiliger Auswanderung nach Australien, wieder ins alte Künstlerherz München verschlug. Im September spielte er wieder auf dem Corso Leopold. Und auch mit einem kühlen Hellen im Hirschau-Biergarten verträgt sich sein goldener Italo-Sound sehr gut (demnächst am 9. August und am 29. September).

Herr Micchiche, wir sitzen im Pepe e Sale, mitten in Schwabing. Dieser Stadtteil hat in Ihrem Leben und auch dem Ihrer Schwester immer eine wichtige Rolle gespielt.
Schwabing und ich waren immer eine große Liebe! Nicht zuletzt ist meine Frau eine Schwabingerin.

Sie kamen ja schon recht früh hierher, als das Viertel noch ganz anders geprägt, vielleicht wirklich noch wild, war.
Es war ganz am Anfang der 60er Jahre. Ich kam da als frisch gebackener Musiker nach Schwabing, als Bassist in der Band meiner Schwester. Viel Erfahrung hatte ich damals eigentlich nicht. Das hatte aber bei uns schon eine kleine Tradition. Als meine Schwester als Sängerin von zuhause loszog, hatte sie schon meinen Bruder, der zwei Jahre älter ist als ich, als Schlagzeuger mitgenommen. Zu mir hat sie dann gesagt, ich solle mal Bass spielen lernen. Gesagt getan. Schon war ich auch Teil der Band. Und wir waren wirklich gut. Obwohl ich damals gerade mal 17 Jahre alt war.

Wie kommt es, dass Ihre Familie so musikalisch ist?
Meine Mutter, eine Schneiderin, war eine sehr lustige Person und hat immer zuhause gesungen – natürlich auch viel bei der Arbeit. Meine Schwester kam auf die Bühne aber schon auch deswegen, weil sie immer toll ausgesehen hat. Anfänglich wollte sie in Richtung Schauspielerin gehen, aber das hat nicht funktioniert. Weil sie aber gut singen konnte, ein wenig Oper studiert hatte und generell musikalisch war, kam sie auf die Idee bei Radio Triest, wo es einen Wettbewerb für neue Stimmen gab, einfach mal mitzumachen.

Mit welchem Resultat?
Sie hat prompt gewonnen! Und dann auch in einer kleinen Band angefangen, regelmäßig aufzutreten. Später ging sie mit anderen Musikern nach Wien, wo ihrer Karriere richtig anfing. Sie war dann schnell recht erfolgreich, was auch für uns als Familie gut war. Wir hatten nicht viel Geld, und sie unterstützte uns regelmäßig.

Aber schon auch für Sie später dann eine recht mutige Entscheidung, die Heimat zu verlassen und als Künstler nach Norden aufzubrechen.
Es war eben auch die Rock’n’Roll-Zeit. Elvis Presley war unser großer Held. Das Beste, was es gibt! Ich hatte vorher in Triest eine Lehre als Elektroinstallateur angefangen, war da aber nur kurz und hoffte schon damals, dass ich meiner Schwester nachfolgen könnte. Dass mein Bruder und ich in ihrer Band einsteigen konnten, war unsere Rettung. Wir verdienten dann später in München recht gut und konnten auch die Familie daran teilhaben lassen.

So ganz leicht ist das mit dem Finanziellen für Künstler ja nie ...
Heute ist es noch viel schlimmer. Was damals gut war: Als Band hatte man in den Clubs einen ganzen Monat lang gespielt. Jeden Abend.

Wo spielten Sie genau? Im heutigen Altschwabing?
Es gab damals zwei berühmte Lokale für so etwas: Es gab die „Gisela“ und den „Fendilator“ in der Fendstraße. Heutzutage ist da die Scientology-Kirche drin. Furchtbar! Damals war das ein toller Schuppen: Jeden Abend war das Lokal voll.

Sie waren dann so etwas wie die Hausband?
Ja klar. Zuerst trat meine Schwester dort auf, dann kam ich dazu. Und wir sind dann jeweils mindestens zwei bis drei Monate dort geblieben. Wir haben dann auch mal in Saarbrücken oder in Frankfurt gespielt. Aber mein Lieblingsort war immer München. Und dort natürlich Schwabing. Dorthin zurückzukommen, war jedes Mal ein tolles Gefühl. Jeder Abend dort war lustig.

Und auch lang.
Oft unvergesslich lang. Wir legten abends los und spielten dann bis Mitternacht oder weit darüber hinaus. Das war schon anders als der viel dürftigere Konzertbetrieb, den man jetzt kennt.

Wie meinen Sie das?
Heute spielen die Bands doch nur ein oder zwei Mal im Monat. Und fast alle Musiker in solchen Bands treten in der Stadt doch nebenberuflich auf. Es gibt in München ja nur wenige Künstler, die nur von der Musik und ihren Auftritten leben können. Ich bin ja mittlerweile auch Nebenbei-Musiker. Ich trete noch gerne auf – aber mehr als zwei oder drei Mal im Monate schaffe ich nicht. Leben kann man davon nicht. Damals gab’s auch noch keine Clubs mit DJs. Musik war immer live.

...weit über die Stadtgrenzen hinaus

Was war denn Ihr Repertoire damals?
Es war schön, wir konnten alles spielen. Rock’n’Roll, Cha-Cha-Cha, italienische Musik, amerikanische Songs. Unser Vorteil: In München gab’s damals wenige Bands, die so viel anbieten konnten. Die deutschen Bands hatten meisten nur einen Stil drauf – mehr nicht. Und eben auch nicht die Italo-Songs, die sehr beliebt waren. 

Wie kam das eigentlich, dass die Schwabinger Musikläden so voll waren. Ging man damals noch mehr aus?
Am Anfang kamen halt auch viele Studenten zu uns. München war damals recht weltoffenen. Es gab viele Perser, die an den Münchner Unis studierten. Viele von denen kamen fast jeden Abend zu uns nach Schwabing, zum Musikhören und zum Tanzen. Viele Mädchen! Schwabing war damals eben ein Begriff für Freiheit. Und davon wusste man weit über die Stadtgrenzen hinaus. Wenn ich heute zurückblicke, wundere ich mich auch: Bei uns war jeden Abend die Bude voll.

Die Ecke, in der Sie damals das Leben feierten, hat heute ja eine der traurigsten Entwicklungen beim Sterben des alten Schwabings gemacht.
Wirklich sehr schade. Überall Boutiquen und Schuhgeschäfte. Und fast keine Musiklokale mehr in Schwabing! Musikalisch ist immer weniger los. Wenn man eine Live-Band hören wollte, müsste man meistens lieber in den Biergarten weiterziehen.

Jetzt machen Sie ein bisschen Eigenwerbung.
Erwischt. Ich spiele ab und an im Biergarten in der Hirschau. Ist ja nur ein paar Schritte durch den Park.

Aber erzählen Sie noch mal von Ihren früheren Schwabinger Nächten. Die waren ja wohl wild, aber auch förmlicher, oder?
Mein Bruder und ich trugen Musiker-Jacketts, oft in rosa. Keine Krawatte, sondern eine Fliege.

Und dann Ihre sehr elegante Schwester.
Sie trug immer tolle Kleider. Die hatte alle meine Mutter geschneidert.

Sie müssen sehr stolz auf diese Schönheit gewesen sein.
Natürlich. Sie zog immer alle Blicke auf sich. Gleichzeitig war sie aber auch sehr resolut. Ich kann mich noch sehr gut an einen aufdringlichen Journalisten erinnern, der Stammgast im Fendilator war. Der war immer absolut begeistert, wenn meine Schwester tanzte und ihre schönen Beine zeigte. Es war damals noch eine Seltenheit, dass eine Frau sang und sich dabei bewegte. Und sie war natürlich schon sehr sexy. Der Journalist konnte sich jedenfalls nicht beherrschen und hatte versucht, sie auf der Bühne an den Beinen zu berühren.

Und Ihre Schwester?
Sie hat ihm das Mikrofon auf den Kopf geschlagen. Klar!

Journalistenpack!
Na ja. Allerdings: Heutzutage ziehen ja sogar kleine Kinder im Fernsehen eine Show ab, bei der man sich fragt, warum das alles so aufreizend aussehen muss.

Später wurde in Schwabing ja wieder Geschichte geschrieben, mit den Schwabinger Krawallen, später den Studentenunruhen. Aufregende Zeiten auch für Musiker.
Es war immer schön dort. Und immer sehr international geprägt. Ich hatte immer das Gefühl, dort etwas sehr Besonderes zu erleben.

Und die Hippies?
Die kamen nicht wirklich zu unseren Konzerten. Kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Aber es gab immer wunderschöne Frauen mit langen, gerne auch mal aufwendig auftoupierten Haaren bei uns im Publikum. Dort habe ich dann ja auch meine Frau kennengelernt. Eine Jugendliebe – und gehalten hat es bis jetzt. Ich habe abends immer Musik gemacht und tagsüber haben wir uns in dem damaligen Café Capri oder dem früheren Cortina – natürlich auf der Leopoldstraße – getroffen. Italienische Restaurants gab’s damals in München allerdings nur wenige.

Kaum vorstellbar aus heutiger Sicht.
Mir waren damals nur zwei oder drei bekannt. Darunter natürlich die Osteria in der Schellingstraße, die berühmt-berüchtigt war, weil sich dort schon Mussolini und Hitler zum Essen getroffen hatten. Für uns waren solche Adressen wichtig – auch zum Einkaufen.

Inwiefern?
Ich habe bei uns immer die Tomatensoße gemacht. Meine Schwester, mein Bruder und ich aßen damals fast jeden Abend Spaghetti. Die geschälten Tomaten in der Dose für die Soße waren in der Stadt damals nur schwer zu finden. Es gab Lebensmittelgeschäfte, wo so was unter „Südfrüchte“ lief. Oder es gab sie eben in den italienischen Küchen. In den normalen Läden kriegte man bei Tomaten oft nur ziemlich komische Qualität – jedenfalls meist nicht aus Italien. Gar nicht so leicht. Heutzutage ist München ein Paradies. Mittlerweile gibt es hier genauso viele Leckereien wie in Italien.

Dafür leider weniger Bühnen und Musik-Clubs.
Sehr schade. Damals konnten diese Läden ihre Bands noch gut bezahlen. Natürlich gibt’s heute halt auch viel zu viele Auflagen und Kontrollen. Fast jeder Musiker und Club-Betreiber, den ich kenne schimpft auf die GEMA.

Das alte Lied mit der Pfennigfuchserei beim Musik-Abrechnen.
Für jede Kleinigkeit will die GEMA Geld. Deswegen verzichten ja viele Wirte darauf, Musik zu machen, weil die Abrechnung so kompliziert und die Kosten so hoch sind.

Gerade bei einer Band wie Ihrer, dürfte die Buchführung gar nicht so leicht sein, wenn sie ja viele Lieder auch von anderen Künstlern spielen.
Ich führe natürlich eine genaue Liste, was ich gesungen und gespielt habe. Oft ist das gar nicht so einfach, weil man oft ja auch mal das Programm live auf der Bühne ändern möchte. Die italienische Bürokratie war da allerdings noch schlimmer.

Tatsächlich?
Für das italienische Gegenstück zur GEMA musste unser Klavierspieler gleich nach jedem Song von den Tasten gehen und zum Stift greifen, um aufschreiben, was wir gespielt hatten – sobald der letzte Takt fertig war. Mama mia, wie stressig.

Zuletzt haben Sie ja lange als Sänger mit der East-West Swing Band gespielt. Was hat Sie dazu gebracht, noch einmal alleine eine Combo aufzubauen?
Früher hatte ich mit East-West oft in der Hirschau gespielt, für dieses Jahr habe ich mich dann selbst beworben. Plötzlich stand ich vor der Frage: Woher kriege ich Musiker, die gerne mit mir auftreten – ohne viel proben zu müssen? Darauf hat in meinem Alter ja keiner mehr groß Lust. Wir kennen unsere Stücke eben. Zum Glück habe ich ein paar Leute gefunden, von denen ich weiß, dass sie einfach alles spielen können.

Und der Name?
Vitto Micci and Friends. 

Warum haben Sie Ihren Nachnamen eigentlich gekürzt?
Micciche – wer kann das schon aussprechen? Die Münchner lieben Italien. Aber über meinen Namen stolpern sie dann eben doch.

Interview: Rupert Sommer

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