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Musiker Philip Bradatsch: „Raus aus dem Tal der Hoffnungslosigkeit“

Musiker Philip Bradatsch
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Vertraut auf die Vielschichtigkeit: Philip Bradatsch

Von Philip Bradatsch kann man sich mitreißen lassen – und mit ihm sein neues Trikont-Album „Die Bar zur guten Hoffnung“ feiern.

Herr Bradatsch, Sie melden sich mit einem neuen Album, das die Hoffnung besingt und im Titel führt, zurück. Dann kehrt in einem Song auch noch die große Liebe zurück. Wie gut fühlt sich das an, aus der langen Erstarrung mit so viel Aufbruchsgeist durchzustarten?
Das Album wurde natürlich gewissermaßen im Tal der Hoffnungslosigkeit geschrieben – weswegen die Hoffnung hier auch irgendwie mehr als das letzte aller zur Verfügung stehenden Mittel zu verstehen ist. Trotzdem war es mir wichtig, mit der Platte auch Lichtblicke zu setzen. Es wurde ja vor allem zu Anfang dieser seltsamen Zeit viel darüber geredet, es bestünde auch die Chance auf einen neuen Aufbruch, auf einen Wechsel. Wenn dem immer noch so sein sollte: Count me in.

Wie tief frustrierend vor allem die Zeiten mit fast keinem oder nur mickrigen Auftrittsmöglichkeiten, waren, muss man eigentlich weder Musiker noch Fans fragen. Wie haben Sie sich innerlich über die Runden gerettet und geschafft, trotz allem gleich zwei Alben fertig zu kriegen?
So ganz gerettet hat sich niemand, oder? Aber das was von einem übrig ist, muss man eben für sich nutzen, und das hieß in diesem Fall für mich: Wenn ich nicht spielen kann, dann geh ich eben ins Studio. Andernfalls wäre ich wahrscheinlich die Wände hochgegangen.

Manchmal klingt es ja wie ein böses Klischee: Aber viele Kollegen haben geackert wie verrückt und Songs geschrieben. Wie ging das überhaupt in einer Zeit, in der wohl ständig der Kopf dröhnte und die Sorgen groß blieben?
Am Anfang hab ich wirklich überhaupt nichts zustande gebracht. Wie soll man auch schreiben, wenn man nichts erlebt? Schließlich war ich es vorher gewohnt, vor allem unterwegs an neuen Sachen zu arbeiten. Irgendwann aber dann kamen die Songs fast schon schneller als gewohnt, und da wurde mir klar: Das zeichnet sich ein Album ab, das musst du jetzt machen. Also hab ich die Jungs zusammengetrommelt, und unser Produzent Dennis Rux war auch sofort Feuer und Flamme, etwas auf die Beine zu stellen.

Wie groß war denn deine Befürchtung, dass der Faden abreißt und dass man die Fans vielleicht gar nicht so leicht zurück umgarnt?
Daran verschwende ich wirklich kaum einen Gedanken. Alben kommen und gehen, der oder dem einen gefällt dieses oder jenes besser, so ist das halt. Solange für mich selbst eine Entwicklung spürbar ist, schere ich mich wenig um Erwartungen.

Das neue Album ist natürlich wieder eine Wucht und eine charmante Verführung: Gratulation! Wie lief denn die Arbeit daran ab, wie viel Inspiration gab’s in der Bar zur guten Hoffnung, die ein weiterer Song aufsucht?
Vielen lieben Dank! Tja, was soll ich sagen, die Aufnahmen in den Yeah! Yeah Yeah! Studios waren eben eine zweiwöchige Pause vom fiesen Winterlockdown mit wirklich allem, was dazugehört. Einzelheiten preiszugeben wäre allerdings schlechter Stil.

Die Legende will es ja, dass Sie seit „Jesus von Haidhausen“ nur noch auf Deutsch texten und singen: Wie gut fühlt sich das mittlerweile an und wie groß ist die Versuchung, doch wieder mal auszubrechen?
Wenn ich ausbrechen wollte, könnt ich’s ja tun, von dem her: So lange die Songs kommen, stelle ich sie nicht groß infrage.

Deutsch zu singen, kann ja auch, vorsichtig gesprochen, herausfordernd zu sein. Die nicht immer offensichtliche Geschmeidigkeit der Silben, das hohe Bedeutungsgewicht, die Klischeegefahr: Was macht es für Sie besonders knifflig?
Solange man sich der Gefahren bewusst ist... Nein, im Ernst: Klischees lauern in jeder Sprache, sie sind halt einfach nur nicht aufs erste Hören gleich erkennbar. Der Rest ergibt sich von selbst. Wenn ein Song nicht funktioniert, dann verfolge ich ihn auch nicht weiter. Und wenn er’s tut, dann lass ich ihn einfach dahinrollen.

In fast allen Songs steckt trotz allem das Augenzwinkern, der kleine Überraschungsmoment: In wie weit ist das eine Grundhaltung, die Ihnen auch persönlich weiterhilft?
Ich mag einfach keine Songs, die nur traurig sind, nur schön, nur schwierig, nur Gottweißwasnoch. Ich mag Songs, die Stimmungen auslösen, jemanden im besten Fall wirklich und ehrlich berühren. Und das Wesen von Gefühlen ist nun einmal, dass sie vielschichtig sind und nicht dogmatisch.

Wie schwer fällt es Ihnen eigentlich, nach erzwungenen Dornröschen-Zeiten wieder die alte Bühnenenergie zu reaktiveren?
Es fühlt sich schlicht und einfach wunderbar an, wieder auf Bühnen zu stehen. Da bleibt einem kaum die Zeit, die eigene Routine infrage zu stellen.  

Letzte Frage: Was genau schießt vor dem ersten Akkord durch den Kopf, wenn man einem der neuen Songs zum ersten Mal wieder vor Publikum tritt?
Manchmal zu viel, leider. Idealerweise kommt ja irgendwann der Punkt, an dem man überhaupt nicht mehr nachdenkt. Mit den neuen Songs ist dieser Punkt zwar noch nicht vollständig erreicht, aber: Wir arbeiten dran.

Interview: Rupert Sommer

Das Release-Konzert zu „Die Bar zur guten Hoffnung“ steigt am 19. November im Heppel & Ettlich – mit der 2G+ Regel. www.philipbradatsch.com

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