Ortsgespräch

Interview mit Kaled: „Mit Eiern und Swag“

Kaled - Gebürtiger Moosacher mit ägyptisch-oberbayerischen Wurzeln

Er ist der Münchner Songwriter, den man unbedingt kennenlernen sollte: Kaled, ein gebürtiger Moosacher mit ägyptisch-oberbayerischen Wurzeln, singt Songs, die mal an Konstantin Wecker, dann an Westernhagen, aber auch an Bruno Mars und natürlich hauptsächlich an eine sehr selbstbewusste eigene Stimme erinnern.

Mit „Kennst Mi No“ erscheint dieser Tage bei Universal sein Debüt-Album, das er unter anderem mit den Münchner Symphonikern eingespielt hat. Darunter macht er’s nicht. Warum auch?

Mit Ihren aktuellen Songs gehen Sie ja schon länger schwanger. Wie fühlt sich dass jetzt an, wenn das Album jetzt endlich fertig ist und auch gekauft werden kann?

Immer noch sehr groß. Auch wenn ich die Songs natürlich ohnehin schon andauernd um mich herum habe. Es ist aber toll, sie jetzt mit frischen Ohren noch mal zu hören. Ich freue mich, dass ich den Leuten jetzt zeigen darf, was ich draufhabe. Und dass ich mit dem Album eventuell auch Denkanstöße liefern kann und Herzen erreiche.

Ein Album mit Botschaft?

Meine Musik handelt vom Augenzwinkern à la „Kir Royal“ und „Monaco Franze“ bis hin zur AntifaschismusHymne.

Immer mehr junge Fans kaufen und streamen ja nur noch einzelne Songs. Wie schön ist es als Musiker trotzdem, ein abgerundetes Album mit einer eigenen Dramaturgie herauszubringen?

Es ist schon so: Das Single-Business ist fast die Normalität. Ein ganzes Album ist heutzutage etwas, was man mal machen kann. Mir ist es aber wichtig, mich als Künstler vorzustellen und ein Paket an Repertoire vorzulegen. Meine Klientel reicht von Jung bis Alt. Da sind bestimmt noch ein paar CD-Käufer dabei. Das Artwork ist gut gemacht. Die Liebe zum Detail dürfte den einen oder anderen motivieren, das komplette Album zu kaufen.

So etwas kann man ja anfassen. Und auch verschenken. Als reiner Stream würde so ein Geschenk ja ziemlich prosaisch wirken.

Na klar. Alben werden immer weniger. Physische Tonträger sind aber leider halt eher out – vor allem bei den jungen Fans. Aber schön und wichtig sind sie für die Künstler trotzdem. Sie sind in der heutigen Zeit für mich eine kleine, aber wertvolle Rarität. Ich freue mich, dass „Kennst Mi No“ jetzt rauskommt. Immerhin habe ich lange dran gearbeitet.

Tatsächlich? Wie lang denn?

Es war nicht so, dass ich vorgeschlagen habe, uns in einem Studio einzusperren – und es lagen dann schon acht Songs von irgendwelchen anderen Songwritern vor, die ich nur einsingen musste. Mit meiner „Gang“, einer Gruppe von vier bis acht Songschreibern, mit denen ich hier in München, aber auch in Berlin zusammenarbeite, habe ich die Lieder erarbeitet. Zusammen schreiben wir auch Songs für andere. Ich bin bei der Arbeit im positiven Sinne ein ziemlicher Perfektionist. Ich akzeptiere nicht alles, nur weil zwei oder drei Leute schon behaupten, es wäre geil so. Mein eigener Kopf ist mir wichtig. Und das war bei der Produktion genauso.

Dabei gehört zu jeder Album-Produktion doch auch der Moment des Loslassens. Irgendwann muss man bestimmen, dass ein Song jetzt endlich soweit fertig ist.

Auf jeden Fall. Lyrisch und musikalisch weiß ich meistens recht schnell, was ich vertreten kann – und was nicht.

Ihre Bandbreite ist enorm. Die Platte soll auch ein wenig eine Visitenkarte sein, die Sie abgeben wollen, oder? 

Ich habe mir darüber eigentlich überhaupt keine Gedanken gemacht. Das ist im Schöpfungsprozess so entstanden. Ein Song, den ich wirklich am Flügel geschrieben hatte, sollte dann auch genau so aufgenommen werden. Am Flügel. Ohne weitere Dramatisierungen. Da habe ich mir Konstantin Wecker zum Vorbild genommen, der oft auch seine größten Aussagen puristisch zum Vortrag am Klavier runtergezogen hat. Dann gibt’s Songs wie „Wo ist die Freiheit“, die von dem Deutschland erzählen, das mir in den letzten zwei Jahren aufgefallen ist. Die Leute gehen wieder auf die Straße, um politische Forderungen laut werden zu lassen, die wir schon einmal so hatten und die bekanntlich alles andere als geil waren. So etwas musste ich natürlich größer in Szene setzen. Dafür habe ich dann mit den Münchner Symphonikern zusammengearbeitet.

Ach wirklich? Wie setzt man denn die Idee um?

Auf gut deutsch gesagt, habe ich mein ganzes Geld rausgehauen.

Um die Symphoniker zu mieten.

Genau. Ich bin für solche Orchestermusiker eben nicht nach Polen oder Ungarn gegangen. Oder habe mir für 24 Monate einen Porsche-Leasing-Vertrag geleistet. Stattdessen habe ich mir gesagt: Ich will wirklich das Bestmögliche rausholen! Und dann habe ich eben drei Songs, die mir unheimlich am Herzen lagen, mit den Münchner Symphonikern umsetzen lassen.

Wie stellt man so einen Kontakt rein praktisch her? Wen muss man da anrufen? 

Ich bin zu den Symphonikern einfach hingegangen und habe mich vorgestellt. Ich singe im Dialekt. Auf den ersten Blick ist das vielleicht ein wenig uncool. Aber ich habe sie einfach anhören lassen, was mir vorschwebt. Und die fanden das gut! Natürlich machten sie das dann auch gegen Bezahlung. Ich glaube aber nicht, dass sie den Auftrag allein wegen des Geldes angenommen haben. Es war eine krasse und großartige Erfahrung!

Allein das Setzen des Songs war ja wahrscheinlich nicht ganz ohne. Ein klassisches Orchester möchte ja sicher Noten haben, oder nicht? Es sind ja keine Jam-Musiker. 

Natürlich. Ich musste Partituren schreiben. Das war alles weit umfangreicher, als ich mir das zuerst vorgestellt habe.

Die grundsätzliche Entscheidung, dass Sie in Münchner Mundart singen, haben Sie einmal für sich getroffen. Warum eigentlich? 

Ich habe auch schon auf Englisch oder auf Hochdeutsch gesungen. Ich bin aber schon sehr Dialekt-affin. Mir g’fallt die Mundart eben. Ich hatte aber mal an einem Songwriter-Camp für Schlagerbands teilgenommen, die leicht Dialekt singen.

Ernsthaft?

Nach drei Tagen dort habe ich mir gesagt: So einen Scheißdreck kann ich nicht mehr machen! Stattdessen habe ich mir gesagt: Lass uns mal etwas richtig Cooles machen. Mit Eiern und Swag! Ich habe mir vorgenommen: Das ziehe ich selber durch. Solche Songs fühle ich eben so stark – ohne dass ich irgendwelche Gedanken verschwendet hätte, dass ich so vielleicht einen Label-Deal bekommen könnte. Ich bin ja jetzt auch nicht mehr Anfang 20. Mit der eigenen Musiker-Karriere hatte ich eigentlich schon innerlich abgeschlossen. Plötzlich kam neuer Schwung in die Sache – mit meinen Songs im Dialekt. Ulkigerweise hatte ich die zunächst in Berlin geschrieben.

Wirklich? Bayerisches im Kiez? 

Das war ja das Irre. Ich saß damals in Kreuzberg in einem alten Lagerhaus, in dem sich heutzutage Studios befinden. Dort kommen sie alle vorbei – von Frieda Gold bis hin zu den Rappern. Und ich war mittendrin – und wollte meine bayerischen Songs durchziehen. Immerhin spiele ich ja auch ein wenig mit dem Überraschungseffekt. Beim Video für „Kennst Mi No“ habe ich absichtlich nicht lippensynchron mitgesungen. Ich wollte, dass die Leute sich den Kopf zerbrechen: Wer singt denn das überhaupt? Das ist doch nicht etwa derjenige, der da schauspielert?

Ihr kleiner Spaß mit dem Verwirrungseffekt.

2019 sollte es doch möglich sein, dass jemand wie ich, der aussieht, als ob er vielleicht als Türsteher vor einem Club steht oder klischeemäßig vielleicht Taxi in der Großstadt fährt, solche Musik macht. Ich bin Kaled. Und ich bin bewusst mit meinem echten Namen vor die Leute getreten. Ich meine ernst, was ich mache. Deswegen will ich meinen echten Namen auf dem Album stehen sehen – und nicht irgendeinen Projekttitel wie „Bayernliebe“ oder so. Manche meiner Songs sind poppiger und klingen für den einen oder anderen vielleicht kommerzieller. Andere sind tiefsinniger. Aber ich stehe zu 100 Prozent hinter allen. Und es ist, glaube ich, eine gute Mischung.

Beim Singen im bayerischen Dialekt gibt es ja eine enorme Breite an Formen – vom Schlager bis hin zu den eher alternativen Liedermachern etwa vom Schlage Christoph Weiherer. Wie schwer ist es da, die eigene Ausprägung zu finden, um sich passend einzureihen?

Die Leute suchen immer eine Schublade. Das war bei mir auch immer so. Wenn ich eine Einladung für eine Fernsehshow bekomme, die fünf Millionen Zuschauer erreicht, und die in dem Teil, in dem ich auftrete, nicht affig inszeniert ist, dann gehe ich da hin! Es kann dann auch der Florian Silbereisen sein. Das ist mir wurscht. Ich will nicht im Heuwagen ins Fernsehstudio gezogen werden und im karierten Hemd winken. Wenn es aber heißt: Kaled mach’ deine Show, dann mache ich da mit! Deswegen war ich dann auch bei Silbereisen zu Gast.

Schon eine recht spezielle Bühne. 

Natürlich gab’s da schon verständnislose Reaktionen wie: Hey, was ist denn jetzt mit dir los? Jetzt macht er Schlager! Stimmt aber nicht. Ich habe mich nicht geändert, meine Musik auch nicht. Ich bin dort genau so eingelaufen, wie ich auch sonst auf die Bühne gehe.

Da gibt es keinen Lederhosenzwang?

Nein, natürlich nicht. Man muss auch keinen Glitzeranzug tragen. Mich hat auch mal jemand gefragt: Wie kommt man denn vom Hip Hop zum Schlager? Ich habe nur geantwortet, dass ich die Frage nicht verstehe. Wie gesagt: Meine Musik hat sich nicht geändert, nur weil ich mal in einer großen Fernsehsendung aufgetreten bin. Es gibt eben keinen Stefan Raab oder „Wetten, dass..?“ mehr, wo man als Musiker massenwirksam auftreten könnte. Ich finde, dass mein Auftritt bei Silbereisen cool und stark inszeniert war. Deswegen würde ich auch noch mal in seine Sendung gehen.

Es macht Ihnen ja schon ein wenig Spaß, Erwartungen zu durchbrechen. Woher dieser Schalk im Nacken?

Na klar. Wer Kaled hört, denkt vielleicht tatsächlich als erstes an Gangster-Rap. Oder an den Algerier Khaled, der damals mit dem Song „Aïcha“ berühmt wurde. Selbst beim Foto-Shooting mit meiner Plattenfirma, kam der Fotograf auf mich zu und meinte: Du rappst? Da musste ich ihm erklären: Nein, ich rappe nicht. Ich singe Mundart. Ich schaue nicht unbedingt typisch deutsch aus? Mir doch wurscht! Alles was ich mache, soll auch eine Gaudi werden. Ich spreche kein hartes Niederbayerisch. Ich switche zwischen den Sprachen – von Hochdeutsch bis Münchnerisch. So wie ich eben bin. Und so wie ich aufgewachsen bin und mit meiner Mama gesprochen habe.

Die Mutter kommt aus?

Neuburg an der Donau. Und mein Papa stammt aus Ägypten.

Eigentlich sollte das in einer Stadt, die sich gerne weltoffen nennt, ja gar kein Thema sein. 

Sollte es auch wirklich nicht. Und tut es meist auch nicht. Allerdings höre ich eben doch ein wenig öfter als so manch anderer: etwas das recht zweifelhafte Kompliment, dass ich angeblich doch so gut Deutsch spreche. Und die Frage, ob ich rappe. Hä? Schubladendenken bringt doch nichts! Mit dem Dialekt-Singen wird’s dann für viele erst recht ein wenig kompliziert. Aber dafür kann ja ich nichts.

Interview: Rupert Sommer

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