Ortsgespräch

Polit-Band Algiers: „Musik ist eine Kraftquelle“

Vertrauen darauf, dass Musik die Solidarität stärkt: Algiers
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Vertrauen darauf, dass Musik die Solidarität stärkt: Algiers

Ihr Rock ist eine Wucht. Algiers ist eine Band, die gegen Rassismus, Unterdrückung und Ausbeutung kämpft. Auf magisch-poetische Art

Hi Algiers, hi Ryan, eure Fans wissen was für eine leidenschaftliche Live-Band Ihr seid und wie wichtig Euch der Austausch mit dem Publikum vor Ort ist. Lange war all das für viele Künstler zuletzt ja nicht möglich. Wie groß ist der Energie-Schub, den Ihr jetzt spürt, wenn Ihr wieder vor einer jubelnde Meute spielt?
Ryan Mahan: Alles, was uns ausmacht, baut auf Gemeinschaft und Solidarität auf. Wir ziehen unsere Energie aus dem Mut und der Lebendigkeit unserer Vorfahren, die oft unter extremen Umständen zusammenkamen, um sich gegenseitig gut zu tun und um etwas zu kämpfen, was jenseits der frustrierenden Tatsachen unserer gemeinsamen Geschichte liegt. Dies hilft immer, ein kleines Licht am Flackern zu halten – unabhängig davon, wie düster unsere Gegenwart wirken mag. Es wird wunderbar sein, diese Energie zu teilen – wie wir es immer machen – und eine echte Verbindung aufzubauen.

Die Band hat ihre kulturelle Basis auf beiden Seiten des Atlantiks. Wie habt Ihr es zuletzt praktisch hinbekommen, untereinander Kontakt zu halten, Ideen auszutauschen und gemeinsam zu arbeiten, wenn das Reisen ja oft fast unmöglich war?
Es bedeutet Arbeit, eine Beziehung am Leben zu halten. Es ist fundamental, sein Bestes zu geben, sie aufrecht zu halten, sie zu reparieren und wiederzubeleben – bei jeder Gelegenheit. Wir mussten uns reinhängen, um Vertrauen und Unterstützungsstrukturen zu sichern. Dabei mussten Wege finden, mit Schmerz und Trauma umzugehen. Es ging darum, für jedes Mitglied der Band genau die richtige Form von Hilfe zu finden.

Anstatt auszugehen und Leute zu treffen, verspürten ja viele Mitmenschen zuletzt das Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Andere entwickelten eine Art privaten Pandemie-Koller. Wie wichtig ist es für eine politisch so engagierte und aufgeschlossene Band, wie Ihr es seid, daran zu arbeiten, wie so etwas wie ein Gefühl von Gemeinschaftssinn zu wecken – und die Leute sogar dazu zu bringen, wieder aktiv, wenn nicht sogar kämpferisch zu werden?
Wieder zusammen zu kommen und sich als Einheit zu fühlen – das ist der Aufruf, aktiv zu werden! Dazu haben wir aufgerufen und werden auch damit weitermachen. Es geht doch darum, alle Teile der Gesellschaft und die Erde als Ganze gerecht und lebenswert zu machen. Die Leute wissen, dass wir wieder unterwegs sind. Und wir werden nicht davor zurückschrecken, Diskussionen anzufachen und unsere Brüder und Schwestern in ihrem Kampf zu unterstützen.

Wen meinen Sie genau?
Nehmen Sie doch die Gewerkschafter bei Amazon, die Menschen, die gegen imperialistische Gewalt in Palästina, dem Jemen, der Ukraine, dem Süden Amerika und in vielen anderen Gegenden der Welt gute Arbeit leisten. Unser Job als Künstler ist es, ehrlich und authentisch zu sein – und den Leuten einen Raum zu bieten, an dem sie Gemeinsamkeit spüren und für die kurze Zeit, die wir zusammen sein werden, vielleicht dem enormen Druck zu entfliehen, dem wir jeden Tag ausgesetzt sind.

Die Zeiten sind tatsächlich extrem ungemütlich. Was ist Ihr bester Tipp, wachsam zu bleiben und gleichzeitig sicherzustellen, dass unsere Ängste uns nicht komplett den Atem rauben?
Mein Tipp ist: Versucht einfach, freundlich mit euch selbst zu sein. Die Mächtigen üben ihre Gewalt über uns auf, in dem sie uns so viel von der Unterdrückung und dem Trauma internalisieren lassen, das das System erzeugt, von dem sie profitieren. Daher macht es Sinn, sich dem zu verweigern und so uns alle gegenseitig ein wenig stärker zu machen.

Sie touren gerade durch Europa, das gerade den Schock verdauen muss, dass ein großer Krieg, der so lange nur eine Fantasy-Albtraum war, tatsächlich in nächster Nähe Realität ist. Wie greifen Sie bedrückende Stimmung auf und wie werden Sie versuchen, den Sorgen und Erwartungen im Publikum zu begegnen?
Die Mächtigen befinden sich bedauerlicherweise ununterbrochen im Krieg gegen die einfachen Leute. Entweder, indem sie unseren Lebensstandard gefährden, oder indem sie Krieg gegen unsere mentale Gesundheit oder unsere Psyche führen. Die Regierungen Europas und des Westens haben für so lange Jahre diese Form von Gewalt auf die Armen und Rechtlosen in der gesamten kolonialen Welt exportiert. Wenn man sich das vor Augen hält, kann das helfen, Alternativen gegen diese Form von Kriegsführung zu finden.

Musik allein kann nicht einfach die Antwort sein. Aber trotzdem: Wie wichtig ist es ihnen, sich und ihre Fans durch Ihre Songs gegenseitig aufzubauen und zu stärken?
Musik ist für mich in so vielerlei Art eine Kraftquelle. Sie kann die Stimmung heben in Zeiten des Kampfs. Sie kann mir helfen, damit ich mir dem Gefühl von Wut und Angst bewusst werde. Sie hilft mir, Mitgefühl zu entwickeln. Sie kann aber auch negativ gebraucht werden, um Materialismus zu glorifizieren und Nationalismus zu beflügeln. Wie immer geht es um den speziellen Kontext. Kann die Musik die Menschheit in die Freiheit führen? Natürlich nicht. Aber vielleicht ist das auch nicht ihre Aufgabe.

Letzte Frage: München. Wie groß ist die Chance, dass sie noch etwas unternehmen und von der Stadt sehen rund um Ihren Konzertaufenthalt?
Wir lieben es, in München zu sein. Es ist eine schöne Stadt, und die Leute dort waren immer sehr freundlich zu uns. Wir hoffen darauf, genau diese Energie wieder zu erleben.

Interview: Rupert Sommer

Algiers spielt am 16. Mai im Strom. Alle Infos und Tickets gibt’s hier: www.strom-muc.de