Ortsgepräch

Komponist Graham Lack: „Schwarzer Humor lindert die Angst“

Musiker und Komponist Graham Lack
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Arbeitet strikt chaotisch: Graham Lack

Wie überleben ohne Auftritte? Der in München lebende britische Komponist Graham Lack hat ein Modell für Auftragswerke geschaffen: Mikrokompositionen

Herr Lack, was genau sind „Mikrokompositionen“, und wie sind Sie auf die Idee dazu gekommen?
Aus irgendeinem Grund war ich auf eine Geschichte über den bangladeschischen Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus gestoßen, der 2006 zusammen mit seiner Grameen Bank den Friedensnobelpreis für die Entwicklung des Mikrokreditsystems erhielt, das Kleinstkredite an Menschen ohne finanzielle Sicherheiten vergibt.

Von dort zur Musik ist’s erst mal ein weiter Weg, oder?
Ich begann mich zu fragen, ob sich dies auch auf mich als Komponist und neue Auftragswerke übertragen ließe. Die neuen Stücke würden in der Tat sehr kurz sein, vielleicht nur ein oder zwei Minuten. Als ich mich an verschiedene Musikerinnen und Musiker in meinem Umkreis wandte, war ich zunächst von den unglaublich positiven Reaktionen überrascht. Die Bereitschaft mitzumachen, gab es so gut wie überall. Und dann wurde mir klar, dass es dafür zwei Gründe gibt: Erstens glaubten sie offensichtlich an meine Musik; zweitens war dies, wie die Vergabe eines Mikrokredits, ein Projekt mit geringem Risiko - sowohl in finanzieller als auch in künstlerischer Hinsicht. Die Auftraggeber wissen nie wirklich, was sie bekommen. Meistens weiß das auch der Komponist zu Beginn nicht.    

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie von Faulheit getrieben sind, aber warum sind solche kurzen Formen plötzlich attraktiv für Sie geworden und worin liegt die Herausforderung beim Schreiben einer Mikrokomposition?
Die Miniaturform hat mich schon immer gereizt. Sie stellt eine enorme Herausforderung dar. Als ich einen Lehrauftrag an einer amerikanischen Universität hatte, habe ich meinen Studenten und Studentinnen immer wieder gesagt, sie sollen sich „kurz fassen“.

Oft leichter gesagt als getan.
Es ist unglaublich, wie schnell selbst ein winziges Stück außer Kontrolle geraten kann, wie ein wilder Garten, den niemand pflegt. Es wäre unbescheiden, meine Musik mit der von Robert Schumann zu vergleichen. Aber nehmen Sie einen meiner Lieblingszyklen für Klavier solo, seine „Kinderszenen“, Op. 15. Diese „kurzen, skurrilen Dinge“, um Schumann zu zitieren, mit ihren charakteristischen Titeln sind von einem führenden Historiker als Antwort des Komponisten auf den Niedergang des Mäzenatentums in der Gründerzeit betrachtet worden.

Freunde der Kurzweiligkeit könnten, wenn sie von Ihrer neuen Leidenschaft hören, jedes neue Werk als musikalisches Äquivalent zu einem japanischen Haiku betrachten. Würde ein solcher Vergleich einen Sinn ergeben?
Das ist ein sehr guter Vergleich. Mein Ausgangspunkt war dennoch, wenn Sie gestatten, eine verwandte dichterische Form: das „Image“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand die anglo-amerikanische „Imagist Group“, zu der Dichtenden wie Hilda Doolittle, Richard Aldington und F.S. Flint gehörten, die von den ästhetischen Ideen Ezra Pounds inspiriert waren. Ihre Gedichte zeichneten sich durch eine nüchterne Klarheit und eine starre Gliederung aus. Die poetische Sprache war äußerst prägnant und schilderte mit kühner Exaktheit die innere „Landschaft“, das heißt das innere Wesen, eines Gegenstandes in einer bestimmten Umgebung, meistens in der Natur. Wenige Worte waren nötig. Mehr nicht.

Sie leben und arbeiten in München: Wo können wir einige Ihrer neuen Werke hören?
Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels – Ende Dezember - wird ein renommiertes Ensemble, der Phoenix Chorale, die amerikanische Premiere eines meiner „Four Lullabies“ geben. Der künstlerische Leiter Christopher Gabbitas hat A-Cappella-Werke unter anderem von Herbert Howells, Cecelia McDowall, John Rutter und Elizabeth Posten ausgewählt und vier Konzerte für die Weihnachtszeit geplant. Aber es gibt auch Gelegenheiten, meine Musik in der näheren Umgebung zu hören, und im nächsten Jahr steht die Uraufführung einer Mikro-Komposition, „weld #2“ für Salaputia Brass, in der Elbphilharmonie Hamburg an. Auch ein kleiner Zyklus von Mikro-Kompositionen, die „Three Acclamations“ für Solocello für Wen-Sinn Yang, sowie verschiedene Werke für Soloklavier, Streichquartett oder Kammermusikgruppen werden zu hören sein. Alle Updates finden sich natürlich auf meiner Website. 

Die Arbeit im großen Stil mit Kollegen und einem Orchester ist in letzter Zeit immer schwieriger geworden: Wie wichtig ist es für Sie, Formen zu finden, um trotzdem mit anderen zusammenarbeiten zu können?
Eine Mikro-Komposition ist und bleibt eine hervorragende Möglichkeit, in kleinem Rahmen aber auch mit großer Besetzung zusammenzuarbeiten und eine musikalische, aber auch finanzielle Vertrauensbasis zu finden. Ich bleibe ein Pragmatiker. Und ich frage mich immer, wenn ich mich an ein neues Stück mache: „Braucht die Welt das wirklich?“ Um meine eigene Frage zu beantworten, die nur zu gewissem Grad rhetorisch ist: „Ja“, im weitesten existenziellen Sinne.

Denken Sie als Komponist ständig in Skizzen und müssen hin und wieder innehalten, wenn Ihnen eine neue, kleine Idee einfällt, die Sie irgendwie festhalten und für die weitere Verwendung aufbewahren wollen?
Vor der Skizze gibt es den Keim einer Idee, die eine sehr kleine Geste sein kann, eine Phrase, eine Reihe von Noten, vielleicht sogar nur eine Dyade. Eine Blume wächst aus einem Stängel, der wiederum aus einem Samen hervorgeht. Wieder zurück in den Garten sozusagen. Der Prozess der Keimung, das heißt der äußerst wichtigen Vorkompositionsphase, geht meist schnell. Und die guten Ideen bleiben nicht lange in meinem Hinterkopf.

Schriftsteller und Journalisten, zumindest die etwas altmodischen, haben immer noch Papier und Stift dabei. Wie arbeiten Sie „unterwegs“? Mit einem Smartphone, um Dinge festzuhalten?
Ich benutze nicht einmal ein Computerprogramm, um Musik zu setzen, sondern verlasse mich auf das, was meiner Meinung nach immer noch das wichtigste Handwerkszeug ist: Notenpapier, Bleistifte (nur 4B!), dazu verschiedene Füllfederhalter und einfache Tauchfedern mit spitzer oder manchmal schräger „Linksfuß“-Feder.

Tatsächlich, so puristisch?
Ich arbeite strikt auf der Grundlage von oft chaotischen Skizzen, die ich mit einem beliebigen Werkzeug anfertige, das gerade zur Hand ist und eine Markierung auf dem Blatt hinterlässt (manchmal ein Zweig auf einem Trampelpfad oder ein großer Zeh an einem Sandstrand), dann eine genaue Abschrift mit Bleistift und schließlich eine hoffentlich einwandfreie Reinschrift mit Tinte, manchmal mit dem Mehraufwand einer sogenannten „Tusche“, die Schellack enthält. Ich habe mit vielen ausübenden Musiker und Musikerinnen, Dirigenten und Dirigentinnen darüber gesprochen, und die Reaktion war immer die gleiche: Das präzise grafische Layout, das von Hand gemacht wird, diese schöne Haptik, sagt mir so viel über Ihre Musik, berichten sie. Bei großbesetztem Orchester lasse ich das Werk natürlich professionell setzen, damit ich die Stimmen nicht extra ausschreiben muss. Man muss mit der Zeit gehen. Aber diese Dinge schließen sich nicht gegenseitig aus. Ein Innovator wie der Drucker Wynken de Worde hatte – es ist eine lange Zeit her – nicht ganz unrecht.   

Ohne zynisch sein zu wollen angesichts dessen, was wir alle noch zu ertragen haben, aber sind diese relativ ruhigen Pandemie-Zeiten gut geeignet, um wirklich nachzudenken, zu arbeiten und neue Kompositionen vorzubereiten, oder sind sie zu betäubend für Sie?
Aktuell war wieder der kürzeste Tag des Jahres, die Wintersonnenwende, die den Tiefpunkt in Bezug auf das verfügbare Tageslicht markiert. Aber es ist eine Art Aufforderung zum Handeln, denn ab morgen wird es immer heller werden. Seltsamerweise, und vielleicht eher trotz als wegen der Pandemie, ist es mir gelungen, eine vollständige Vertonung der Messe für Chor und Orchester zu komponieren. Der Auftrag kam ganz am Anfang der Pandemie zustande, wurde mir von einem sehr angesehenen Ensemble in Deutschland gegeben. Ich hatte auf Anhieb mehr Zeit, als ich sonst gebraucht hätte und ich fühlte mich wie gelähmt. Die großartige Unterstützung des in diesem Falle Dirigenten war entscheidend, und wir trafen uns mehrmals für einen Spaziergang, als es „Schritt für Schritt“ sozusagen vom „Kyrie“ zum „Gloria“ usw. ging.

In einer Zeit, in der ständig alles abgesagt oder bestenfalls wieder verschoben wurde, weiter zu komponieren, war eine echte Herausforderung. Ich bin übrigens nicht gläubig und betrachte die Messetexte als Teil des abendländischen Kulturerbes. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigt, dass ich mich in guter Gesellschaft befinde. Die Leserinnen und Leser werden sicher auf Anhieb viele Komponierende identifizieren können, die sich in den letzten 500 Jahren von der Messe musikalisch inspirieren ließen. Was sonst noch während der Pandemie passiert ist: Ich habe in diesem Sommer den ersten Preis beim Kompositionswettbewerb „Unternehmen Gegenwart“ in Regensburg gewonnen. Kein kleiner Trost. Darüber hinaus habe ich einen Blog mit dem Titel „New Utopias“ (Neue Utopien) gestartet, eine Online-Publikation mit „Denkanstößen“ darüber, wie wir bisher gelebt haben und wie wir in Zukunft zu leben hätten. Dazwischen finden sich Haikus, die eher düsterer Natur sind und die ich selbst verfasst habe.

Was ist Ihr Geheimnis: Wie schaffen Sie es, inmitten all der Schwierigkeiten die Stimmung aufrechtzuerhalten und vielleicht sogar einen Sinn für Humor zu beweisen?
Ich pflege eine Sammlung skurriler Ereignisse aus jüngster Zeit, wie zum Beispiel den unvernünftigen italienischen Zahnarzt, der sich einen falschen Silikonarm an seine Brust geschnallt hatte, um eine „echte“ Impfung zu vermeiden. Wirklich kontraindiziert, wie ich finde. Und wenig überraschend, dass der Impfarzt sofort bemerkte, dass da etwas faul war! Und ein wenig schwarzer Humor kann vielleicht die Trägheit, die Langeweile und die allgemeine tiefsitzende Angst lindern wie die „Tatsache“, dass das Olympische Komitee den Gebrauch der Startpistole für den 100-Meter-Sprint verboten hat und dafür plädiert, dass ein Offizieller direkt hinter den Athleten in ihren Startblöcken zu stehen hat und dann sehr laut niesen soll.

Interview: Rupert Sommer

Alle Infos zu Graham Lack und zu seinen Kompositionen: www.graham-lack.com

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