Ortsgespräch

Jazz-Sängerin Stefanie Tornow: „Leichtigkeit darf nicht abhandenkommen“

Stefanie Tornow und Beat Baumli
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Haben sich im Internet gefunden und schätzen gelernt: Stefanie Tornow und Beat Baumli.

Die Jazz-Sängerin Stefanie Tornow stellt dieser Tage ihr neues Album vor. Wie sie ihren Co-Musiker Beat Baumli beim Online-Dating kennenlernte 

Frau Tornow, Gratulation zum neuen Album „The Night Has a Thousand Eyes“, dem man anmerkt, wie viel Leidenschaft, Arbeit, Vorfreude da drinsteckt. Wie groß ist die Erleichterung, das jetzt auch endlich wieder im angemessenen Rahmen vor Publikum vorstellen zu können?
Sehr groß! Der Austausch mit dem Publikum, neben dem Applaus, und seien es nur ein paar Worte, ist wichtig für die eigene Motivation und treibt mich an, mich ständig weiterzuentwickeln. Ich freue mich auch sehr, wenn die Zuhörer beschwingt mit einem sichtbaren Lächeln (ohne Maske) im Gesicht nach Hause gehen. Die Arbeit an der CD hat mir im Übrigen ganz gut geholfen, über die Zwangspause hinweg zu kommen.

Hinter deren Entstehen steckt ja eine spannende Geschichte: Wie kamen Sie denn auf die Idee, sich Ihren Musikpartner, den Gitarristen Beat Baumli, über das Internet zu suchen?
Ha ha, ich habe ihn gar nicht „gesucht“, es hat sich einfach so ergeben. Eigentlich suchte ich eine Möglichkeit, über die ich meine bestehenden Projekte proben konnte. Ich habe dann eine entsprechende Plattform entdeckt, bei der es auch Jamsessions gab, bin dann einfach reingegangen und so bin ich auf den wunderbaren Schweizer Gitarristen Beat Baumli gestoßen. Er war außerdem treibende Kraft bei der CD Produktion, die nun unter seinem Label „AllJazzRecords“ erschienen ist.

Wie muss man sich denn eigentlich „Online-Dating“ für Musiker vorstellen: Wie prickelnd ist das, wie viel muss man von sich zeigen, wie macht man die Partner neugierig?
Im Grunde will man einfach „nur“ zusammen spielen, dafür gibt es offene Jamsessions. Man geht dann in die Jamsession seiner Wahl, ob Jazz, ob Pop, und dann geht’s gleich los! Bereits nach den ersten Takten merkt man, ob das spielerische Niveau den eigenen Vorstellungen entspricht und ob es musikalisch harmoniert. Wenn nicht, ab zur nächsten Session. Eine Vorstellungsrunde im klassischen Sinne gibt es nicht. Spannend war es schon, die verschiedenen Sprachen und Akzente zu hören, und zu erfahren, in welchem Land, in welcher Stadt sich die zusammengewürfelten Musiker gerade befinden und wie die Coronalage vor Ort ist. Für ein wenig Smalltalk ist schon Platz, aber möglichst nicht zu viel, denn man ist ja zum Musikmachen da. Nach einer gewissen Zeit bildeten sich dann Gruppierungen heraus und man hat sich verabredet, was etwas von der Spontaneität und der Vielfalt der Sessions genommen hat. Ich habe immer noch Bekanntschaften aus den Lockdowns und spiele mit diesen gelegentlich. Die Kamera bleibt im übrigens meistens aus, dann ist der Ton besser und es ist spannender, sich nur auf die Ohren zu verlassen. Sie merken schon, mit einem „Dating“ hat das Ganze doch relativ wenig zu tun!

Wie hat es dann aber trotzdem zwischen Ihnen beiden letztlich „gefunkt“?
Wir haben einfach beide eine Leidenschaft für Swing und Bossa Nova und sind sehr spielfreudig, so wurden die Abende und Nächte lang. Wir sind uns beide bei einer Jamsession mit einem amerikanischen Bassisten aus Portland begegnet, Dan Koloski. Übrigens ist auch ein Titel, den wir öfters zu Dritt gespielt haben auf der CD zu hören! Zudem verbindet uns eine ähnliche Auffassung zur Jazztradition, die uns beiden sehr wichtig ist.

Beat Baumli kommt ja aus der Schweiz: Normalerweise ja fast so etwas wie ein Katzensprung von München. Wie merkwürdig hat sich das angefühlt, als das Land während der härtesten Corona-Zeiten komplett die Türen zugesperrt hatte?
Natürlich seltsam. Aber da wir ja beide insofern viel Zeit hatten und keine Gigs, wurde Abends, ja fast nahezu täglich gejammt, das hat die Zeit dann doch schneller vergehen lassen. Und so entwickelten Beat und ich aus dem ursprünglichen musikalischen Zeitvertreib erst nach und nach die Idee, eine feste Formation aus dem Duo zu machen, und erst das erste nicht nur virtuelle musikalische Treffen gab darüber Aufschluss, wie fruchtbar eine Zusammenarbeit in der „realen“ Welt sein würde.

Sie bringen beide ja viel Erfahrung und eigene Vorlieben mit: Wie schwer war es, sich auf die Song-Auswahl für das neue Album zu einigen?
Nicht so einfach, das ist korrekt! Wir hatten natürlich noch viel mehr Titel auf dem Schirm. Wichtig war uns aber, eine abwechslungsreiche Produktion zu realisieren und alle Facetten unseres Zusammenspiels abzudecken. Verschiedene Tempi und Rhythmen, Swing, aber auch coole Bossa Novas und Balladen. Es gibt auch eine Hommage an Wes Montgomery aus der Feder von Beat auf dem Album. Ich singe neben Englisch auch gern in Portugiesisch und Französisch, daher durfte auch ein Chanson nicht fehlen, der sich allerdings in englischer Version unter dem Namen „You must believe in Spring“ auch als Jazzstandard etabliert hat.

Im Jazz gehört das ja dazu: Aber trotzdem, wie groß ist dann doch ab und an das Gefühl, ein wenig ehrfürchtig oder gehemmt zu sein, wenn man sich an Neu-Interpretationen von Songs wie „Manhattan“, „Moon River“ oder Duke Ellingtons „Azure“ wagt?
Ich habe immer meine Vorbilder, wie Ella Fitzgerald, Billie Holiday oder auch Blossom Dearie im Hinterkopf, die diese Songs geprägt haben. Weniger aus Ehrfurcht als zu intuitiver Inspiration. Ich versuche, mich so in den Song zu versetzen, als wäre er eben erst geschrieben worden, das heißt seine mir gegenwärtige Essenz zu spüren und nehme das in meine Interpretation mit auf.

Frühlingshaft schwingt ja auch Antonio Carlos Jobim durch Ihre Auswahl: Wie wichtig ist eine Prise Brasilien-Sehnsucht in diesen Zeiten?
Das Lebensgefühl, die „Saudade“ habe ich irgendwie immer schon gespürt. So hat es mir das „Girl from Ipanema“ schon als Teenager angetan. Leichtigkeit gepaart mit etwas Melancholie finde ich sehr schön. Besonders die Leichtigkeit des Lebens, die Lebensfreude darf uns in diesen Tagen nicht abhandenkommen!

Letzte Frage: „The Night Has A Thousand Eyes“ heißt Ihr Album. Wie wörtlich darf man das verstehen, und was gehört für Sie zu einer langen, rauschhaften Nacht, in der man irgendwann nicht mehr auf die Uhr schaut, unbedingt dazu?
Musik, Musik, Musik!!!

Interview: Rupert Sommer

Das neue Jazz-Album „The Night Has a Thousand Eyes“ von Stefanie Tornow und Beat Baumli kann man am 19. Mai im Galli-Theater in der Amalienpassage und am 20. Mai bei Tresor Vinum in der Georg-Kalb-Str. 9 in Pullach Live hören. Hingehen!