Ortsgespräch

Liedermacher Christoph Weiherer: „Ich vermisse mein Publikum“

BU: Geht spät ins Bett und steht spät auf – um für Auftritte fit zu bleiben: Weiherer
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BU: Geht spät ins Bett und steht spät auf – um für Auftritte fit zu bleiben: Weiherer

Und das Finanzamt vermisst seine Vorauszahlungen. Wie so viele Musiker konnte auch der Weiherer lange nicht auftreten und brennt auf die ersten Konzerte. Aktuell tobt er sich am heimischen Herd aus. Und bei „grundsätzlich entspannter Lebenshaltung“. Recht so!

Grüße nach Giesing: Hoffentlich geht es soweit äußerlich gut in der Weiherer-Wohnhöhle?
Danke der Nachfrage. Äußerlich und innerlich – soweit ich das beurteilen kann – alles im grünen Bereich.

Gar nicht so selbstverständlich dieser Tage, dass man Gesundheit und Gelassenheit einigermaßen im Griff hat: Wie schaffst du es, den Kopf über Wasser und die Laune so gut es geht krisenfest zu halten?
Einfach ist das bestimmt nicht, aber es liegt zum Glück in meinem Naturell, dass ich mich nicht allzu leicht aus der Ruhe bringen lasse. Ich hab in meinem Leben schon ein paar ernsthafte Krisen durchgemacht, da kommt’s auf diese jetzt eigentlich auch nicht mehr an. Außerdem gibt es auf dieser Welt wahrlich größere Probleme, als die Tatsache, dass ein kleiner bayerischer Liedermacher ein paar Monate nicht auftreten darf.

Zuletzt hat man ja viele feine Eigenkreationen aus deiner Küche in den sozialen Netzwerken gesehen. Du wirst doch nicht etwa doch noch zum Backwahn-Jünger?
Zu dem werde ich nicht – so einer bin ich schon längst! Kochen und Backen sind tatsächlich seit meiner Jugend leidenschaftliche Hobbies, und ich genieße es, die viele Freizeit aktuell mit vermehrten und aufwändigeren Aktivitäten in meiner Küche verbringen zu können. Nur schade, dass mich keiner dafür bezahlt, aber davon könnten wiederum die Gastronomen ein Lied singen…

Eine grundsätzlich optimistische, mit Humor ausgepolsterte Lebensgrundhaltung darf man dir ja unterstellen. Aber wie groß ist das Loch mittlerweile, die der Spaß hat?
Damit ich meinen Humor verliere, reicht ein Jahr mit so einem depperten Virus ganz sicher nicht, aber freilich, mit den reihenweise abgesagten Konzerten würd’s schön langsam mal reichen. Ich vermisse mein Publikum, die Nähe zu so vielen Menschen, die Stimmung, das Unterwegssein, die Atmosphäre der Clubs und Kleinkunstbühnen, all das was meinen Beruf ausmacht. Und das Finanzamt vermisst meine Vorauszahlungen.

Kommt man mit einer Gitarre und möglicherweise viele neuen Song-Ideen besser durchs unfreiwillige Eremiten-Leben?
Ehrlich gesagt nehme ich die Gitarre nur sehr selten zur Hand. Auch wenn ich die Zeit grundsätzlich als äußerst interessant empfinde - weil so eine Erfahrung hat schließlich noch keiner zuvor gemacht - sprudeln die neuen Song-Ideen nicht gerade über. Meine Songs entstanden bisher eher im pulsierenden Leben, am Stammtisch, durch aufgeschnappte Gesprächsfetzen, ganz einfach durch die – oder manchmal auch zuviel – Nähe zu den Leuten. Und genau das fehlt leider im Moment. Aber vielleicht sprudelt´s dann umso mehr, wenn´s wieder losgeht.

Wie häufig wachst du nachts auf mit wilden Wirtshausbühnenerlebnissen und verneigst dich noch kurz vor dem Publikum, bis du merkst, dass wieder niemand da war und zuhören konnte?
Das kommt zum Glück recht selten vor, was vermutlich auch an meiner grundsätzlich entspannten Lebenshaltung liegen dürfte. Oder aber – um aus den Auftritten längst vergangener Tage zu zitieren – an meinen Tabletten.

Bevor so vieles aus den Angeln gehoben wurde, warst du ja fast täglich im Reisestress von Konzerttermin zu Konzerttermin. Was richtet eigentlich die abrupte totale Schubumkehr mit dem Liedermacher-Organismus an?
Ich hab versucht, mir meinen Rhythmus weitestgehend beizubehalten. Ich gehe immer noch spät ins Bett und stehe spät auf, damit ich zur Prime-Time entsprechend fit bin, falls es mit den Konzerten doch irgendwann mal wieder losgehen sollte. Ob aber das Trainieren des spätnachts Heimkommens ein triftiger Grund ist, um gegen die Ausgangssperre zu verstoßen, hab ich bis jetzt noch nicht rausgefunden.

Glücklich, wer sich auf treue Fans verlassen kann: Wie wichtig ist es, zumindest schriftlich ab und an von einem Publikum zu hören, das einen nicht vergessen hat?
Für uns Künstler sind die sozialen Medien natürlich ein großes Glück. So kann man ganz gut mit seinen Fans in Kontakt bleiben, bis hin zu Online-Konzerten, das erleichtert die Situation schon sehr. Ich freu mich immer, von meinen Fans zu lesen, sogar ganz altmodische – also analoge – Fanpost hab ich in der Zeit bekommen – Geburtstagskarten, selbstgebastelte Geschenke etc. – und viele, viele CD- und Fanartikel-Bestellungen, die mir finanziell natürlich extrem weitergeholfen haben.

Eigentlich ja fies: Üblicherweise müsste man ja jetzt auf der Bühne stehen und die arg aufgemandelten Söders dieser Welt in die Pfanne hauen. Wie stark juckt dich der Jagdinstinkt?
Das wurmt mich schon ein bisschen, da hätte ich mich im Eifer des Gefechts sicher zum einen oder anderen deftigen bis derben Spruch hinreißen lassen, und die Stimmung wäre je nach Publikum übergekocht oder gekippt. Aber mein Trost ist und bleibt, dass sich in der Politik auch in Zukunft noch jemand aufmandeln wird. Und der Söder bleibt ja auch erstmal hier. Aufgeschoben ist also nicht aufgehoben.

Geschichte geht weiter. Wie tröstlich ist es, dass du wenigstens den Dobrindt-Song immer noch nicht ändern musst?
Das ist einerseits tröstlich, andererseits natürlich auch erschreckend. Manche meiner zehn oder zwölf Jahre alten Lieder sind jetzt aktueller denn je. So muss ich zwar mein Programm nicht gar so oft erneuern, was mir meine Arbeit freilich ungemein erleichtert, aber manchmal würd ich auf meinen persönlichen Vorteil auch ganz gerne verzichten. Zum Wohle der Allgemeinheit sozusagen.

Letzte Frage: Mit welchem rotzfrechen Song muss es unbedingt wieder losgehen, wenn du hoffentlich schon bald wieder auf der Bühne stehst?
Das entscheide ich – wie die Setlist bei jedem meiner Auftritte – am liebsten spontan. „Scheiß da Hund“ bietet sich grundsätzlich immer an, vielleicht garniere ich auch meinen Klassiker „A neis Liad“ mit ein paar aktualisierten Versen, womöglich sollte ich aber auch mit einem ganz ruhigen Lied anfangen, damit die Leute sich überhaupt erstmal wieder an die Konzertatmosphäre gewöhnen – so zum langsam Einschleichen quasi.

Wer den Weiherer mit Platten- und Merch-Käufen unterstützen möchte und/oder einfach so Zeitlang nach ihm hat: www.weiherer.com.

Interview: Rupert Sommer

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