Ortsgespräch

Digitalanalog-Festival-Macherin Claudia Holmeier: „Festival-Feeling im Netz“

Claudia Holmeier vom Digitalanalog-Festival
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Claudia Holmeier vom Digitalanalog-Festival

Elektro-Gefrickel und Songwriting, Klassik, Pop und allem grandiose Visuals: Am 16. und 17. Oktober legen sich fürs Digitalanalog-Festival 40 Bands im Gasteig ins Zeug. Fans bleiben zu Hause: Mit-Organisatorin Claudia Holmeier lädt München zu den spannendsten Live-Streams dieser Tage ein.

Frau Holmeier, Kulturreferent Anton Biebl, einer der Unterstützer des Festivals, spricht vom Motto „Alles bleibt anders“, das dieses schräge und anstregende Jahr ausmacht. In wie weit trifft es das Anspannung der vergangenen Wochen im Digitalanalog-Veranstalterteam ganz gut?
Alles was wir aus den letzten 18 Jahren an Erfahrungen hatten wurde neu sortiert. In das Streaming Thema mussten wir uns überhaupt neu einarbeiten, einfache Themen wie Catering mussten und müssen überdacht und ständig angepasst werden, ein Hygienekonzept hatten wir bis dato überhaupt nicht als Thema.

Ein Festival zu planen, erinnert ja ein wenig an das Steuern eines Dampfers: Ab wann war denn auf der Brücke klar, wohin in diesem Jahr die Reise geht und in welchem sicheren Hafen die Künstler überhaupt einlaufen können?
Für uns war sehr früh klar, dass es ein Festival geben muss, auch um ein Statement für die Kunst in München zu setzen. Im April stand alles noch in den Sternen und sehr früh haben wir uns auf eine Streaming- Variante festgelegt

Ohne den Stress zu schmälern, den Sie und Ihre Kollegen zuletzt aushalten mussten: Aber ein bisschen gehört der Überraschungserfekt, was das Wo und Wie angeht doch schon auch zur Geschichte Ihres Festivals, oder?
Scheint so, ja. Wir lieben ja auch die Herausforderungen und das Neue.

Vor allem in der strengen Lockdown-Phase wurde ja Musik gestreamt auf Teufel komm‘ raus: In wie weit könnte auch das Festival davon profitieren, dass immer mehr Leute bereit, ja geradezu süchtig danach sind, Künstler virtuell zu sich nach Hause zu holen?
Da wir ja fünt parallele Streams anstreben, hoffen wir, das Festival-Feeling durch parallel stattfinde Konzerte nachzuempfinden. Man hat ja immer die Möglichkeit, wenn die gerade gespielte Musikrichtung den Zuhörer nicht erfüllt, in einen anderen Saal auszuweichen.

Das Team vom Digitalanalog-Festival 2019

Eigentlich lebt das Digitalanalog-Festival ja von der Begegnung - vom Aufeinandertreffen nicht nur von Publikum und Künstlern, sondern auch von Gattungen untereinander, von Klang, Bild und Raumerlebnisse. Wie viel von diesem Geist kann man denn in eine Netz-Variante rüberholen?
Deshalb die fünf parallelen Streams. Und wir haben dieses Jahr erstmalig Moderationen zu den Acts. Bisher war unsere „Radio Bühne“ ein Treffpunkt für Talkrounden und nicht so sehr für Moderation. Zudem ist an jedem Tag eine Einführung zu Modularsynthesizern geplant

Wie muss man sich den Ablauf eigentlich konkret vorstellen: Sie werden ja nicht wirklich „aus der Konserve“ senden? Wie viele Künstler sind denn an den Festivaltagen vor Ort im Gasteig?
Wir haben ca. 40 Bands im Durchlauf, nach einem ausgeklügelten Ablaufplan.

Und werden die Musiker denn vor Ort wenn auch vor einem kleinen Publikum spielen - schon allein damit, dass Live-Stimmung aufkommt?
Wir haben uns dagegen entschieden, dass Publikum auch in kleiner Zahl vor Ort sein wird. Denn bei unseren Besucherzahlen: Wem sollen wir da eine Karte geben? In den letzten Jahren kamen ca. 12.000 Besucher im Durchlauf.

Wow, wirklich beachtlich. Für viele Künstler ist die Sichtbarkeit ja das A und O in Zeiten, in denen das reale Auftreten so schwer geworden ist. Was von den neuen Live-Formen und Auftrittsmöglichkeiten sollte man Ihrer Meinung nach eigentlich in eine „Zeit danach“ herüberretten?
Jede Art der Präsens ist doch gut. Ob kleine Clips im Netz oder Konzerte im Hof, da gibt es viele Varianten.

Digitalität bringt ja auch Vernetzung mit sich. Wie gut lässt sich denn Nähe zu den Künstlern herzustellen?
Wir bekommen viele Mails von Besuchern, die uns sagen, wie sehr sie es dieses Jahr vermissen werden zu kommen aber auch wie schön es ist, dass wir überhaupt eine Veranstaltung „fahren“. Durch engen Austausch, viele Telefonate, Mails. Wir haben schon Rückmeldung von Künstlern, die sich in kleineren Gruppen (Corona-konform) treffen wollen, um gemeinsam den Stream zu sehen.

Letzte Frage: Wie groß ist der Stolz im Team, das Ding trotz aller Widrigkeiten auf die Beine gestellt zu haben und wie wird gefeiert, wenn alles gut geklappt hat?
Da wir ja wie eine Familie sind, freuen sich alle sehr, dass wir es schaffen vor Ort miteinander am „Festival im Netz“ zu arbeiten. Da wir unsere Weihnachtsfeier auch schon einmal an Ostern gefeiert hatten, warten wir auf den nächsten Sommer ...

Interview: Rupert Sommer

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