Interview

Danger Dan von der Antilopen Gang: „Shitstorm ist der größte Applaus“

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Danger Dan von der Antilopen Gang

Am 20. September kommt mit Danger Dan von der Antilopen Gang ein Rapper in die Stadt, der keine Scheu hat, sich anzulegen. Und der sich mit seinen „Reflexionen aus dem beschönigten Leben“ aktuell auch sehr privat selbstbespiegelt. Wir haben Ihn zum Interview getroffen.

Mit Ihrem Solo-Album haben Sie sich ja auch ein wenig selbst belohnt, oder?
Danger Dan: Richtig. Am 1. Juni gab’s Geburtstag. Und das Album kam raus.

Schönes Geschenk. Aber Sie haben sich ja auch ziemlich was aufgehalst. Das ist ja etwas sehr Persönliches geworden, was ziemlich tief blicken lässt. Schwer gefallen, viele ungemütliche Themen so nah an sich ranzulassen?
Danger Dan: Schwer nicht. Es wäre eher schwierig gewesen, diese Sachen zu umgehen. Es sind ja alles Dinge, die mich beschäftigt haben.

Sie haben ja eine Therapie gemacht. Und sich – durchaus auch angestoßen durch die Therapeutin – Gedanken über Ihr Leben gemacht.
Danger Dan: Eine normale Therapie fängt damit an, dass der Therapeut oder die Therapeutin erst verstehen muss, wer das ist, der da jetzt sitzt. Deswegen werden dann Eckdaten des Lebens abgefragt. Wo kommst du her? Wo willst du hin? Wo bist du gerade? Das sind zunächst mal Dinge, die man einfach beantworten kann – von der Wohnsituation etwa oder der Frage, ob man in einer Partnerschaft steckt. Aber dann kommt auch Schwierigeres. Die Therapeutin hat sich durch meine gesamte Biografie durchgefragt.

Ans Eingemachte!
Danger Dan: Das wühlt dich natürlich total auf.

Wie kamen Sie denn dazu, sich auf solche Gespräche einzulassen?
Danger Dan: Es gab mehrere Gründe. Der vorgeschobene Grund war: Ich hatte in einem Ratgeber für Angehörige von Depressiven gelesen, dass man sich auch mal professionellen Rat suchen kann, wenn einen das sehr belastet. Ich hatte tatsächlich in meinem Umfeld mehrere Leute, um die ich mich immer sehr gesorgt habe. Im Endeffekt war das aber total vorgeschoben: Es ging nicht um diese Leute. Es ging in erster Linie um mich. Der Anlass war da. Dann ging’s los – und schnell in die Vollen.

Das Album zur neuen Tour heißt „Reflexionen aus dem beschönigten Leben“. Auch ein Ergebnis der Therapiegespräche? An anderer Stelle haben Sie mal gesagt, dass Sie schon so viele Lebensläufe gefälscht haben, dass Sie gar nicht mehr wissen, welcher der eigene ist.
Danger Dan: Das geht ja nicht nur mir so. Ich glaube, dass die meisten Leute, die einmal an einer Art Fotowand zuhause auf sich schauen, schnell merken, dass sie fast nur Situationen festgehalten haben, die irgendwie schön sind. Im Fotoalbum gibt’s selten ein Foto von einem Familienstreit. Oder von einer Beerdigung oder einer Scheidung. Alles, was auf den ersten Blick neben den schönen Momenten nicht so zum Leben dazugehört, wird nicht archiviert. Und man denkt auch nicht so gerne daran zurück. Spätestens dann, wenn du bei der Therapeutin auf der Couch sitzt, sind das die Momente, die du nicht ausblenden solltest. Sie sind genauso wichtig und gehören zur Biografie dazu.

Ein Instagram-Album jeden Tag mit geilen Fotos zu füllen, wäre also genau das Falsche?
Danger Dan: Ich weiß nicht, ob das falsch ist. Aber es wäre halt unvollständig. Ich bin ein großer Freund von Eskapaden – und davon, sich einfach mal die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Aber langfristig reicht mir das für mein Leben nicht aus.

Im neuen Song „Private Altersvorsorge“ treten Sie ja wie in einen Dialog mit sich selbst vor zehn Jahren ein. Bisschen unheimlich?
Danger Dan: Das war in erster Linie total schön. Mir hat es gut getan, diesen Text zu schreiben. Aber natürlich war es auch unheimlich, mir meinen alten Song noch mal anzuhören und mich da rein zu versetzen, was mich vor zehn Jahren so umgetrieben hat. Ich hab schon gemerkt, dass einerseits mein Leben sich komplett gedreht hat und wenig von dem Leben übrig geblieben ist, der ich damals war. Andererseits sind die Grundthemen einfach dieselben geblieben. Und dass man sich mit denen oft im Kreis dreht.

Sie sind ja auch Vater geworden. Ihr „Sand in die Augen“-Song klingt ja wie eine Botschaft an Ihre Tochter, sich nicht unterkriegen zu lassen – auch in einer durchsexualisierten Musikwelt.
Danger Dan: Das Lied wirft ja mehr Fragen auf, als dass es appelliert. Es geht darum, dass ich gar nicht weiß, wie ich ihr das alles eines Tages erklären soll – in welcher Welt wir eigentlich leben und was die Generationen davor alles verpasst haben. Und was die nächsten Generationen ausbaden müssen. Wenn überhaupt, dann verbirgt sich darin eine Botschaft an andere Väter. Oder andere Mütter.

Es geht ja zumindest auf der Oberfläche um die üblichen frauenfeindlichen Klischees und das Benutzen von Frauen, wie man es aus vielen Rap-Songs oder -Videos kennt. Aus dem Mund eines Rappers nicht ganz alltäglich...
Danger Dan: Interessanterweise. Rap ist ja eigentlich ein Genre, in dem man um diese Themen gar nicht herumkommt. Es gibt wohl wenige Subkulturen, in denen Sexismus so unverblümt stattfindet. Eigentlich verwunderlich, dass es nicht eine intensivere Auseinandersetzung damit Themen gibt.

Gut, dass Sie es machen. Richtige Freunde wird man sich bei einigen Rap-Kollegen, die Ihnen vielleicht nicht unbedingt wichtig sind, damit vermutlich nicht machen.
Danger Dan: Nö. Damit kann ich leben. Für mich waren die größten Komplimente immer, wenn die richtigen Leute mich Scheiße fanden.

Mut zum Anecken gehört bei Ihnen ja dazu.
Danger Dan: Als wir mit der Antilopen Gang „Beate Zschäpe hört U2“ geschrieben haben, gab’s einen Shitstorm im Internet. Von solchen Arschlöchern! Das ist für mich ein viel größeres Kompliment, als wenn die richtigen Leute mir auf die Schulter klopfen und sagen: Cooles Lied, ey! Anderes Beispiel: Als ich im Lied „Verliebt“ mit Monchi (Jan Gorkow, Frontmann von Feine Sahne Fischfilet, Anm. d. Redaktion) geknutscht habe, gab’s ganz viele homophobe Reaktionen. Wenn ich genau diesen Leuten den Tag versauen kann und die sich über mich aufregen, dann ist mir das viel wichtiger als der lauteste Applaus, den ich in meinem Leben bekommen habe.

Ritterschlag. Klingt kämpferisch und selbstbewusst.
Danger Dan: Ich komme eben aus einer linksradikalen Szene. Und ich benützte „linksradikal“ ganz gerne als Selbstbezeichnung.

Keine Angst vor der Ironiefalle? Ihr Song-Vorschlag über einen Atombombenabwurf über Deutschland“ war schon ernst gemeint?
Danger Dan: Das war sehr ernst gemeint.

Mit der Antilopen Gang müssen Sie manchmal allerdings schon im Feuilleton das Abendland retten. Wie fühlt sich das an als „guter“ Rapper?
Danger Dan: Wenn man gegen die Bösen ausgespielt wird? So etwas führt manchmal an der Debatte vorbei. Ich möchte nicht das Abendland retten. Und ich möchte nicht für diejenigen, die Sexismus im Rap nur dann entdecken, wenn sie damit migrantische Rapper kritisieren können, als der weiße Öko-Mittelstandsbubi herhalten. Dieses Spiel spiele ich ungern mit. Ich will aber gleichzeitig auch keinen sexistischen, misogynen Rapper in Schutz nehmen. Bei so jemandem ist mir völlig egal, ob er Migrant ist oder nicht.

Letzte Frage: Sie haben die nächste Zeit mit Auftritten auf Ihrer eigenen Tournee zugeballert. Mussten Sie da eigentlich bei der Antilopen Gang um Freigang bitten?
Danger Dan: Ich habe mir mit leeren Versprechungen, dass uns das alles gar nicht tangiert und uns in keiner Weise aufhalten wird, einen Freifahrtschein geholt. Hat sich natürlich nicht erfüllt.

Interview: Rupert Sommer

Danger Dan, Feierwerk Hansa 39,Hansastr. 39-41
Mi., den 20.09., ab 20:00 Uhr, Konzert auf events.in-muenchen.de

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