Ortsgespräch

Christian Kiesler und Danny Kufner: „Kultur sichtbar halten“

Christian Kiesler von Target und Danny Kufner von Polarkonzerte

Noch bis 16. September läuft auf der „Sommerbühne im Stadion“ der Weltrekordversuch für das längste Musik-Open-Air-Festival der Welt. Die maßgeblichen Kreativ-Köpfe: Christian Kiesler von Target und Danny Kufner von Polarkonzerte. Sie haben München den Sommer gerettet.

Frau Kufner, Herr Kiesler, die Stadionkonzerte im Olympiapark sind bestens angelaufen. Wie groß ist die Erleichterung, dass es mit so einem Kraftakt in so kurzer Zeit dann doch gut geklappt hat?
Christian Kiesler: Hand aufs Herz, wir sind wahnsinnig erleichtert. Wir beide haben sowas noch nie gemacht, und klar, als Veranstalter können wir improvisieren, aber in dem Ausmaß hat das glaube ich so noch niemand gemacht. Aber, und das muss man wirklich sehr laut sagen, das ganze Projekt ist eine Teamleistung, das wäre nicht möglich, wenn nicht wahnsinnig viele Leute am selben Strang gezogen hätten.

Danny Kufner: Wir beide veranstalten schon seit vielen Jahren Konzerte. Allerdings haben wir es in dieser Situation mit vielen neuen Voraussetzungen zu tun. Da lernen wir jeden Tag dazu und sind ständig am optimieren der Abläufe. Dennoch sind wir sehr stolz dass wir dieses Projekt in so kurzer Zeit auf die Beine stellen konnten.

Wie viel graue Haare und wie viel Schweiß waren im Vorfeld nötig, die vielen Abstimmungen für den so einmaligen Konzertsommer auf die Reihe zu kriegen?
CK: Ich muss für mich sagen, so schlimm war es gar nicht. Eher im Gegenteil, ich empfand und empfinde es auch immer noch als unglaublich spannend, lehrreich und auch befreiend, gerade wenn man sich vorstellt, dass wir im Frühjahr ja erstmal all unsere Arbeit rückabgewickelt haben. Die Sommerbühne war für mich eher eine Chance wieder etwas Sinnvolles und Zielführendes zu tun.

Harte Zeiten schweißen zusammen: Trotzdem, wie knifflig war es denn, so viele so unterschiedliche Veranstalter und Künstler für eine Idee zu begeistern?
DK: Es ist schön zu sehen dass es allen Teilnehmern um die Sache geht - um eine tolle Bühne auf der man sich zeigen kann und endlich wieder vor Publikum spielt.

CK: Ganz ehrlich, ich hatte mir da auch ziemliche Sorgen gemacht, aber wie sich dann herausstellte ganz umsonst, da wir eigentlich überall auf offene Türen getroffen sind. Und ich glaube, wir könnten gut und gern noch einen Monat mit tollen Veranstaltern und unglaublich gutem Programm füllen.

In "normalen" Zeiten dürften viele der von Ihnen zusammengebrachten Möglichmacher ja Konkurrenz sportlich nehmen. Wie wichtig war es, die Ellenbogen einzuklappen und einmal an einem Strang zu ziehen?
CK: Ich glaube in einer so dermaßen umfassenden Krise, ja nicht nur für unsere Branche, sondern für unsere ganze Gesellschaft, ist es unabdingbar, sich solidarisch und fair zu verhalten. Und wir beide sind sehr sehr glücklich, dass wir bei diesem Projekt soviel Rückendeckung und Unterstüzung von unseren Kollegen erhalten haben und auch immer noch erhalten.

Der Kampf gegen allerlei Widrigkeiten gehört zu Ihrem Job: Wie fühlt es sich allerdings an, wenn man sich im Schnellkurs jetzt quasi auch noch zum Seuchenschutzexperten weitergebildet hat?
CK: Ich würde mich selbst nicht als Seuchenschutzexperten bezeichnen… Aber ja es ist nun mal ein Thema, mit dem wir Veranstalter uns nun beschäftigen müssen. Wobei ich sagen muss, dass wir Veranstalter uns ja auch unter normalen Umständen mit der Sicherheit des Publikums, des Personals und der Künstler beschäftigen müssen. Das heißt: Ganz Grundsätzlich ist es ja nichts Neues für uns, sondern nur noch ein bisschen umfangreicher geworden.

Lassen Sie doch mal hinter die Kulissen blicken: Wie groß ist die Erleichterung Ihrer Künstler, dass sie nun endlich mal wieder mit Schmackes auftreten können?
CK: Gerade für die Münchner Künstler*Innen war das extrem wichtig, dass sie in diesem Sommer nach all den Absagen zumindest noch ein paar weniger Auftritte machen können, gerade mit dem eher düsteren Blick auf den Herbst und Winter. Ich vermute, den Künstlern ging es genauso wie uns Veranstaltern. Wir befinden uns alle seit dem 13. März in einem permanenten Ausnahmezustand und stehen praktisch immer mit einem Bein in einer handfesten Depression. Mit den diversen Bühnen können wir zumindest ein Minimum an Präsentationsfläche für unsere unglaublich vielfältige und spannende Kulturszene zurück gewinnen, wenn auch nur auf Zeit.

Wie stark zieht Ihr Killer-Argument, dass die Bands jetzt auch mal einen Olympiastadion-Gig spielen können?
CK: Klar, das hat bei allen gut gezogen, und es ist auch irre, wenn man eine ausreservierte Olympiastadionsshow bei sich in die Vita schreiben kann. Aber jetzt mal im Ernst: Es schon auch ein unglaublich gutes Signal, wenn das altehrwürdige Olympiastadion seine Pforten für die Münchner Szene öffnet, gerade in so einer Zeit.

Das Konzertangebot ist weit gespannt, die Auswahl ziemlich bunt. Konnte man da überhaupt eine Art Bogen im Programm komponieren?
DK: Im Grunde ist genau diese Vielfältigkeit der Münchner Kulturschaffenden der Bogen, und auch dass sich alle unter einem, wunderschönen, Dach zusammenfinden. Und ich bin der Meinung wir haben da alle gemeinsam ein wahnsinniges Lineup zusammengestellt, das sich durchaus sehen lassen kann.

Feiner Zug, dass der Eintritt zu den Konzerten frei ist. Wie schwer dürfte es werden, die Münchner später schrittweise wieder ans Bezahlen zu gewöhnen?
CK: Ach, ich glaube gar nicht. Es ist doch allen klar, dass all diese Veranstaltungen nichts mit dem normalen Kulturbetrieb unserer Stadt zu tun haben. Uns ging es bei der Projektkonzeption um verschiedene Aspekte. Zum einen ging und geht es darum, unsere Kultur und alle die Menschen, die sich darum verdient machen, sichtbar zu halten und nicht aufzugeben. Ebenso geht es bei all diesen Projekten im Rahmen von Sommer in der Stadt, um kulturelle Teilhabe: Also den Münchner*Innen wieder einen Zugang zu Kultur und Kunst zu ermöglichen, und dies möglichst niederschwellig.

Und zum Dritten war für uns als VDMK immer wichtig, in diesem Rahmen Konzepte zu entwickeln, mit denen wir uns Perspektiven für den Herbst und Winter erschließen können. Das heißt: Die Bühne im Olympiastadion ist auch ein riesiges Labor, in dem wir als Veranstalter und Kulturschaffende lernen können.

DK: Es gibt ja auch in der „normalen“ Zeit in allen Städten kostenlose Festivals - grade im Sommer. Das ist ja nichts Neues. Die Sommerbühne soll eine Plattform sein, auf welcher sich Münchner Veranstalter risikofrei präsentieren können, Bands einen Platz haben, um wieder vor Publikum zu spielen, und Besucher wieder Livekonzerte genießen dürfen.

Letzter Tipp: Bei vielen Interessierten dürfte sich der Eindruck festgesetzt haben, die Tickets wären ohnehin im Nu vergeben. Was empfehlen Sie, wenn man spontan doch noch ins Stadion kommen möchte?
CK: Einfach kommen! Wir haben immer noch eine Abendkasse, manchmal muss man ein bisschen warten, aber bis jetzt haben wir noch niemanden wieder wegschicken müssen.

Interview: Rupert Sommer

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