Ortsgespräch

Bandleader Roman Sladek im Interview: „Jazz ist auf jeden Fall geil“

Roman Sladek mit seiner Jazzrausch Bigband

Ein Sensationserfolg aus einer Schnapsidee heraus: Bandleader Roman Sladek verschmilzt mit seiner Jazzrausch Bigband hohe Kunst und Techno

Vom Death Metal zum Jazz. Roman Sladek wuchs in Niederbayern auf und tummelte sich länger in vogelwilden Bands, bevor er dann doch ganz klassisch Posaune an der Münchner Musikhochschule studierte. Trotzdem wollte der bekennende „latent Größenwahnsinnige“, wie er selbst über sich sagt, schon immer mehr. Er holte den Jazz in den Club und organisiert als Produzent und Bandleader den Touralltag einer häufig über 20- köpfigen Truppe, die kreuz und quer über den Globus fliegt.

Wann und wie kam Ihnen die Überzeugung, dass Big-Band-Jazz und Techno eigentlich überhaupt zusammengeht?
Ich habe die Jazzrausch Bigband 2014 gegründet – als Hausband einer Konzertreihe die „Jazzrausch“ hieß. Ich war damals schon davon überzeugt, dass Jazz auch für junge Leute cool ist. Aber man muss ihn halt in einem Raum oder Rahmen stattfinden lassen, mit dem man sich als junger Mensch identifizieren kann. Jazz ist auf jeden Fall geil. Es ist aber auch eine Vermittlungs- und Verpackungssache.

Man will ja niemanden zu nahe treten. Aber man denkt bei Jazzclubs vielleicht als erstes an ältere Herren in muffigen Cordsakkos? Und alles in einem Laden, in dem man lieber leise sein sollte?
So denkt man halt. Ich mag solche Clubs genauso gern. Sie sind immer noch genauso wichtig. Und solche Leute sind schönerweise immer noch Teil unseres Publikums. Aber mir ging’s auf der oberflächlichen Ebene um die Frage: Wo fühlt man sich denn wohl, wenn man noch nicht Heavy-Hardcore-Jazz-Fan ist? Mir ist wichtig, dass die Erstberührung in einem Rahmen stattfindet, in dem man sich auskennt und wohlfühlt. Für junge Leute sind das halt die normalen Nachtclubs. Da geht man eh hin und findet sie eh cool. Und dann entdecke ich dort überraschenderweise was Neues.

Ihr habt ja mal gesagt: Der Jazz muss dahin kommen, wo die Leute sind. Und nicht andersherum.
Stimmt ja auch, das war immer unser Leitspruch. Wenn junge Leute wieder Jazz oder auch anspruchsvolle kreative Musik hören sollen, dann gelingt das meiner Meinung doch dann am besten, wenn das auch die Jungen machen. Warum sollten wir, die wir Jazz studiert hatten und dann mit 23 oder 25 fertig waren, uns darüber beschweren, dass das Publikum nicht so ist, wie wir es uns wünschen würden?

Jammern zählt nicht.
Wir haben eben beschlossen, dass wir uns selber drum kümmern müssen, dass die Leute zu uns kommen. Einem 23- Jährigen gelingt es vielleicht einfach besser, einen Gleichaltrigen dazu zu bewegen, seine Vorurteile zu überwinden, als das ein 70-jähriger Jazzmusiker schafft. Es gibt sicher tausende Einzelfälle. Aber um eine kritische Masse zu erreichen, gelang uns das als vergleichsweise junge Menschen einfach leichter. Was den Techno angeht: Ich hatte früher einfach selbst viel Techno gehört und hatte großen Spaß dabei.

Ohne sich als Musikstudent heimlich zu genieren?
Keineswegs. Ich bin ohnehin ganz anders aufgewachsen. Ich war zwar Jungstudent der klassischen Musik an der Akademie – mit Posaune. Davor hatte ich aber einen eher untypischen Werdegang.

Welchen denn?
Na ja, ich war Death-Metal-Schlagzeuger. 

Ernsthaft? 
Ich hab viel in in Death- und Black-Metal-Bands gespielt. Ich bin eben nicht in einer Jugendorchester-Landschaft groß geworden. Deswegen hatte ich später gar keine Berührungsängste damit, Techno zu genießen und ihn zu feiern. Die teilweise extremen Musikströmungen waren immer schon stärker mein Zuhause als die Klassik. Deswegen habe ich mir mit viel Spaß überlegt, was man dem Publikum in den Clubs denn anbieten könnte.

Die Rhythmusbegeisterung musste man Ihnen nicht antragen?
Genau. Die war immer schon da. Das Gespür für Rhythmik hat mich immer schon fasziniert. Deswegen fand ich den Jazz dann bald wesentlich spannender als die Klassik. Weil der Fokus auf dem Rhythmischen deutlich höher ist. Privat war ich immer Techno-Fan. Und Leonhard Kuhn, der Komponist, der unsere Arrangements komponiert, eben auch. Und so kam’s, dass wir uns eigene Projekte für die Bigband ausgedacht haben. Irgendwann habe ich meinen Mitstreiter gefragt: Leonhard, hast du nicht mal Lust, dass wir etwas mehr Elektronisches machen?

Er hat ja dann zum Glück angebissen. Wie schwer war’s dann aber Verständnis – bei den Clubbetreibern –ihr seid ja die Hausband im Harry Klein – zu gewinnen?
Im Harry Klein musste man von der Techno-Idee natürlich niemanden überzeugen. Dort war eher die Frage: Wie passt eine Big Band, die mit rund 15 Leuten aufmarschieren wird, überhaupt in den Club? In der Philharmonie oder in der Unterfahrt, wo der Auftritt einer Big Band an sich nichts Besonderes ist, mussten wir beweisen, dass wir trotz des Techno-Anteils, des Lustvoll-Körperlichen, ein hohes musikalisches Level mitbringen. Es kommt eben immer ganz darauf an, mit wem man zusammentrifft. Schon bei unserem ersten Programm „Prague Calling“ – mittlerweile gibt’s ja schon ganz viele – haben wir gemerkt, dass es beim Publikum etwas Lustvolles triggert, weil man dazu tanzen kann. Gleichzeitig fügte es noch etwas Neues hinzu, weil die Musik differenziert und komplex ist. Und so spricht man den Körper und den Geist gleichzeitig an. Wir haben schnell gemerkt, dass das geil funktioniert. Aber auch in der Band mussten wir uns erst in das Thema reinfuchsen.

Inwiefern?
Es waren ja nicht alle in der Band von Beginn an glühende Techno-Fans. Und auch spieltechnisch hat unser Stil ja schon ganz andere Herausforderungen, die man als klassisch ausgebildeter Musiker erst mal in den Griff kriegen muss. Alles wiederholt sich ja ständig. Und es ist wichtig, dass es nicht nur zwei Mal ähnlich, sondern hundert Mal gleich klingen muss.

Vieles dreht sich ja auch ganz praktisch um Stühle.
In der Unterfahrt hebt man gerne mal die Sitzgelegenheiten fürs Publikum auf, um sie zum Tanzen zu bringen. Das kam sicher nicht oft vor, als wir den Vorschlag machten, dort mal den Laden komplett leer zuräumen. Wir haben zweitweise aus der Unterfahrt einen Techno-Club gemacht.

Aber viele Musiker – auch in Big Bands – sind ja wahrscheinlich gewohnt, beim Spielen zu sitzen.
Das auch. Im Rausch und Töchter, wo wir ursprünglich angefangen hatten, war es so winzig. Da mussten wir sitzen. Aber natürlich haben wir schon schnell gemerkt, dass es ja lächerlich ist, wenn wir uns freuen, dass sich unser Publikum bewegt und tanzt – und wir sitzen gleichzeitig. Das war überhaupt ein Gedanke, der für Jazz-Musiker vielleicht ungewöhnlich ist, für Rock-Musiker ist das total selbstverständlich: Das Publikum ist immer ein Spiegel der Bühne. Wenn ich will, dass die Leute unten glücklich sind, muss ich auch auf der Bühne glücklich sein und mich bewegen. Natürlich aber alles auf einem authentischen Level. Wir sind keine Schauspieler. Aber man muss ja auf einer offenen und ehrlichen Weise schon Anteil an dem nehmen, was man macht. Stühle sind da natürlich etwas Fragwürdiges.

Ihr eigenes Instrument, die Posaune, ist ja raumgreifend. Gab’s da mal Sorgen, dass so etwas auf engerem Raum ungemütlich werden könnte?
Schon klar. Auch das Harry Klein ist eigentlich nicht dafür gebaut, dass man dort mit der Big Band spielt. Man muss sich über die Musik hinaus mit seinem eigenen Instrument und mit seinem Körper damit arrangieren, dass man an einem anderen Ort spielt. Das hat’s aber noch viel greifbarer für uns gemacht. Wir treten wirklich den Beweis an, dass wir etwas völlig neu kombinieren – aus DJ-Pult, Club, der gar keine Bühne hat, und einer PA, die ganz anders funktioniert, als man das von der Konzertbeschallung kennt. Wir mussten für uns selber herausfinden, wie man als Big-Band-Musiker mit einem klassischen Instrument in einem Techno-Club spielt, ohne dass am Ende alles verloren geht. Aber wir haben das geschafft. Man muss sich eben neu darauf einlassen.

Wie viel Liter Schweiß verliert man denn an so einem Harry-Klein-Abend?
Ne ganze Menge. Und dazu kommt: Inzwischen machen wir aus jeder Location ein Harry Klein. Aber stimmt schon: Jeder unserer Auftritte hat eine sehr körperliche Komponente. Es geht darum, die Kraft und Energie, die wir einsetzen, nicht auf Kosten der Musik zu verpulvern. Es soll ja kein Zirkusstück werden, das wir aufführen. Als Musiker muss das Hirn voll wach sein – und auch der Körper gefordert. Das macht total Spaß und macht auch für uns jeden Auftritt viel intensiver. Und euphorisierender! Wir sorgen dafür, dass Endorphine ausgeschüttet werden. Und zwar ordentlich.

Große Gefühle gab’s für die Band ja auch schon unter dem Jahr – weil sie mit großem Zeitvorsprung Weihnachten gefeiert hat.
Kann man so sagen. Wir waren auf Schloss Elmau, um dort unsere Weihnachtsplatte aufzunehmen.

Aber das ja natürlich noch in einer ganz anderen Jahreszeit ohne Schnee und Adventsstimmung.
Es war im April, hat sich aber schon fast nach Sommer angefühlt. Wir kamen da gerade aus Texas zurück und saßen schon fast wieder auf den Koffern für die nächsten Auslands-Gigs. Uns blieben drei Tage, die wir für die Aufnahmen geblockt haben, um das Album fast komplett live einzuspielen.

Wie versetzt man sich denn da künstlich in Weihnachtsstimmung?
Das macht die Musik sofort von selbst. Sie hat dermaßen riesige Energie. Man muss nur ein bisschen losspielen – und schon steckt man mitten in der Weihnachtsstimmung. Auch wenn draußen Löwenzahn blüht.

Interview: Rupert Sommer

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