Ortsgespräch

Florian Weber aka MS Flinte im Interview: „Friedensflinte ist stets geladen“

Sportfreunde Stiller-Musiker aka MS Flinte Florian Weber
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Immer sportlich am Start, auch im Proben-Keller: Florian Weber

Üblicherweise treibt er am Schlagzeug die Sportfreunde Stiller an. Lockdown-Langeweile hat sich Florian Weber mit einem Bruder-Projekt vertrieben: MS Flinte macht echt gute Laune.

Hallo Flo, das Leben fühlt sich ja ein bisschen wie im „Murmeltier“-Film an dieser Tage. Wieder einmal steckt fast das ganze Land im Lockdown, auf den Sofas, vor der Glotze. Was hat dich angetrieben, die Zeit nicht nutzlos verstreichen zu lassen, sondern unten im Keller gleich noch eine neue Band zu gründen?
Von Band kann nicht die Rede sein. Immerhin bin ich alleine. Allerdings beim Produzieren und Recorden mit der sehr großen Hilfe meines Bruders Jörg. Grundsätzlich war die Idee äußerst spontan und der Neugier auf einen Hiphop-Versuch geschuldet. Einige Textfragmente hatte ich, anderes hat mich in dieser sehr speziellen Zeit inspiriert oder gar spezifisch texten lassen wie zum Beispiel „Tiere kommen!“. Ein Fernsehbericht erklärte das Eindringen von Wildtieren in schwedische und amerikanische Städte durch den Rückzug der Menschen. Spannend. Sowas fließt dann in die Texte von MS Flinte.

Wie kam denn plötzlich MS Flinte in dein Leben und warum dieser latent martialische Name?
Der Name soll keineswegs kriegerisch definiert werden, sondern eher eine Dynamik hervorheben. Ideen aus der Flinte gefeuert, stets Neugier nachladen und wieder die Kreativität rausballern. So etwas verlangen diese Zeiten, um Hoffnungen zu befeuern und dem trantütigen Nörgeln etwas Produktives entgegenhalten. Die Friedensflinte ist stets geladen. Und MS steht für Motorschiff. Oder für Multikreativsubjekt, für Maximalsense, für Musikerschwein oder für Mummenschanz… Ich weiß es gar nicht mehr so genau.

Die Legende will es: Zwölf Tage im Keller - und dann mit zwölf Songs wieder ans Tageslicht. Welche Energie-Booster waren denn da im Spiel?
Legenden sind Langeweilefüller und Geschichten fürs Lagerfeuer. Herrlich, MS Flinte ist Teil davon. Aber es war ein klassisches Flow-Experience wie es in einer Tiefschneeabfahrt spürbar ist. Termine hatte ja eh keiner, also kopfüber in die Musiklawine. Das ist kein Hexenwerk. Eine weitere Legende besagt: Black Keys hätten einst in zwei Tagen ein Album im Badezimmer aufgenommen. Oder so ähnlich. Das Lagerfeuer tut sein übriges.

Man kennt deine enorme Bühnen-Energie, den ansteckenden Sportsgeist: Wie viel davon steckt denn eigentlich auch in dem Bruder?
Der wahre Musiker in der Familie ist Jörg. Am Konservatorium ausgebildeter Saxophonist, Kompositeur, Arrangeur. Er war stets zielgerichteter und fokussierter. Im Basketball gar in der Bayrischen Auswahl. Bei der gemeinsamen Arbeit allerdings musste er mit Umsicht meine stete Ungeduld einbremsen. Hätte er das Wilde und Forsche seines kleinen Bruders inne gehabt, dann wäre er vielleicht NBA-Profi und Jazz-Weltstar geworden. Aber wer hätte dann MS Flinte produziert?

Wie kamt Ihr auf die Idee, einmal gemeinsam Musik zu machen und wie muss man sich die Rollen- und Raumaufteilung vorstellen?
Wir standen schon oft gemeinsam auf der Bühne, das war keine Premiere. Bei Sportfreunde Stiller ist er seit jeher für die Bläsersätze zuständig, oftmals auch live. Viele Streicherarrangements sind von ihm. Bei Bolzplatz Heroes waren wir gemeinsam in einer Band. Ich durfte sogar einst bei einer von ihm wild zusammengewürfelten Jazz-Combo im legendären Freisinger Lindenkeller am Schlagzeug sitzen. Ok, halt nur einmal, aber immerhin. Das war Jazz. Free-Jazz. Aber wie schon beschrieben: Bei MS Flinte habe ich die Lieder geschrieben und er hat das ganze verfeinert, Sounds verbessert, Gesang fein aufgenommen, Bläsersequenzen und ein paar verreckte Pianoriffs eingespielt. Wichtigkeiten eben. Er am Mischpult, regierend, dirigierend, souverän, gemächlich. Der Kleine ewig nörgelnd daneben: „Passt schon so!“ „Mach schneller!“ „Ist doch egal jetzt, das klingt doch gut.“ „Ein falscher Ton? Kann nicht sein. Und wenn schon!“ Wie anstrengend das sein muss. 

Bands, Bücher schreiben, nie nachlassen: Wo kommt eigentlich dieser beeindruckende Überdruck her und wie arg stößt man damit in Corona-Zeiten an die Ecken?
Überdruck ist ein lustiger Begriff. Ich verspüre stets Bock, will Neues entdecken. Manchmal ist der innere Drang allerdings schon auch nervig, falls Mitstreiter oder Wegbegleiter ein anderes Tempo pflegen, was völlig normal ist aber von mir erst einmal akzeptiert werden muss. Ich habe den Anspruch, täglich etwas entstehen zu lassen. Zumindest mich mit etwas auseinanderzusetzen. Diese Zeiten geben durchaus Raum dafür. Es fehlen allerdings die Möglichkeiten dies in vollem Umfang nach außen zu tragen. Und da wird es kritisch, da dadurch bei vielen Kollegen Finanzlöcher entstehen. Deswegen ist es kaum auszuhalten, wenn Riesenkonzerne Kurzarbeit anmelden und gleichzeitig Dividenden auszahlen, aber Selbständige auf finanzielle Unterstützung warten müssen. Da hinkt und stinkt etwas gewaltig.

Natürlich würde man FS Flinte gerne auf der Bühne sehen, sobald das wieder möglich ist: Welche Pläne gibt‘s denn schon?
Hui, gute Frage. Wären Konzerte uneingeschränkt möglich, könnte ich eine umfangreichere Antwort geben. Ebenso würde es helfen, eine Band zu sein. Folglich würde man sich wohl sehr schnell auf Live-Konzerte einigen. Ich weiß noch gar nicht, wie ich das umsetzen will. Gehen würde es – in vielerlei Varianten. Würde wohl schon Bock machen.

Zum Schluss vielleicht noch ein kleiner Energieübersprung: Was ist dein bester Tipp, wie man in Zeiten wie diesen nicht komplett den Kopf hängen lässt?
Lest Bücher! Taucht ab in fantastische, clevere, spannende, empathische, Herzzerreißende Geschichten. Veranstaltet mit der ganzen Familie Lesezirkel auf dem Sofa. Tanzt beim Zähneputzen, Essen kochen, Sportschau schauen, Hausaufgaben machen, Schnee schippen. Und hört MS Flinte, logisch.

Anspiel-Tipp: Das Album „Tiere kommen!“ von MS Flinte, dem neuen Projekte von Florian Weber („Sportfreunde Stiller“) erscheint am 12. März. Zwei erste Songs kann man bereits jetzt hören, um die Vorfreude zu steigern. Alle Infos unter www.ms-flinte.de

Interview: Rupert Sommer

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