Tollwood 2019

Großes Sommervergnügen – leicht erreicht

Das Tollwood 2019 im südlichen Olympiapark

Bis zum 21. Juli lockt das Tollwood-Festival die feierfreudige Freiluftfraktion in den südlichen Olympiapark

Ein heißer Tag – und eine meist noch hitzigere, lange Nacht – auf dem Tollwood-Sommerfestival ist mit Sicherheit eine der besten Ideen, den Summer in the City zu feiern. Und doch ist das alljährliche große Theater-, Musik-, Kleinkunst-, Budenzauber- und Genussfestival zu Füßen des Olympiabergs kein Ort, an dem man es sich komplett gewissenlos gut gehen lässt. 

Teil der Festival-Philosophie, die von weiten Teilen des immer grüner eingefärbten Münchens ja auch bereitwillig mitgetragen ist, war schon immer die Reflexion und das Arbeiten an nachhaltigen Zukunftsideen. Und so beginnt das diesjährige Festival, das bis zum 21. Juli dauert und mal wieder randvoll mit tollen Feierideen vom Alice on the Run-Theaterspektakel bis hin zu den großen Sting- und Toto-Gastauftritten steckt, mit einem nachdenklichen Moment.

Eigentlich hätte man schon am 2. Mai einen blechernen Gong schlagen müssen. Dann nämlich war das düster stimmende Datum des alljährlichen Earth Overshoot Days erreicht – jenes Datum nämlich, an dem mal wieder die Ressourcen, die eigentlich für ein Gesamtjahr reichen sollten, weltweit aufgebraucht waren. Rita Rottenwallner und ihr Tollwood-Team sind fest davon überzeugt, dass es auch anders geht. „Reicht leicht!“ heißt das diesjährige FestivalMotto. Und natürlich sind damit auch Ideen gemeint, wie man sinnvoller, ökologischer, fairer wirtschaftet und allgemein bewusster konsumiert.

Dem Gedanken wird man sich auf dem Festivalgelände, das seit jeher strikt auf Bio-zertifizierte Produkte und fair gehandelte Waren Wert legt, kaum entziehen können. Schon beim Betreten schlendert man durch das Eingangskunstwerk The Loop, einen Bogen, der sich aus 200 Einkaufswagen zusammensetzt. Ironisch-skeptisch kann man vor Ort im Tiny House einen Tempel aufsuchen, der der „Gottheit des Konsums“ gewidmet ist. Und zum aktiv Beitragen gibt es überall verteilt Tausch-Schränke, in denen man Spielsachen, Bücher oder Kleidung einstellen – oder eben auch selbst mitnehmen – kann.

Zum ernsten Grundton – trotz aller gebotenen sommerlichen Ausgelassenheit – passt dann auch ganz gut, dass das Hauptstück des Festivals, die Gastspielproduktion der legendären Actiontheatertruppe Theater Titanick aus Münster und Leipzig, die bekannte Kaninchenbau-Fabel der jungen Alice diesmal etwas wunderlich anders durchkriecht. Erzählt wird in Alice on the Run nämlich auch von den aktuellen Fluchtbewegungen unserer Tage. Das junge Mädchen verliert ihre Heimat und muss sich auf eine Odyssee begeben, die sie nicht nur über weite Meere, sondern auch auf gefährliches Terrain führt. Das Wunderland ist für sie eben auch eine Art Kafkaland – und damit ein grandioses Schauvergnügen, das alle Möglichkeiten der Bühnenkunst ausschöpft. (Open Air Bühne, 27. bis 29.6.)

Wer noch mehr staunen (und freudig leise aufwiehern) möchte, der darf bei der Pferdeparade der französischen Compagnie des Quidams nicht fehlen. Sie hat eine Hommage an die Heimatstadt des „Blauen Reiters“ mitgebracht und lässt überlebensgroßen Pferdefiguren aus Licht, Luft und transparenten Stoffen durch den Sommerabend spazieren. Atemberaubend! (Open Air Bühne, 4. bis 6.7.)

Ähnlich spektakulär dürfte die Begegnung mit der „Vénus“, einem Mensch-Monstrum von 7,5 Meter Höhe, aber dann doch nur 80 Kilo Gewicht, ausfallen. Immerhin ist das hell leuchtende Objekt, das die Compagnie L’Homme debout mit in den Olympiapark gebracht hat, aus Eisendraht und einem filigranen Weidengeflecht konstruiert. Mit dem eigenwilligen personalisierten Abend- und Morgenstern kann man übers Gelände streifen – in ein Reich zwischen Traum und Wirklichkeit, wie es so schön heißt. Unterwegs kann man der Phantasiebereitschaft ja auch mit einem gekühlten Getränk nachhelfen. Von denen gibt es auf dem Tollwood zum Glück viele. (11. bis 13.7.)

Ohnehin sollte man den Ernst der Lage gerne auch mal gemütlich diskutieren, wozu die vielen Stände und kulinarischen Verlockungen einladen. Wem der Sinn nach ganz großer Oper steht, sollte sich noch rechtzeitig um Karten für die Stars im Musikzelt – darunter mit der engagierten Australien-Rock-Band Midnight Oil (1.7.) besonders weitgereiste oder mit dem sympathisch coolen Kinderband Deine Freunde (30.6.) auch echte Tollwood-Debütanten – bemühen. Aus heimischer Sicht immer eine sichere Bank ist das Großzelt-Konzert mit der schweißtreibenden Moop Mama-Truppe (19.7.), die unter dem Zelt ihr zehnjähriges Bühnenjubiläum feiert und dafür Freunde und Weggefährten wie Fatoni und Roger Rekless lädt. Und dann rappt sich ja auch noch Fiva sehr beherzt durch die Musikgeschichte. Sie steht diesmal zusammen mit der Austropop-Band Granada auf der Bühne (6.7.).

Autor: Rupert Sommer

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