Ortsgespräch

Manic Street Parade 2019: Fabian Rauecker und Stefan Schröder im Interview

Fabian Rauecker und Stefan Schröder

Vom Party-Dampfer bis zur St.-Anton-Kirche: Am Wochenende vom 17. und 18. Mai steigt nun bereits zum dritten Mal das Schaufenster- und Staun-Festival Manic Street Parade im Schlachthofviertel.

Rund 30 Live-Acts hat das Team vom „Zwischenprost“-Verein um Julia Viechtl von der Fachstelle Pop, „Sportfreunde“-Manager Marc Liebscher, Andreas Puscher sowie Fabian Rauecker und Stefan Schröder dafür weltweit zusammengetrommelt. Diesmal mit ganz viel Luft für kreative Frühlingsgefühle.

Sie sind ja alte Hasen im Konzertgeschäft. Was ist denn das bessere Wetter aus Veranstalter-Sicht – richtig schön oder lieber ordentlich greislig, damit es die Leute in die Clubs treibt?
Stefan Schröder: Nicht so leicht zu sagen. Aber das werden wir diesmal live erleben. Wir haben die Manic Street Parade schon deswegen vom Oktober in den Mai verlegt, um schöneres Wetter zu haben. Aber wir haben eben nicht den Hochsommer gewählt, in dem niemand mehr Bock hat, abseits der Biergärten groß auszugehen. Wir hoffen, dass das Wetter mitspielt, so dass die Leute Lust haben zu flanieren und durchs Viertel zu streifen. Abends sollte es aber schon frisch genug sein, dass sie gerne in die Clubs reingehen.

Um sich die Bands auch wirklich anzuhören.
Schröder:

Na klar, darum geht’s ja. Vielleicht haben wir diesmal im Mai Glück – dass es noch nicht Hochsommer, aber vor allem nicht mehr Winter ist. Bei den ersten beiden Ausgaben, die jeweils im Oktober stattfanden, hatten wir das Pech, dass es draußen ziemlich greislig war. Es soll ja kein Festival sein, bei dem man nur einen Club, ein Konzert und gezielt einen Künstler anschaut, weil man da schnell von der U-Bahn hinzischt, um im Trockenen zu sein.

Alle Termine der Manic Street Parade in unserem Veranstaltungskalender

So läuft es ja üblicherweise im Konzertveranstalter-Geschäft.
Schröder: Stimmt. Das Wetter ist uns dann wurscht. Diesmal wollen wir aber ja, dass die Leute von einem Laden in den anderen gehen, um auch mal was kennenzulernen und sich treiben zu lassen. Die Münchner sind anscheinend hart im Nehmen, weil die genau das bei unseren ersten beiden Manic Street Paraden auch so gemacht haben. Aber richtig geil ist es natürlich nicht, wenn du vom Strom über das Substanz in den Schlachthof weiter ziehst – und dort dann klatschnass ankommst.

Fabian Rauecker: Man entdeckt einfach das Viertel angenehmer, wenn die Chance größer ist, dass das Wetter passt. Selbst die vielen Anwohner, die ja bei unseren ersten beiden Festivals auch mit guter Laune dabei waren, haben uns ja als Feedback gegeben, wie toll es war, selbst vor Ort einmal ganz neue Ecken zu entdecken. Der eine oder andere hat plötzlich zum ersten Mal rausgefunden, dass es gleich um die Ecke auch noch andere Kneipen gibt oder Orte, an denen Musik stattfindet.

Ehrlich, wie soll das zustande kommen?
Rauecker:

Oft geht man ja fast nur dieselben Wege, wenn man zur Arbeit geht und dann direkt wieder heimkommt. Die wenigsten ziehen dann abends noch mal los, um die Seitenstraßen oder die Hinterhöfe links und rechts zu erkunden. Diesmal wird’s mit unseren neuen Locations ja spannend – und gleichzeitig ein wenig kompakter.

Kürzere Wege?
Rauecker: Es rückt kompakter zusammen. Es gibt Neues zu entdecken – mit dem Bahnwärter Thiel, der Utting ... 

Schröder: ... dem Frisches Bier. 

Rauecker: In dem Viertel passiert ständig was. Im letzten Jahr konnte man noch über den Viehhofplatz zum Schlachthof gehen. Jetzt ist dort die tiefe Baustelle fürs neue Volkstheater. Und der Bahnwärter steht plötzlich wo anders. Ständig machen neue Kneipen auf. Es rührt sich einiges.

Sie sind also auch Kulturarchäologen, die Bestände vermessen und dokumentieren?
Rauecker:

Wir graben und entdecken gerne.

Schröder: Nicht so tief wie fürs Volkstheater, aber eben auch nicht mit dem Pinsel an der Oberfläche.

Man hätte für die dritte Parade ja auch mal ein anderes Eck als das Schlachthof- und Viehhof-Viertel wählen können.
Rauecker: Es gibt in der Stadt vermutlich keinen anderen geballten Raum für das, was wir uns vorgestellt haben.

Schröder: Wir könnten natürlich einen Club in dem einen und dann einen Veranstaltungsort in einem ganz anderen Viertel anbieten. Aber so etwas gibt es ja schon. Etwa bei der Langen Nacht der Musik, bei der man sich von Bussen durch die Stadt karren lassen kann. So was kommt mir dann schon sehr zerrissen vor. Wir wollen ja, dass die Leute nicht auf ein Konzert einer ihrer Lieblingsbands gehen, sondern für die Manic Street Parade losziehen. Bei uns wird man nicht eine Stunde unterwegs sein, um von A nach B zu kommen.

Der Paraden-Teil im Namen ist Ihnen schon wichtig: Die Leute sollen unterwegs ratschen und sich vielleicht auch gegenseitig Empfehlungen geben?
Rauecker: So wär’s am Schönsten. Wir treiben die Leute von der Programmplanung her auch schon dazu an, dass man nicht nur in einem Laden verharrt, dort zwei bis drei Acts ansieht und dann wieder heimgeht. Verhindern können wir das natürlich nicht. Wer gerne an einem Ort bleibt, kann das selbstverständlich so machen. Unser Credo ist aber: Entdeckt neue Musik! Findet Eure neue Lieblingsband! Setzt Euch in Bewegung!


Sie hätten es sich ja auch ein wenig leichter machen können, wenn Sie in der Stadt bereits bekanntere Namen gebucht hätten. Darum geht’s Ihnen aber doch offenbar: die Leute ein wenig herauskitzeln. Muss man sich denn vorher einlesen, bevor man loszieht?
Schröder: Beides ist möglich. Man kann sich natürlich ein wenig vorbereiten – oder sich einfach überraschen lassen. Von manchen Gästen haben wir gehört, dass sie sich im Vorfeld Playlists angehört hatten – und dann ganz gezielt nach den Orten mit diesen Bands gesucht haben. Andere haben sich treiben lassen und sind plötzlich bei Künstlern gelandet, die sie dann ziemlich gut fanden. Wir versuchen etwas anzubieten, was es so in München sonst nicht gibt. Wir haben eben mal einen starken nicht-lokalen Bezug bei den Bands, die wir präsentieren. Anders ist das am Freitag.

Wie genau?
Schröder: Dort steigt im Schlachthof erst mal die Manic Day Parade. Danach steigt ein Konzert mit dem VKKO mit den Munich Allstars.

Noch mal bitte?
Schröder: Das ist das Verworner-Krause-Kammerorchester. Eine JazzrauschBigband – aber halt anders und frisch. Sie spielen dann mit Special Guests aus der Szene wie Fiva oder den Blackout Problems. Das wird unsere Kick-Off-Veranstaltung mit einem starken München-Bezug. Das gibt’s schon auch. Wir haben aber Bock darauf, dass ab Samstag Australier, Engländer und Isländer und wer auch immer bei uns zu Gast sind. Wir wollen nicht nur eine Mia-san-Mia-Party schmeißen.

Wie trüffelt man denn konkret nach Bands, die sicher wahnsinnig spannend sind, die aber doch noch nicht jeder kennt und die vor allem in München bislang noch nicht vorbeigeschaut haben?
Schröder: Erstaunlicherweise hat es nicht lange gedauert, bis bei uns sogar schon Vorschläge und Eigenbewerbungen für die Manic Street Parade eingetrudelt sind. Im ersten Jahr tut man sich mit dem Booking natürlich noch ein wenig schwer den Bands zu erklären, dass es für sie toller ist auf einem erlesenen kleinen Clubfestival zu spielen, als selbst ein eigenes Konzert vor möglicherweise überschaubarem Publikum allein im Strom zu veranstalten. Da gehörte anfangs schon Überredungskunst dazu.

Kann man sich vorstellen.
Schröder:

Gleichzeitig profitierten wir von einem Vertrauensvorschuss, den wir in der Szene genießen. Diesen Vorschuss konnten wir mit einem nett organisiertem Festival und guter Publikumsresonanz zurückzahlen. So was spricht sich herum. Es gibt zwar gefühlt drei Millionen Bands, aber es gibt nicht drei Millionen Künstler-Agenten. Schön, was in so kurzer Zeit entstanden ist – für die Stadt und für die Künstler.

Wenn Sie ja durchaus wollen, dass die Leute von Club zu Club weiterziehen, heißt das, Sie programmieren ein Rausschmeißer-Konzept? Folgt auf jede Band der krasse Stilbruch?
Rauecker: Natürlich nicht wirklich. Allerdings haben wir auch den Clubs einen festen Charakter zugewiesen – etwa dem Substanz als Songwriter-Bühne oder dem Strom als vermeintlicher Rock-Club. Oder dass im Schlachthof dann sogar noch ein Kabarettist auftritt.

Das wäre die Erwartung, die es zu unterlaufen gilt.
Schröder: Oft hat das Line Up einfach logistische Gründe. Aber natürlich auch mit unserer Einschätzung, wie viele Menschen sich ungefähr für eine bestimmte Band interessieren könnten. Und nicht zuletzt gibt’s auch bei einem Festival Nachbarn und Anwohner. Und natürlich nehmen wir auf sie Rücksicht. In manchen Locations muss man eben früher wieder mit dem Musikprogramm aufhören.

Natürlich zieht der gesamte Tross auch immer am KVR entlang. Wie groß ist die Hoffnung, dass solche Volksbewegungen in Richtung Stadt und Verwaltung auch ein wenig erzieherisch wirken?
Rauecker: Wir wollten vor allem die KVR-Türen öffnen.

Wie genau? Konzerte im KVR?
Rauecker:

Das war unserer Meinung nach eine Bomben-Idee, das KVR in die Manic Street Parade einzubinden. Wir wollten in den Warteräumen Bands spielen lassen.

Schröder: Und zwar auch mit alphabetisch sortiertem Publikum und entsprechend zugeordneten Künstlern. Leider bleiben uns diese Türen verschlossen.

Bis auf weiteres, hoffentlich.
Schröder:

Wir bleiben dran. Die Diskussion rund um, was man als Lärm sehen kann, bleibt weiterhin Generalthema. Wir hatten ja schon letztes Jahr auf unserer Manic Day Parade den Anstoß gemacht, dass es einen verstärkten Dialog zwischen Anwohnern, Clubbetreibern, der Politik und der Verwaltung geben wird. Damals kam eine starke Diskussion zustande – mit dem Nachtbürgermeister von Amsterdam als prominentem Gast. Wir freuen uns schon, wenn einige Monate später ein Antrag im Stadtrat eingeht, dass München vielleicht auch einmal so etwas wie einen Nachtbeauftragen bekommen könnte.

Wäre ja höchste Zeit.
Schröder: Uns geht’s um mehr als nur um einen schönen Abend. Wir wissen aber auch, dass wir die Stadt und die Spielregeln nicht allein verändern werden. Aber vielleicht können wir einen Weg aufzeigen, dass man mehr miteinander spricht. Die verhärtete Meinung sagt ja: Ich bin ins Viertel gezogen. Und dann stört mich das, wenn nach 22 Uhr da unten noch jemand singt. Ehrlicherweise muss man sich doch schon eingestehen: Vielleicht wusstest du ja, dass du über einen Club ziehst?

Rauecker: München ist ja leider in vielen Vierteln ein trauriges Beispiel. Es gibt traditionelle Ausgehgegenden, in denen nach und nach ein Club nach dem anderen wegziehen oder schließen musste.

Altschwabing wäre früher wohl das typische Manic-Street-Parade-Viertel gewesen.
Rauecker: Im Podium und in der Tomate gab’s früher ja ständig Live-Musik. Und das fast vollkommen egal wie laut und wie lang. In unserer Diskussion in diesem Jahr soll auch mal besprochen werden, wie es Möglichkeiten für die Popkultur bei zukünftigen Planungen und den regen Bautätigkeiten geben kann. Die Mischnutzung von Vierteln muss doch stimmen. Und auch die Kultur muss ihren Platz finden. Schröder: Niemand zieht doch in eine Stadt – egal ob das nun München oder Berlin ist – und wählt sich sein Zuhause nach der Devise: Dort ist so geil nix los!

Interview: Rupert Sommer

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