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djangoO-Fest: „Musik von ungebändigtem, unmittelbarem Ausdruck“

Walter Abt Gitarre
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Lädt München zum Musik-Entdecken ein: WALTER ABT

Walter Abt, Chef des djangoO-Festivals holt von 16. bis 21. Oktober die besten Gypsy-Musiker Europas in die Stadt. Worauf man sich freuen darf...

Herr Abt, die Festivalreihe „djangoO“ gibt es ja jetzt schon einige Zeit. Wie muss man sich die Idee darunter vorstellen, und warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, dass sie jetzt nach München kommt?
Das Münchner Festival bietet im Oktober den Auftakt zu einer Serie von fünf Festivals, die innerhalb eines Jahrfünftes in Deutschland, Serbien, Rumänien, Spanien und Frankreich stattfinden werden. Die djangoO-Festivals huldigen die unkonventionellen Mischungen dieser reichen musikalischen nichtakademischen Kunstformen der Gypsy Musik: dem spanischen Flamenco, dem bulgarischen Manea, dem deutsch-französischen Manouche-Jazz, dem türkischen çiftetelli oder dem ungarischen Csárdás. Abwechslungsreich und innovativ präsentiert sich djangoO in seinem Eröffnungsjahr 2021, in dem die Festivalgäste andalusischer Flamenco, unorthodoxe Swing-Fusions und virtuoses musikalisches Balkan-Lauffeuer auf höchstem Niveau mit Künstler der absoluten Weltspitze erwarten.
Musik verbindet: Das sagt sich so leicht und klingt wie eine Binse. Und doch packt kaum eine andere Kunstart die Menschen oft so unmittelbar, setzt sie in Stimmungen oder bringt sie zum Tanzen. Woher kommt wohl diese Kraft?
Ein einheitlicher Wesenszug dieser fesselnden Musikkultur ist, dass sie aus einer starken familiären Bindung entstanden ist. Ganz unterschieden zur akademischen Didaktik der Klassik, des Jazz und Pop, wird in der Regel das musikalische Erbe vom Vater an den Sohn, vom Onkel an den Neffen usw. weitergegeben, ohne dass es schriftlich notiert ist. Innerhalb der Sippe bestehen die Bands mehr oder weniger als Familienunternehmen, in denen Söhne und Töchter mit ihrem Vater und ihren Cousins auf Tournee gehen und aufgrund der intensiven Musiziererfahrungen ihre Spielweise perfektionieren. Diese Tradition ist auch heute noch den verschiedensten Stilistiken gemeinsam.
Zuletzt war es oft ja sehr schwer, ein Miteinander zu spüren. Und Kontakte über Ländergrenzen hinweg zu halten, war besonders schwer. Wie „heilsam“ kann da Ihr Festival wirken und wieder Fenster nach draußen öffnen?
Gerade nach dieser kulturellen Durststrecke der vergangenen letzten eineinhalb Jahre dürfen wir uns auf ein Kaleidoskop der innovativsten Sängerinnen, sowie auf Gitarren-und Geigenvirtuosen aus ganz Europa und auf spannende Newcomer freuen! Die Besucher können sich somit darauf verlassen, ein exzellentes Programm zu hören, auch wenn sie den Künstler vielleicht nicht kennen.
Trotzdem: So ganz leicht ist das Reisen ja immer noch nicht. Wie muss man sich den logistischen Albtraum hinter so einem Festival aktuell eigentlich vorstellen?
Wir befinden uns aktuell in einer widersprüchlich geregelten Übergangsphase von reduzierten Saalkapazitäten und voll ausgelasteten Bespielungen. Die Entscheidungen sind immer noch variabel und obliegen dem Hausrecht. Für An- und Abreisen müssen angemessene Zeitpuffer anberaumt werden.
Wie kommt es denn zu Ihrer ganz persönlichen Faszination für die Stilrichtungen des Fests?
Wir erleben heute sowohl in der Klassischen wie auch in der Jazz-Kultur eine Tendenz zum glatten akademischen Perfektionismus, der spontanes Gefühl in der Musik ausbremst. Das Fesselnde an der Gypsy-Musik ist ihr ungebändigter, unmittelbarer Ausdruck, der ein tiefgängiges Lebensgefühl vermittelt. 
Wer sich noch nicht so gut auskennt: Was wäre denn aus Ihrer Sicht ein guter Einstiegs- und Orientierungspunkt im Programm?
Am Besten orientiert sich der geneigte Hörer, Konzertbesucher, Workshopteilnehmer, Film-und Symposiumbesucher am detaillierten Programm auf unserer Webseite.
Dass man über Sprache auch mal gestritten wird, und Konventionen hinterfragt werden, ist ja schon richtig. Dann wurde auch über Schnitzel debattiert. Wie wohl fühlen Sie sich eigentlich die Künstler mit dem „Gypsy“-Etikett?
Wenn ich Ihre Frage richtig verstehe, sprechen Sie die Erwartungshaltung an, die traditionelles Hören diktiert. Nun, die Innovatoren des Flamenco – Camarón de la Isla und Paco de Lucía - passten lange Zeit nicht in die Schublade der Traditionalisten, genauso wie Astor Piazzolla lange Zeit als Verräter am argentinischen Tango abgestraft wurde. „Ich fühle mich als Sinto, der moderner spielt, als die Traditionalisten es erwarten‘, sagt Bobby Falta, der bereits in den 60er Jahren als Sologitarrist mit dem Schnuckenack-Reinhardt-Quintett für Furore sorgte. Entgegen der Diktion „Ein Sinto muss wie Django spielen“ floss moderner Jazz durch seine 6 Saiten. Es geht immer um Authentizität: Ein wahrer Meister spielt sich selbst!
Letzte Frage: Nicht alle Kenner werden beim Festivalnamen direkt an Django Reinhardt denken. Wie reagieren Sie, wenn Gäste breitbeinig mit dem Cowboyhut zu Ihren Konzerten kommen und ein wenig überrascht wirken?
Ich freue mich mit jedem Hörer, der ein emotionales Erlebnis aus dem Konzert oder durch eine Begegnung mit unseren Künstlern mitnimmt!

Interview: Rupert Sommer

Alle Infos zum Festival, den Bands und den Spielorten gibt’s hier: : https://djangoo.eu/

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