Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”

Thomas Bohnet: “Dass wenigstens der nächste Herbst nicht wieder so ein Desaster wird.“

DJ, Journalist und Konzertveranstalter Thomas Bohnet
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DJ, Journalist und Konzertveranstalter Thomas Bohnet

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Wir ziehen Bilanz und wagen einen Ausblick in Interviews mit einigen wichtigen Köpfen der Stadt. Heute an der Reihe: DJ, Journalist und Konzertveranstalter Thomas Bohnet.

Seine „Tour de France“ ist seit über 20 Jahren DIE Partyreihe für französische Popmusik in der Stadt und auch in Berlin und Konstanz äußerst beliebt. Dabei spielt Thomas Bohnet ein breites Spektrum aus Pop, HipHop, Folk, Elektro, Nouvelle Chanson, Indie und Rock aus unserem Nachbarland. Bohnet ist auch Journalist und Konzertveranstalter, zuletzt war er mit Sven Regener im Neuen Volkstheater zu Gast. Als nächstes steht die „Tour de France“ anlässlich des Deutsch-Französichen Tages am Freitag, den 28.1.2022, 20 Uhr, im Muffat-Café an. Mit Liveact Pauline Paris und den DJs Christian Berst und Thomas Bohnet. Am 12. März folgt dann 20/22 Jahre „Tour de France“ in der Muffathalle mit der Liveband Les Yeux D’la Tête.

Wie fällt deine persönliche Bilanz fürs Jahr 2021 privat und aus Unternehmersicht aus?
Beides suboptimal. Unternehmerisch fing das Jahr beschissen an, wurde dann im Sommer etwas besser, mit schönen Erwartungen für den Herbst, und endet nun wieder richtig beschissen. Nach der ersten tollen Tour de France-Party Anfang Oktober im Muffatcafé standen die Zeichen auf ein schönes „Comeback“. Dann kam im November der zweite Lockdown, wie ich das als DJ und Konzertveranstalter empfinde. Konzerte konnte ich das ganze Jahr gar nicht veranstalten. Wenigstens konnten das einige Kollegen und ich habe da auch einige schöne Shows mit The Notwist, Les Millionaires, Ernst Molden, Il Civetto oder Nouvelle Vague gesehen.

Privat habe ich 2021 einige geliebte Menschen verloren. Allen voran im Sommer meinen Schwiegervater. Auch ein alter politischer Weggefährten, aus meiner Zeit im AStA der Uni Konstanz (80er Jahre) hat den Kampf gegen Krebs verloren, ebenso wie euer Mitarbeiter Uwe Feigl. Dazu sind zwei Musiker, gute Freunde, viel zu früh gegangen: Der Genfer Musiker Alain Croubalian (Les Maniacs, Dead Brothers) und der Pariser Olivier Libaux (Nouvelle Vague). Ansonsten war es privat ganz okay. Meiner Frau und meinem Sohn geht es gut. Gesundheitlich kann ich auch nicht meckern. Ich musste zwar das Fußballspielen nun endlich doch aufgegeben (Knie), konnte diesen Sommer und Herbst aber genug golfen.

Weitere Beiträge zur Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”:

Holger Stromberg: “Ich glaube, Corona ist nur ein Vorgeschmack”, Christian Schottenhamel: “Gefühlt hat ‘trial and error’ die Verwaltung bestimmt”, Chris Lehner: “Ich hoffe auf eine Entspannung der Lage”, Danny Kufner: „Sich davon zu erholen wird eine anstrengende und langwierige Aufgabe“, Steffen Harning: “Habe die Zeit genutzt, um noch kreativer zu sein”, Jesper Munk: “Mehr Empathie.“, Daniel Lazak: “Wie ich ‘nen Moshpit vemisse...”, Philip Bradatsch: “Aber Hauptsache, die Baumärkte bleiben unter allen Umständen offen ...“, Niko Strnad: “Und ich vertraue auf die Einzigartigkeit des Erlebens von Livemusik-Konzerten!“, Rüdiger Linhof: “Ich will sehen dass endlich was vorwärts geht.“, Tobi Ranzinger: “Der gechillte und respektvolle Umgang miteinander hat gelitten”, Christian Kiesler: “Ich würde mir hier ein bisschen mehr Ehrlichkeit, Realismus, Reflexion und Fairness wünschen...“, Mirca Lotz: “Ich rechne erstmal gar nicht sondern nehme es wie es kommt...“, Markus Naegele: “Die Freude am Leben eben nicht zu verlieren, klingt oft einfacher als es ist.“

Was hat dich besonders genervt oder beeinträchtigt?
Besonders genervt haben mich alle Querdenker, Verschwörungserzähler und all jene Menschen, die sich nicht haben impfen lassen, obwohl sie es gekonnt hätten. Die Ungeimpften sorgten – in erster Linie - dafür, dass wir ab November wieder in diese Misere geschlittert sind und dass die Kultur nun komplett am Boden liegt. Im Falle von Corona ist impfen eben nicht nur Privatsache sondern, ja – pathetisch formuliert – echte Bürgerpflicht, ein sozialer Akt, wenn man so will, ein Akt der Solidarität mit Anderen. Für all jene, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können und auch für die Kinder.

Der Politik werfe ich vor, dass sie nicht konsequent und gut genug für die Impfungen geworben hat. Mir hat da eine zielgruppengenaue Werbung, eine erkennbare Strategie gefehlt. Und: Als man im Spätsommer gesehen hat, dass die Impfquoten nicht erreicht werden, hätte man früher die Reissleine ziehen und über eine allgemeine Impfpflicht nachdenken müssen. Leider kamen halt auch die Wahlen dazwischen. Als FC Bayern-Fan (seit 1967!) hat mich sehr geärgert, dass sich ausgerechnet einer meiner Lieblingsspieler, Joshua Kimmich, als Impfskeptiker erwiesen hat und nicht nur dem Verein, sondern auch der ganzen Impfgeschichte einen Bärendienst erwiesen hat. Dass die Vereinsführung in Sachen Katar ein solch miserables Bild abgegeben hat, ärgerte mich ebenfalls.

Welche Lichtblicke hast du 2021 erlebt?
Ein Lichtblick war für mich meine Mitarbeit bei der Münchner Tafel. Corona führte dazu, dass ich dort endlich ab Januar die Zeit fand, mitzuarbeiten. Die Arbeit jeden Freitag finde ich wichtig, da ich wenigstens einen ganz kleinen Teil dazu beitragen kann, die Not von ein paar Handvoll Menschen ein wenig zu lindern. Die Arbeit macht zudem Spaß, weil an der Ausgabestelle der Isartalstrasse ein gutes, und ja, sogar lustiges Team zusammenarbeitet. Mein Sohn Emil war dort in der ersten Hälfte 2021 auch oft mit aktiv.

Wunderbar war die erste reguläre Tour-De-France-Disco nach eineinhalb Jahren Anfang Oktober im Muffatcafé. Von 22 bis 3 Uhr wurde dort durchgetanzt und alleine der Blick in die vielen glücklichen Gesichter liess mir das Herz aufgehen. Auch die erste After Work-Party mit meinem Partner Andrée Heikes im November in der Kongressbar war wunderbar.

Was erhoffst du dir vom Jahr 2022?
Ich hoffe, dass wir das Virus endlich einigermassen in den Griff bekommen und lernen damit zu leben, ohne dass das öffentliche Leben komplett lahmgelegt wird. Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen impfen lassen und dabei mithelfen.

Was erwartest du konkret von der neuen Bundesregierung?
Konsequenteres, weitsichtigeres Regieren, als die Vorgänger. Nicht nur ein Thema wie der Klimawandel, der uns in den nächsten Jahren beschäftigen wird, sondern zuerst auch in Sachen Corona. Ich bin eigentlich kein Fan einer allgemeinen Impfpflicht, aber 2021 hat gezeigt, dass es vermutlich leider nicht ohne gehen wird. Ich hoffe, die hier bremsende FDP springt über ihren Schatten und wird mitziehen. Dass wenigstens der nächste Herbst nicht wieder so ein Desaster wird.

Wann rechnest du wieder mit einer Rückkehr zur Normalität, zu Umständen wie vor Corona?
Mitte/Ende 2022, wenn wir wirklich eine Impfquote von 90 Prozent der Bevölkerung schaffen. Ob freiwillig oder über die Impfpflicht.

Interview: Rainer Germann/Alex Wulkow

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