Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”

Rüdiger Linhof: “Ich will sehen, dass endlich was vorwärts geht.“

Rüdiger Linhof
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Rüdiger Linhof

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Wir ziehen Bilanz und wagen einen Ausblick in Interviews mit einigen wichtigen Köpfen der Stadt. Heute an der Reihe: Rüdiger Linhof von Sportfreunde Stiller

Wenn man die Branchen miteinander vergleicht, so ist die Kultur von den Folgen der Corona-Pandemie sicherlich in besonderem Maße betroffen. Aktuell muss sich die Livemusik-Community, also sich Musiker, Veranstalter, Booker, Techniker, Stagehands, Caterer u.a. vor allem mit Konzertabsagen und -verschiebungen, strengen Einlasskontrollen u.v.a. herumschlagen. Wir haben Rüdiger Linhof (Sportfreunde Stiller), um einen persönlichen Jahresrückblick gebeten. 

Wie fällt deine persönliche Bilanz fürs Jahr 2021 privat und aus Unternehmersicht aus?
Das Jahr 2021 war fast so seltsam wie das davor. Unter Leuten zu sein fühlte sich ungewohnt und gleichzeitig befreiend an. Sehr schön war für mich der Neustart mit Peter und Flo. Wir können als etablierte Band in dieser „pandemischen Lage“ zumindest in Ansätzen planen. Die Hoffnung ist um einiges stärker als die Zweifel. Gleichzeitig macht es mich betroffen zu sehen wie es vielen unserer Kollegen geht, denen es inzwischen sehr schwer fällt noch irgendwie an den Erfolg ihrer Arbeit zu Glauben. Dieses Jahr ist genauso ambivalent wie das letzte und ich hoffe dass wir Künstler irgendwann einmal wieder einfach nur Arbeiten können. Die Sorge zu haben, dass irgendjemand den Aus-Knopf drückt und Kollegen nahezu ohne Hilfe in finanzieller Not dastehen legt schon einen Schatten über diese Zeit.

Weitere Beiträge zur Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”:

Holger Stromberg: “Ich glaube, Corona ist nur ein Vorgeschmack”, Christian Schottenhamel: “Gefühlt hat ‘trial and error’ die Verwaltung bestimmt”, Chris Lehner: “Ich hoffe auf eine Entspannung der Lage”, Danny Kufner: „Sich davon zu erholen wird eine anstrengende und langwierige Aufgabe“, Steffen Harning: “Habe die Zeit genutzt, um noch kreativer zu sein”, Jesper Munk: “Mehr Empathie.“, Daniel Lazak: “Wie ich ‘nen Moshpit vemisse...”, Philip Bradatsch: “Aber Hauptsache, die Baumärkte bleiben unter allen Umständen offen ...“, Niko Strnad: “Und ich vertraue auf die Einzigartigkeit des Erlebens von Livemusik-Konzerten!“, Tobi Ranzinger: “Der gechillte und respektvolle Umgang miteinander hat gelitten”, Mirca Lotz: “Ich rechne erstmal gar nicht sondern nehme es wie es kommt...“, Markus Naegele: “Die Freude am Leben eben nicht zu verlieren, klingt oft einfacher als es ist.“, Thomas Bohnet: “Dass wenigstens der nächste Herbst nicht wieder so ein Desaster wird.“

Was hat dich besonders genervt oder beeinträchtigt?
Mich hat das Gefühl angekotzt, dass sich die Kulturschaffenden in diesen Zeiten sehr einsichtig und solidarisch in die notwendigen Coronamaßnahmen fügen, gleichzeitig aber nicht die Unterstützung bekommen, die sie brauchen um zu Überleben. Es hängen viele Schicksale in der Luft, die einfach nicht wahrgenommen werden. Künstler sind laut auf der Bühne, sie leiden aber leise. Hört sich pathetisch an- ist aber die Realität. Es gibt da noch einen Kodex anständig sein zu wollen. Für die Demokratische Gesellschaft geht viel verloren wenn wir nicht wahrnehmen, dass da besser geholfen werden muss. Wir brauchen das freie Denken und Schaffen der Künstler für eine freie Gesellschaftsordnung.
 
Welche Lichtblicke hast du 2021 erlebt?
Die digitale Erweiterung der Zusammenarbeit ist für mich ein Lichtblick. Ich finde es super ganz viele Treffen von zu Hause „erledigen“ zu können. Auch treffe ich lustigerweise viel mehr Freunde als früher. Früher gab es nur die Kneipe. Heute gibt`s das „Digi“-Bier und oben drauf noch den Biergarten. Das Digi-Bier kann man sogar interkontinental trinken und dabei Spaß haben. Blöd nur, wenn man Freunde in Australien hat. Dann muss man halt schon am morgen einen heben. Okay, das war jetzt Spaß.
 
Was erhoffst du dir vom Jahr 2022?
Ich hoffe, dass die Kultur wieder in einem Maße stattfinden kann die den Künstlern in Deutschland und allen anderen Ländern gerecht wird. Leute sollen schön geimpft und getestet auf Festivals abhängen und das Leben wieder feiern können.
Ich hoffe, dass die Gesellschaft ihren Umgang mit Problemen besser und in größerem gemeinsamen Selbstverständnis angeht als in diesem Jahr. Das wir einen Umgang mit Themen wie Desinformation und Verweigerung von solidarischem Denken und Handeln finden. Das Teile der Gesellschaft wieder zurück zum wissenschaftlichen und faktenbasierten Konsens kommen. Ich hoffe so viel. Probleme erkennen und sie einig und solidarisch anzugehen, darin liegt wohl ein großer Teil meiner Hoffnungen.

Was erwartest du konkret von der neuen Bundesregierung?
Ich erwarte mir klares und bestimmtes Voranschreiten. Es ist Zeit zum Handeln. Themen wie z.b. der Klimawandel sind über Jahrzehnte diskutiert worden. Jetzt müssen Entscheidungen her. Dieses ständig unentschloßene Befühlen von längst tief ergründeten Themen wie Klimawandel, Rechtsradikalismus, soziale Ungleichheit, Desinformation, Digitalisierung. Ich will ich nicht mehr. Ich will sehen dass endlich was vorwärts geht. Entscheidet und geht konsequent voran. Die Zeit ist dafür gemacht. Bitte macht endlich!

Wann rechnest du wieder mit einer Rückkehr zur Normalität, zu Umständen wie vor Corona?
Sobald man die Mammutaufgabe gemeistert hat eine Infrastruktur zu schaffen, die in der Lage ist der gesamten Weltbevölkerung Impfungen zukommen zu lassen. Wie bei Pocken halt auch. Die erste Verbesserung der Situation wird Eintreten sobald sich die Menschen in diesem Land mit Schulkindern, Krankenhauspersonal, Künstlern solidarisch zeigen und sich Impfen lassen. 

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