Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”

Markus Naegele: “Die Freude am Leben eben nicht zu verlieren, klingt oft einfacher als es ist.“

Markus Naegele
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Markus Naegele

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Wir ziehen Bilanz und wagen einen Ausblick in Interviews mit einigen wichtigen Köpfen der Stadt. Heute an der Reihe: Verleger und Musiker Markus Naegele. 

Die Leute lesen zwar im Lockdown aber Bücher müssen auch promotet werden, am besten mit Lesungen. Markus Naegele ist Verlagsleiter bei Heyne Hardcore (Random House) und seine Lesereisen mit Stars wie Debbie Harry (Blondie) oder Billy Bragg fielen 2020 ins Wasser – Naegele hat trotzdem so einiges auf die Beine gestellt und durchgezogen, zu Beispiel einen großartigen Abend zu einer illustrierten David Bowie-Biografie im Ampere mit Jesper Munk und Kristof Hahn (Swans). Auch sein deutschsprachiges Musikprojekt Don Marco & die kleine Freiheit sorgte für mediale Aufmerksamkeit, das Debütalbum „Gehst du mit mir unter“ (Off Label Records) wurde Anfang 2021 veröffentlicht, nächstes Jahr folgt das Doppelalbum „Ewig und drei Tage“.

Wie fällt deine persönliche Bilanz fürs Jahr 2021 privat und aus Unternehmersicht aus?
Ein Jahr voller Ups and Downs. Los ging es voller Elan mit dem Debütalbum „Gehst du mit mir unter“ meines neuen Projekts Don Marco & die kleine Freiheit. Eine Streaming-Release-Show im Milla Club gab es, dann war erst mal alles zu, inklusive Plattenläden. Die Presse und Resonanz war total super, aber verpufft eben alles, wenn man nicht live spielen kann und die Platte in keinem Laden steht. Das hat sich das Jahr so durchgezogen: Immer wenn es so aussah, dass was geht, dass man was buchen kann, kam wieder ein Tiefschlag.

Beruflich nicht anders. Wir hatten bei Heyne Hardcore allerhand Lesereisen und Events geplant. Außer einer abgespeckten Frankfurter Buchmesse, einem kurzen John-Niven-Krimifest-Abstecher nach Österreich und einem Get-Together mit Verlagsleuten in Holland, spielte sich ein Großteil des Jahres im trauten Homeoffice ab. Meckern auf hohem Niveau, richtig befriedigend war es trotzdem nicht.

Weitere Beiträge zur Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”:

Holger Stromberg: “Ich glaube, Corona ist nur ein Vorgeschmack”, Christian Schottenhamel: “Gefühlt hat ‘trial and error’ die Verwaltung bestimmt”, Chris Lehner: “Ich hoffe auf eine Entspannung der Lage”, Danny Kufner: „Sich davon zu erholen wird eine anstrengende und langwierige Aufgabe“, Steffen Harning: “Habe die Zeit genutzt, um noch kreativer zu sein”, Jesper Munk: “Mehr Empathie.“, Daniel Lazak: “Wie ich ‘nen Moshpit vemisse...”, Philip Bradatsch: “Aber Hauptsache, die Baumärkte bleiben unter allen Umständen offen ...“, Niko Strnad: “Und ich vertraue auf die Einzigartigkeit des Erlebens von Livemusik-Konzerten!“, Rüdiger Linhof: “Ich will sehen dass endlich was vorwärts geht.“, Tobi Ranzinger: “Der gechillte und respektvolle Umgang miteinander hat gelitten”, Christian Kiesler: “Ich würde mir hier ein bisschen mehr Ehrlichkeit, Realismus, Reflexion und Fairness wünschen...“, Mirca Lotz: “Ich rechne erstmal gar nicht sondern nehme es wie es kommt...“, Thomas Bohnet: “Dass wenigstens der nächste Herbst nicht wieder so ein Desaster wird.“

Was hat dich besonders genervt oder beeinträchtigt?
Dieser ewige Schlingerkurs, ein Schritt vor und zwei zurück, das hat viele Nerven gekostet. Für die Pandemie kann keiner was, aber das Krisenmanagement war meines Erachtens eine ziemliche Katastrophe. Und für diese unsägliche Impfdebatte habe ich auch sehr wenig Verständnis. Viele meiner Freunde im Ausland können es schlichtweg nicht verstehen, dass Impfverweigerern hier so ein - auch medialer - Raum gegeben wird. Da ist kommunikativ unfassbar viel falsch gelaufen.

Welche Lichtblicke hast du 2021 erlebt?
Die Resonanz auf meine neuen deutschsprachigen Songs. Dann die Aufnahmen zum zweiten Album mit tollen Musikern aus Berlin und München. Es wird ein Doppelalbum mit dem Titel „Ewig und drei Tage“, was 2022 erscheinen wird, wieder bei off label records. Überhaupt Musikmachen. Und ich habe 2021 endlich meinen inneren Schweinhund besiegt und wieder konsequent Sport betrieben, Pilates und Boxen stehen jetzt auf dem Wochenplan, tut gut. Und dann gab es noch diese panierten Gambas von Moni, die sind unfassbar lecker. Ich habe mir irgendwann angewöhnt, jeden Tag ein kleines Glück zu erleben. Ein guter Song, eine leckere Brezn, ein lächelnder Briefträger. Die Freude am Leben eben nicht zu verlieren, klingt oft einfacher als es ist.

Was erhoffst du dir vom Jahr 2022?
Dass sich der Knoten endlich löst. Dass die Pandemie soweit unter Kontrolle gebracht werden kann, dass ein unbeschwertes Leben wieder möglich ist. Und sich die Stimmung insgesamt erholt, manche Gräben geschlossen werden können. Wir mit unseren Freunden wieder ungehemmt feiern und Pläne schmieden können. Und natürlich darf das neue Don-Marco-Album auch gerne als Meisterwerk in die Annalen der Musikgeschichte eingehen.

Was erwartest du konkret von der neuen Bundesregierung?
Klarheit, konsequentes Handeln, unbürokratische, schnelle Entscheidungen, gute Kommunikation. Das wäre schon mal ein Anfang. Und die bitte Kulturschaffenden nicht vergessen!

Wann rechnest du wieder mit einer Rückkehr zur Normalität, zu Umständen wie vor Corona?
Ich habe aufgehört, permanent zu hohe Erwartungen oder Hoffnungen zu haben, die dann immer wieder enttäuscht werden. Ich würde mir wünschen, dass im März die geplante Lesereise zum neuen Roman von Flo Weber stattfinden kann. Und auch, dass unser spanischer Autor Kiko Amat die Leipziger Buchmesse rockt. Ich glaube nicht, dass wir Corona so schnell komplett hinter uns lassen, es wäre aber schön, wenn mehr Szenarien diskutiert und durchgespielt würden, wie ein gesellschaftliches und auch kulturelles Leben trotz Pandemie aussehen könnte. Nur Lockdown und Lockerungen dürfen auf Dauer nicht die einzigen Optionen sein.

Interview: Rainer Germann / Alex Wulkow

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