Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”

Jesper Munk: “Mehr Empathie.“

Musiker Jesper Munk
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Jesper Munk

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Wir ziehen Bilanz und wagen einen Ausblick in Interviews mit einigen wichtigen Köpfen der Stadt. Heute an der Reihe: Jesper Munk, Musiker

Auch die Musikbranche hat es besonders schwer gebeutelt in der Corona-Krise: ein Lockdown folgte auf den anderen, Konzerte wurden verschoben. Jesper Munk überbrückte die Sommermonate mit Open Air-Soloshows, unter anderem zusammen mit der befreundeten Sängerin Alice Phoebe Lou in Dachau.

Der deutsch-dänische, in München geborene und seit sechs Jahren in Berlin lebende Sänger und Songwriter Jesper Munk legte eine steile Karriere hin. Vom BR als„ Blueswunderknabe“ entdeckt, wurde er nach einer Support-Tour für Eric Burdon landesweit bekannt. Bereits sein zweites Album „Claim“ nahm er zum Teil in den USA auf. 2015 zog er um nach Berlin, wo auch sein drittes Album „Favourite Stranger“ mit einer internationalen Band produziert wurde. Den Lockdown nutzte er, um erneut ins Studio zu gehen und mit der Cassette Head Band auf einer 8-Spurtapemaschine sein „Herzensprojekt“, ein Coveralbum (u.a. mit Songs von Tom Waits, Jacques Brel, Hank Williams) namens „Taped Heart Sounds“ aufzunehmen, das am 21. Januar 2022 erscheinen wird (aktuelle Singles „Baby“ und „Head In The Clouds“). Im April folgt dann eine deutschlandweite Tour, am 8. April gastiert Jesper Munk in der Muffathalle.

Wie fällt deine persönliche Bilanz fürs Jahr 2021 privat und aus Unternehmersicht aus?
Da meine Haupteinnahmequelle, wie bei den meisten Musikern in der Spotify-Ära, das Live-Geschäft ist, fiel das Jahr 2021 aus Unternehmersicht natürlich eher schlecht aus. Ich konnte trotzdem vergleichsweise viel spielen, vor allem Soloshows, was hauptsächlich der Courage der VeranstalterInnen, den verschiedenen Booking Agenturen, welche sich nie entmutigen ließen, und den inzwischen drei verschiedenen Projekten zu schulden ist, in denen ich spiele (“P.D.O.A.”, “Plattenbau” und eben als Jesper Munk). Privat habe ich angefangen mehr mit den Händen zu arbeiten, zu malen und mich etwas im Schauspiel umzusehen. Ich hatte wirklich viel Glück früher und hab aus meiner Sicht irgendeine Krise fast schon erwartet.

Weitere Beiträge zur Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”:

Holger Stromberg: “Ich glaube, Corona ist nur ein Vorgeschmack”, Christian Schottenhamel: “Gefühlt hat ‘trial and error’ die Verwaltung bestimmt”, Chris Lehner: “Ich hoffe auf eine Entspannung der Lage”, Danny Kufner: „Sich davon zu erholen wird eine anstrengende und langwierige Aufgabe“, Steffen Harning: “Habe die Zeit genutzt, um noch kreativer zu sein”, Daniel Lazak: “Wie ich ‘nen Moshpit vemisse...”, Philip Bradatsch: “Aber Hauptsache, die Baumärkte bleiben unter allen Umständen offen ...“, Niko Strnad: “Und ich vertraue auf die Einzigartigkeit des Erlebens von Livemusik-Konzerten!“, Rüdiger Linhof: “Ich will sehen dass endlich was vorwärts geht.“, Tobi Ranzinger: “Der gechillte und respektvolle Umgang miteinander hat gelitten”, Christian Kiesler: “Ich würde mir hier ein bisschen mehr Ehrlichkeit, Realismus, Reflexion und Fairness wünschen...“, Mirca Lotz: “Ich rechne erstmal gar nicht sondern nehme es wie es kommt...“, Markus Naegele: “Die Freude am Leben eben nicht zu verlieren, klingt oft einfacher als es ist.“, Thomas Bohnet: “Dass wenigstens der nächste Herbst nicht wieder so ein Desaster wird.“

Was hat dich besonders genervt oder beeinträchtigt?
Es ist traurig zu sehen, wie viele Sektoren der Kultur als nicht systemrelevant gelten, und als erstes geschlossen werden, lange vor Shopping Malls und Fußballstadien. Unsere Prioritäten scheinen irgendwo zwischen dem symbolischen und tatsächlichen day-trading zu liegen, weit weg von Bildung und Kultur. Am schlimmsten ist die Empathielosigkeit und Spaltung von Menschengruppen, die noch vor einem Jahr gemeinsam wichtige Ziele hatten: Klima, Klassismus, Rassismus, Sexismus etc.

Welche Lichtblicke hast du 2021 erlebt?
Musik, Ölfarben und Menschen. Zum Beispiel die überraschend erfolgreiche erste Tour mit Public Display Of Affection (P.D.O.A.) – in Clubs! Und natürlich die Aufnahmen zum neuen Album „Taped Heart Sounds“ mit der Cassette Head Band.

Was erhoffst du dir vom Jahr 2022?
Mehr Empathie.

Was erwartest du konkret von der neuen Bundesregierung?
Mit Sicherheit klingt das jetzt idealistisch, aber ich erwarte eine Umverteilung der Prioritäten und Ressourcen von den Großkonzernen zu den KleinunternehmerInnen (speziell nachhaltig denkenden), den einfachen Leuten und in den Kultursektor. Vor allem erwarte ich, dass Klimaschutz an erster Stelle stehen soll. 

Wann rechnest du wieder mit einer Rückkehr zur Normalität, zu Umständen wie vor Corona?
Versuche gerade nichts zu erwarten in dieser Richtung. Freu mich aber drauf!

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