Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”

Christian Kiesler: “Ich würde mir hier ein bisschen mehr Ehrlichkeit, Realismus, Reflexion und Fairness wünschen...“

Christian „Kiesi“ Kiesler
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Christian „Kiesi“ Kiesler

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Wir ziehen Bilanz und wagen einen Ausblick. Heute erzählt uns Christian „Kiesi“ Kiesler von Target Concerts, wie es ihm erging.  

Wenn man die Branchen miteinander vergleicht, so ist die Kultur von den Folgen der Corona-Pandemie sicherlich in besonderem Maße betroffen. Aktuell muss sich die Livemusik-Community, also sich Musiker, Veranstalter, Booker, Techniker, Stagehands, Caterer u.a. vor allem mit Konzertabsagen und -verschiebungen, strengen Einlasskontrollen u.v.a. herumschlagen. Wir haben Christian „Kiesi“ Kiesler (Target Concerts, Sommerbühne im Olympiastadion, Sound of Munich Now), um einen persönlichen Jahresrückblick gebeten.

We fällt deine persönliche Bilanz fürs Jahr 2021 privat und aus Unternehmersicht aus?
Ich glaube ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel gearbeitet wie in diesem Jahr, und parallel dazu habe ich auch noch nie so viel gelernt wie in diesem Jahr. Diese unglaublichen, und gefühlt auch unendlichen Krisenzeiten sind für mich eine extreme Herausforderung sowohl privat als auch beruflich. Beruflich ist seit zwei Jahren alles im Dauerausnahmezustand, und in schön regelmäßigen Abständen wird man immer mal wieder zurück auf Anfang gesetzt, das ist nervenzehrend und lässt einen auch immer mal wieder verzweifeln. Und auch wirtschaftlich ist das nach wie vor trotz aller Hilfen immer noch eine sehr bedrohliche Lage für alle Kulturschaffenden. 

Privat dreht sich fast alles um unseren zweijährigen Sohn, der gefühlt nichts anders kennt als Gesichter hinter FFP2 Masken. Ich hoffe sehr, dass wir seinen dritten Geburtstag endlich auch mit anderen Kindern feiern können. Aber, ich jammere auf sehr hohem Niveau, meine Familie und ich sind im Großen und Ganzen ziemlich gut durchs Jahr gekommen, und diese Krise lehrt mich vor allem: Geduld und Demut

Weitere Beiträge zur Interview-Reihe “Bilanz 2021 / Ausblick 2022”:

Holger Stromberg: “Ich glaube, Corona ist nur ein Vorgeschmack”, Christian Schottenhamel: “Gefühlt hat ‘trial and error’ die Verwaltung bestimmt”, Chris Lehner: “Ich hoffe auf eine Entspannung der Lage”, Danny Kufner: „Sich davon zu erholen wird eine anstrengende und langwierige Aufgabe“, Steffen Harning: “Habe die Zeit genutzt, um noch kreativer zu sein”, Jesper Munk: “Mehr Empathie.“, Daniel Lazak: “Wie ich ‘nen Moshpit vemisse...”, Philip Bradatsch: “Aber Hauptsache, die Baumärkte bleiben unter allen Umständen offen ...“, Niko Strnad: “Und ich vertraue auf die Einzigartigkeit des Erlebens von Livemusik-Konzerten!“, Rüdiger Linhof: “Ich will sehen dass endlich was vorwärts geht.“, Tobi Ranzinger: “Der gechillte und respektvolle Umgang miteinander hat gelitten”, Mirca Lotz: “Ich rechne erstmal gar nicht sondern nehme es wie es kommt...“, Markus Naegele: “Die Freude am Leben eben nicht zu verlieren, klingt oft einfacher als es ist.“, Thomas Bohnet: “Dass wenigstens der nächste Herbst nicht wieder so ein Desaster wird.“

Was hat dich besonders genervt oder beeinträchtigt?
Ich glaub was mich persönlich am meisten nervt, und das nicht nur weil es meine berufliche Existenz bedroht, ist dass wir als Kulturschaffende bzw. die Kultur an sich ständig als vermeintliche Pandemietreiber dargestellt werden, was einfach so nicht stimmt! Die meisten Kulturschaffenden tragen seit Beginn der Pandemie die Maßnahmen solidarisch mit. Mir ist völlig klar, dass wir uns, wenn es darum geht Kontakte zu reduzieren, als erstes solidarisch zeigen müssen! Aber es ist absolut unfair so zu tun, als wären wir der größte Pandemietreiber und müssten deswegen geschlossen werden, wie kürzlich von unserer Landesregierung verkündet. Ich würde mir hier ein bisschen mehr Ehrlichkeit, Realismus, Reflexion und Fairness wünschen, und vielleicht könnte man auf ein bisschen Populismus verzichten. Und ganz vielleicht würde das sogar dazu führen das mehr Leute die Maßnahmen mittragen würden. 

Welche Lichtblicke hast du 2021 erlebt? 
Da gab es wirklich einige, ich durfte zum Beispiel, wie in 2020 schon, zusammen mit meiner Kollegin Danny wieder eine Bühne ins Olympiastadion stellen und mit vielen sehr geschätzten Kollegen einige tolle Veranstaltungen umsetzen. Aber auch am restlichen Münchner Kultursommer durfte ich mitarbeiten, und es war eine Riesenfreude und Ehre mit so vielen tollen, enthusiastischen, solidarischen und kreativen Köpfen zusammen arbeiten zu dürfen. Ich bin sehr dankbar aber auch stolz darauf, zu diesem Kreis gehören zu dürfen. 

Die zweite „Sound Of Munich Now“-Videoedtion, war ein weiteres großes Highlight dieses Jahr, ein unfassbar cooles Team, und ein unglaublich schönes Ergebnis, und eine echte Bereicherung für die Lokale Popmusikszene, wie ich finde. Dann gibt’s da den unglaublichen Zusammenhalt mit meinen Kollegen bei Target, die für mich über diese gesamte Zeit eine riesige Stütze waren, auch wenn man mal wieder am Boden zerstört ist, weil wieder alles abgesagt werden muss. Und trotz aller Widrigkeiten, ist es eine unglaubliche Freude meinem kleinen Sohn beim wachsen, lernen und staunen zuzugucken, und ich bin extrem froh um diese tolle Erfahrung.

Was erhoffst du dir vom Jahr 2022? 
Ich hoffe, dass wir es in 2022 als Gesellschaft schaffen, auf Augenhöhe und respektvoll miteinander zu sprechen und zu leben!

Was erwartest du konkret von der neuen Bundesregierung?
Kiesi: Ich erhoffe mir einige grundlegende Richtungsänderungen, sei es beim Klimaschutz, beim gesellschaftlichen Miteinander, beim Umgang mit den Schwächsten unserer Gesellschaft aber auch im Umgang mit unser Kultur bzw. unseren Kulturen. 

Wann rechnest du wieder mit einer Rückkehr zur Normalität, zu Umständen wie vor Corona?
Das wäre reine Kaffeesatzleserei, ich hoffe bald.

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