Ortsgespräch

„Auf keinen Fall eine traditionelle Band“: The Notwist im Interview

Cico Beck, Micha und Markus Acher von The Notwist
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Sitzen die „Vertigo Days“ auf dem roten Sofa aus: Cico Beck, Micha und Markus Acher.

Ein Fenster in die Welt stoßen Markus und Micha Acher sowie Cico Beck von The Notwist mit dem neuen Album „Vertigo Days“ auf. Wieder haben sie sich neu erfunden. Wie schafft man das in Serie?

Gratulation zur neuen, schon länger erwarteten Platte. Warum dauert es denn eigentlich immer so lange, bis von Ihnen ein neues Studioalbum herauskommt?
Markus Acher: Uns wundert auch immer, dass es so lange dauert. Eigentlich wollen wir das gar nicht. Aber dann ist die Zeit doch immer so schnell vorbei. Es kommen halt immer viele Sachen dazwischen.

Eh klar.
Markus Acher: In diesem Fall waren es andere Platten, Live-Aufnahmen, Filme und bei uns allen auch andere Bands. Außerdem haben wir das Alien Disko-Festival gemacht. Das hat auch viel Arbeit und viel Zeit gekostet. Wir haben die Platte tatsächlich schon länger vor uns hergeschoben, weil über weite Strecken noch keine ganz konkrete Idee da war. Uns gibt es mittlerweile schon sehr lange. Und wir wollen nicht die gleiche Platte immer wieder machen.

Guter Witz!
Markus Acher: Es muss schon immer etwas sein, von dem wir denken: So eine Platte hatten wir noch nie aufgenommen. Es müssen dann Sachen sein, bei denen wir glauben: Es ist wichtig, sie zu veröffentlichen.

Wie kam’s dann nach sechs Jahren tatsächlich zum entscheidenden Ruck?
Markus Acher: Wir haben zunächst entschieden, dass wir viel improvisieren und das Material einfach mal ausprobieren. Schon rasch sammelten sich Ideen und Aufnahmen an. Als Corona und der Lockdown kam, konnten wir erst mal gar nichts mehr machen.

Warum?
Markus Acher: Wegen des Lockdowns. Und weil uns so viele andere Sachen beschäftigt haben. Man musste sich ja um so vieles kümmern, um durch die Zeit zu kommen. Als wir uns wieder treffen konnten, konnten wir das kreative Loch nutzen, all die Sachen, die wir schon länger aufgenommen hatten, zu editieren und auszusuchen. Irgendwann hat sich das gut angefühlt, und wir haben eine Idee dafür bekommen, wo die Richtung hingehen könnte. Nach und nach wurde das alles dann zur Platte.

Beim Rhythmus der jeweils neuen Studioplatten ergibt sich bei The Notwist immer wieder so ein Sechs-Jahre-Muster. Wer ist denn der Verantwortliche für die Zahlenmystik in der Band?
Micha Acher: Mit Zahlenmystik hat das nichts zu tun. Aber nach einer bestimmten Zeit möchte man einfach mal wieder eine neue Platte machen. Mit der alten ist ja auch oft lange genug auf Tour. Dann spielt man die Stücke rauf und runter – und irgendwann reicht’s dann. Und man braucht was Neues. Bei uns hat sich dieser Rhythmus allerdings wirklich seltsamerweise alle sechs, sieben Jahre eingependelt. Dann ist die Zeit reif – und wir machen neue Platten.

Ein bisschen unterschlägt das den ganz normalen Irrsinn dazwischen.
Micha Acher: Stimmt. In den sechs Jahren – bei all den anderen Bands – kommen gerne mal sechs oder sieben neue Platten zusammen. Und dazu die Filmmusik oder Arbeiten fürs Theater. Es passiert ja zum Glück immer wahnsinnig viel. Vielleicht vergeht deswegen die Zeit so schnell.

Sie halten ja die Arbeiten bewusst lange relativ offen und legen noch nicht allzu viel fest. Ab wann macht sich dann aber doch der Punkt bemerkbar, an dem man Songs fertig stellen und Entscheidungen treffen möchte?
Cico Beck: Das ist eine recht intuitive Geschichte. Irgendwann konkretisiert sich eben alles. Aber wir hatten keine strikte Deadline, die wir uns gesetzt hatten. Mit der Studiobuchung läuft ja mittlerweile vieles zum Glück deutlich einfacher als früher. Wir haben viel Material erst einmal selbst aufgenommen. Und wir konnten wieder mal bis zum Letzten an allen Songs rumbasteln und sie in Frage stellen. Es ist eine sehr gefühlige Entscheidung, wenn wir sagen: Jetzt ist die Platte fertig!

Wie groß ist die Gefahr, sich bei so einem Arbeitsprozess zu verzetteln?
Micha Acher: Das Sortieren erfolgt automatisch. Es gibt einfach Songs, die fallen über die Zeit hinweg wieder raus. Dann nerven bestimmte Parts, die man plötzlich nicht mehr haben will. Wenn man so lange sammelt, bleibt am Schluss wirklich nur das stehen, was uns gefällt. Und wir denken, dass man das Ergebnis sich dann lange anhören kann.

Der Stil, für den The Notwist steht, hat ja viel mit künstlerischen Kooperationen und Begegnungen zu tun. Nicht so leicht in diesen Tagen: Wie viele Kreuze haben Sie geschlagen, dass Sie die Arbeiten in Corona-Zeiten überhaupt abschließen konnten?
Markus Acher: Wir sind sehr froh, dass wir das geschafft haben. Andererseits haben die Bedingungen unserem Arbeitsstil teilweise sogar zugespielt.

Inwiefern?
Markus Acher: Die Gäste, die wir zum Mitmachen angefragt hatten, saßen ja auch alle im Lockdown. Und deswegen waren sie offenbar froh, was machen zu können und über die Arbeit mit uns auch mal auf andere Gedanken zu kommen. 

Sie haben ja diesmal mit Künstlern in Amerika, aber auch Saya von den Tenniscoats in Japan zusammengearbeitet. Da kann man dann in solchen Zeiten, in denen alle fast rund um die Uhr zuhause sind, auch mal zu fast jeder Uhrzeit ein Soundfile um die Welt schicken?
Markus Acher: Eins zu eins in Echtzeit ging das natürlich nicht ganz. Wir mussten schon ein wenig warten, bis wieder was zurückkam. Wir hatten uns entschlossen, unsere Routinen aufzubrechen.

Wie muss man das verstehen?
Markus Acher: Wir haben den Künstlern diesmal alle Freiheiten gelassen. Sie konnten sogar den Gesangspart übernehmen. Wir haben einfach Sachen losgeschickt und dann gespannt gewartet, was da wohl zurückkommen würde. Da wir große Fans sind, waren wir uns sicher, dass uns die Antworten gefallen würden. Es hat dann auch alles so gepasst. Wir konnten alles so hernehmen, wie wir die Beiträge erhalten haben und mussten nicht viel ändern. Das war für uns eine Chance, uns anders zu sehen.

Wie meinen Sie das genau?
Markus Acher: Es war spannend, uns zu fragen: Ist das noch The Notwist, wenn jemand anderes singt? Oder wenn eine typische Gitarre, Bläser oder Elektronik nicht mehr dabei sind?

Und?
Markus Acher: Für uns ist das aufgegangen. Juana Molina in Argentinien hatten wir etwa Loops geschickt, aus denen wir normalerweise einen Song gemacht hätten. Sie hat sie dann ganz anders arrangiert und uns zurückgeschickt. Und das hat gepasst. So etwas hat uns extrem viel Inspiration gegeben. Auch bei den Stücken, die wir ohne Gäste gemacht haben, halfen uns diese Ideen, sie noch mal ganz anders zu hören.

Man könnte ja auch territorial rumspießern und sich mit der müßigen Frage rumschlagen, wo eine Band dann überhaupt noch anfängt oder wo sie aufhört.
Micha Acher: Das ist genau das, was wir wollen. Wir wollen auf keinen Fall eine traditionelle Band sein. Wir lieben seit jeher Künstler, die alles Hergebrachte hinterfragen und sich immer wieder neu erfinden oder anders arrangieren.

Sympathischer Zug.
Markus Acher: Je mehr wir uns durch solche Schlenker von uns selbst entfernten, desto mehr konnten wir dann auch wieder wir selber sein. Wir haben uns wieder gefunden, wie wir eigentlich klingen wollen. Von der Idee des einsamen Eigenbrödlers, der genialisch alles aus sich selbst erschafft, halte ich ohnehin nichts. Jeder klaut sich doch alles zusammen und bastelt sich daraus etwas Neues. Jede unserer Platten speist sich aus ganz vielen Inspirationen und Ideen. Und wir sind große Fans anderer Künstler und unserer Freunde. Wir wollten sie diesmal alle einladen, in unsere Musik einzugreifen und damit dann transparent zu machen, wer eigentlich noch alles mitspielt, wenn The Notwist spielt.

Interview: Rupert Sommer

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