Kinotipp

„Fabian oder der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf

Filmtipp: Fabian oder Der Gang vor die Hunde
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Fabian oder Der Gang vor die Hunde

Dominik Graf hat aus Erich Kästners 1931 erschienenen Roman „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ eine epische 3-Stunden-Verfilmung gemacht... Sehenswert!

Berlin gegen Ende der Weimarer Republik. Die Stadt brodelt, das Leben oszilliert zwischen Vergnügungssucht und Resignation, in der Gesellschaft gärt es. Kriegstraumata, Arbeitslosigkeit, Depression und Sehnsucht nach Liebe. Jakob Fabian (Tom Schilling) arbeitet eher erfolglos in der Werbeabteilung eines Zigarettenherstellers.

Der Germanist will eigentlich Schriftsteller werden. Stattdessen schreibt er Zigarettenreklame. Nicht zuletzt deshalb hadert er mit sich selbst. Seine Nächte sind chaotisch. Und sie spucken ihn am Morgen wieder vor seinem möblierten Zimmer in der Schaperstraße aus. Eines Abends trifft er im Berliner Nachtleben die selbstbewusste Cornelia von Battenberg (Saskia Rosendahl): Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, und von zwei Männern wurde ich stehen gelassen. Stehen gelassen wie ein Schirm, den man absichtlich irgendwo vergisst“.

„Stört Sie meine Offenheit?“, will die junge Frau von ihm wissen. Für Fabian ist sie die Liebe seines Lebens. Er fühlt sich herausgefordert. Gemeinsam mit ihr und seinem reichen Freund Labude (Albrecht Schuch) stürzen sich die drei in die letzten Jahre der Weimarer Republik. Der Millionärssohn und Kommunist Labude träumt von einer Revolution der Klassen. Fabians zerbrechliche Liebesgeschichte bekommt freilich bald Risse. Als Justiziarin einer Filmproduktionsfirma lässt sich Cornelia von Filmproduzent Markart (Aljoscha Stadelmann) umgarnen.

Er lockt sie mit dem Versprechen einer Karriere als Schauspielerin. Dem arbeitslosen Fabian versucht sie das Ganze als Existenzsicherung zu verkaufen. Der gebürtige Ostberliner Tom Schilling überzeugt als Fabian in jeder Minute. Verletzlich, abgeklärt, mit einer Neugier aufs Leben, aber gleichzeitig von Zweifeln geplagt. Mühelos knüpft der 39jährige an seine Paraderolle in der Tragikomödie „Oh Boy“ an. Schilling verkörpert Fabian mit beeindruckender Präsenz. Ein Moralist, dessen angestammter Platz der verlorene Posten ist und dessen Wahlspruch „Dennoch“ heißt.

Der engagierte Regisseur Dominik Graf spielt gern nach eigenen Regeln. Das beweist seine Adaption von Erich Kästners 1931 erschienenem Berlin-Roman. Sein meisterhaftes dreistündiges Sittengemälde der Weimarer Republik fasziniert nicht zuletzt mit atemlosem Formalismus. Historische Archivaufnahmen und Split-Screen-Bilder treffen auf schnell geschnittene Szenen, gedreht mit perfekt bewegter Kamera. Der vielfache Grimme-Preisträger Graf und sein Kameramann Hanno Lentz verführen mit unerwarteten Nahaufnahmen und fiebrigen Bildern, die zwischen Stummfilmästhetik und klassischen Dialogszenen wechseln.

Die Geschichte eines Moralisten, der auf den Sieg der Anständigen wartet, an den er selbst nicht mehr glaubt, schlägt geschickt Brücken zur Gegenwart. Voller Energie, mit emotionaler Kraft zeigt Graf den Klassiker der deutschen Literatur als scharfsinnige Avantgarde. Dem „Völkischen Beobachter“ galt Erich Kästners „Fabian“ als „Sudelroman“. Als die Bücher brannten auf dem Berliner Opernplatz, da brannte „Fabian“ ganz obenauf. Das Schlussbild erinnert daran.

Autorin: Luitgard Koch

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