Ortsgespräch

Schauspielerin Saskia Rosendahl im Interview: "Plan B: Hebamme"

Spielte schon zweimal in Oscar-Filmen mit und fühlt sich in München pudelwohl

Ihr Film „Mein Ende. Dein Anfang.“ wurde an der Isar gedreht. SASKIA ROSENDAHL ist ein großer München-Fan.

Sie war noch Schülerin, als sie beidem deutschsprachigen Antikriegsfilm „Lore“ mitspielte, der prompt – als Einreichung Australiens – für den Oscar als „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert wurde. Bei der Verleihung in Hollywood war Saskia Rosendahl, mittlerweile 26 Jahre alt und Senkrechtstarterin der Kinoszene, natürlich mit vor Ort. So richtig wohl gefühlt hatte sie sich im Rampenlicht allerdings lange nicht. 

Eher schon in München, wo sie das anspruchsvolle, sehr sehenswerte Liebesdrama „Mein Ende. Dein Anfang.“ (Kinostart. 28. November) drehte, sich im Filmfest im Sommer feiern ließ, und immer wieder Dolce Vita im Englischen Garten und an der Isar genoss.

Frau Rosendahl, in Ihrem Film geht es viel um scheinbare Unausweichlichkeiten und schicksalhafte Momente. In wie weit glauben Sie denn selbst an solche Zufälle?
Ich habe das für mich selbst noch nicht so recht entschieden, ob ich mehr an Zufall glaube oder daran, dass alles vorherbestimmt ist beziehungsweise inwieweit wir eine Entscheidungskraft in unserem Leben haben. In der Arbeit mit dem Film habe ich gemerkt, dass ich ein sehr lineares Zeitdenken habe. Das hatte ich bisher noch kaum hinterfragt. Unser Film gibt da in jedem Fall Anreize zum Nachdenken.

Kann man wohl sagen.
Es ist ein Gedankenspiel. Aber dadurch, dass man die Wahrheit vermutlich eh nicht herausfinden kann, finde ich es gut, dass sich jeder, was die Frage der Zufälle im Leben angeht, das heraussuchen kann, womit er glücklich ist. Ich tendiere schon dazu, dass ich immer lieber einen Grund dafür finde, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Auch wenn ich den jetzt vielleicht noch nicht kenne.

Von Halle nach Hollywood. Saskia Rosendahl stammt aus einem kleinen Ort in der Nähe von Halle an der Saale und begann schon zu Schulzeiten mit dem Theaterspielen. Gleich zwei ihrer Filme, „Lore“ und Florian Henckel von Donnersmarcks Künstlerdrama „Werk ohne Autor“, wurden für Oscars nominiert. Eine Senkrechtstarter-Karriere, könnte man meinen. Doch die 26-Jährige haderte länger mit der Schauspielerei und wäre eigentlich auch ganz gern Hebamme geworden.

Alle Menschen, die in der Früh aufstehen und sich dann verschlafen nach und nach in den Tag schleppen, wissen nur zu gut was ein „lineares Zeitempfinden“ sein soll. Ihr neuer Film erschüttert das Denken, dass eins auf das andere folgt, ja schon recht stark.
Ich mag das sehr, dass er mit den Zeitebenen spielt. Das macht den Film besonders, weil dadurch jeder Zuschauer ihn ganz anders sehen kann. Man muss die Dinge erkennen, einordnen und sich manchmal selbst einen Reim auf das Gesehene machen. Für Nora, die ich spiele, ist alles im Leben Chaos und passiert einfach. Damit arrangiert sie sich aber.

Der Film findet auf große Fragen ja oft charmant einfache Bilder. Etwa einen Geschirrschrank, aus dem die Teller und Tassen wie in derselben Einstellung mal geordnet aufgereiht und dann hinausgefallen sind. Nerds dürften da schnell an das berühmte Experiment mit „Schrödingers Katze“ denken.
„Schrödingers Schrank“ ist ein Bild, das mir gut gefallen hat: Er ist für mich ein Symbol dafür, dass für Nora mit dem Tod von Aron die Zeit stehengeblieben ist.

Abgeschlossen ist die Vergangenheit im Film ja nie, immer wieder tauchen schöne Erinnerungsfetzen auf. Allerdings ist nicht immer ganz klar, was davon stimmt oder was vielleicht sogar eine Selbsttäuschung ist. Kennen Sie das eigentlich selbst, dass man manchmal den eigenen Erinnerungen gar nicht so genau trauen kann?
Jedem spielt das eigene Gedächtnis doch Streiche. Ich habe sogar ab und zu eine ganz konkrete Angst, was meine Erinnerungen angeht.

Welche denn?
Ich fürchte mich vor dem Moment, wenn ich mal von der Polizei befragt werden sollte, um zum Beispiel eine Zeugenaussage zu machen. Ich glaube nämlich, dass meine Erinnerung das gut verbauen könnte, wenn ich schildern müsste, was nacheinander wann passiert ist oder wie genau jemand aussah.

In Ihrem Leben hat sich ja schon enorm viel getan – mit ganz großen Filmrollen. Hätten Sie das jemals so vorhergesehen?
Überhaupt nicht. Ich habe mich stark von dem treiben lassen, was so passiert ist. Nach der Schule wusste ich nicht, was ich konkret machen möchte. Immer wenn ich mir kurz mal was überlegt hatte, kam wieder ein Film rein, den ich natürlich gern drehen wollte. So ging’s bisher immer weiter.

Ein Glücksfall.
Na klar, dafür bin ich auch dankbar. Ich bin jetzt seit knapp acht Jahren Schauspielerin. Das ist jetzt endlich ein längerer Zeitraum, den ich überblicken und absehen kann, was das wohl langfristig mit meinem Leben machen wird. Sehr spannend. Vor ungefähr drei Jahren erst, habe ich mich bewusst für die Schauspielerei entschieden. 

Haben Sie tatsächlich so lang mit sich gerungen?
Irgendwie schon. Als ich in Los Angeles bei der Oscar-Verleihung stand, mus - ste ich mich selbst kneifen und mir sagen: Was, wenn ich das der 15-jährigen Saskia erzählt hätte? Die hätte mir das doch nie geglaubt!

Wenn man Sie nachts wecken und fragen würde, würden Sie aber nach all diesen Erlebnissen jetzt schon voller Überzeugung sagen: Ich bin Schauspielerin, oder?
Mittlerweile schon. Vor ein paar Jahren habe ich das wirklich geübt, das zu sagen. Ich lebe ja jetzt von dem Beruf und drehe auch die meiste Zeit. Obwohl ich oft noch ein komisches Gefühl dabei habe, weil ich es selbst nicht so richtig glauben kann.

Sie hatte ja schon mal von einem eher ungewöhnlichen Plan B erzählt: Hebamme zu werden. Wie kam’s dazu?
Es ist ein unglaublich schöner Beruf. Irgendwann habe ich mal eines meiner Poesiealben aus der Grundschulzeit aufgeschlagen. Da stand das auch schon als Berufswunsch drin. Später hat dann eine Freundin von mir ein Kind gekriegt, und ich war sehr nah dabei. Danach habe ich mit Praktika angefangen.

Ernsthaft?
Ja klar. Für mich ist die Arbeit einer Hebamme etwas so Wahres und so Erdendes, bei der ich nie in Frage stellen muss, warum ich das gerade mache. Für mich macht das einfach Sinn. Wenn ich irgendwann mal ein Kind bekomme, möchte ich selbst entscheiden können, wie alles vonstatten geht. Ich finde Hebamme bzw. Geburtshelfer ist ein sehr wichtiger Beruf, der Frauen zur selbstbestimmten Geburt hilft. Ich bin mir aber auch klar, dass ich das nur ganz oder gar nicht machen könnte. Jetzt stecke ich im Film – und stecke dort auch gerne.

Haben Sie denn auch tatsächlich schon mal eine Geburt begleitet?
Ich war als Praktikantin hauptsächlich in der Vor- und Nachsorge rund um die Geburten dabei. Aber in Uganda habe ich auch schon mal auf einer Geburtenstation ausgeholfen und war auch bei Geburten dabei.

Wie kamen Sie denn nach Uganda?
Eine Freundin von mir war dort für ein Jahr. Als sie später wieder zu Besuch nach Uganda geflogen ist, habe ich die Gelegenheit genutzt mitzureisen. Eine andere Freundin hatte dort dann schon für das Rote Kreuz einige Zeit auf der Geburtenstation gearbeitet. Klingt vielleicht komisch: Aber wenn man dort weiß ist und im Krankenhaus rumspaziert, wird man automatisch als Ärztin wahrgenommen. Sehr skurril. Aber ich hatte das Glück, dass man mir in Uganda sehr viel zeigte.

Sie haben ja unlängst erst wieder für „Fabian“ gedreht, sind ständig unterwegs. Wo ist denn für Sie eigentlich zuhause derzeit?
Mittlerweile sage ich: Berlin ist mein Zuhause. Aus dem einfachen Grund, weil da mein Bett steht. Die Stadt selbst macht’s mir nicht ganz so leicht, mich dort heimisch zu fühlen.

Wirklich? Wer jung ist, muss doch angeblich in Berlin sein.
Ich komme aus einer kleineren Stadt. Mein Rhythmus ist einfach anders. Ich schätze es zum Beispiel sehr, überall in zehn Minuten mit dem Fahrrad zu sein. Zu Berlin habe ich mittlerweile eine Art Hassliebe entwickelt.

Dann hat München ja eine reelle Chance bei Ihnen. Ihr Film spielt ja dort, auch wenn keine ikonischen Merkmale zu sehen sind.
Ich habe mich in München sehr wohl gefühlt. Wir haben vor eineinhalb Jahren gedreht, als die Stimmung in der Stadt fast nahtlos innerhalb von wenigen Tagen vom Winter in den Sommer überging. Alles war plötzlich so schön grün. Ich habe meine Zeit in München sehr genossen. Dort hinziehen würde ich dennoch eher nicht.

Kommt man denn auch zum Leben in der Stadt?
Durchaus. Ich hatte damals eine kleine Wohnung gestellt bekommen. 

Nicht nur aus dem Koffer im Hotel?
Damals zum Glück nicht. Ich liebe es, wenn ich mir selber Essen machen kann. Ich hatte ab und zu frei und war viel unterwegs. Sobald ich in München bin, zieht es mich in den Englischen Garten oder an die Isar. Weil dort die Menschen in der warmen Zeit einfach so in den Fluss springen. München ist – im Gegensatz zu Berlin – einfach sauber. Das gefällt mir, weil es mir zeigt, dass man hier auf die Umwelt – und auf seine Mitmenschen – achtet.

Interview: Rupert Sommer

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