Filmtipp

„Wanda, mein Wunder“ von Bettina Oberli

„Wanda, mein Wunder“ von Bettina Oberli
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„Wanda, mein Wunder“ von Bettina Oberli

Bettina Oberli hat mit „Wanda, mein Wunder“ einen Film geschaffen, der gut unterhält und zwischenmenschliche Konflikte ins Visier nimmt und klärt.

Von den Balkonen herab applaudierten die Leute dem medizinischen Personal während der Corona-Pandemie. Kaum jemand dachte dabei an Frauen aus Osteuropa, die in Privathaushalten ältere Menschen pflegen. Wenn sie in der Heimat eine eigene Familie haben, macht das ihren Spagat nicht leichter. Die Schweizer Regisseurin Bettina Oberli entspinnt vor diesem Hintergrund eine fulminante Tragikomödie. Geschickt hält sie die Balance zwischen Drama und Witz, Milieustudie und Absurdität.

Rund um die Uhr versorgt Wanda (Agnieszka Grochowska), in einer Villa am Zürichsee den von einem Schlaganfall getroffenen Hausherrn Josef (André Jung). In Polen warten auf die Alleinerziehende ihre zwei Söhne. Der bettlägrige Unternehmer nennt sie „mein Wunder“. Und nimmt ihre Dienste umfassender in Anspruch, als seine Angehörigen ahnen. Die erleben bald ihr blaues Wunder. Blau wie die Banknoten, die der Dankbare Wanda für ihren sexuellen Zusatzservice zusteckt. Als der Hund seiner Frau den Teppich voll pinkelt und Josef mault, man sollte den inkontinenten Köter endlich einschläfern, antwortet ihm seine noble Gattin Elsa (Marthe Keller) nur: „Dich schläfern wir doch auch nicht ein.“ Soviel zur Ehe der Wegmeister- Gloors.

Die weiteren Familienbande sind kaum erquicklicher: „Überlass mich nicht diesen Verrückten“, fleht Josef seine Wanda an, als er die Angehörigen zur Feier seines siebzigsten Geburtstags erwartet. Welche emotionale Zeitbombe eine Familienfeier für Patriarchen sein kann, wissen Kinofans spätestens seit Thomas Vinterbergs kultigem Dogma-Film „Das Fest“. Und auch bei den Wegmeister-Gloors herrscht Bombenstimmung: Josefs Tochter Sophie (Birgit Minichmayr), die sich gegenüber der Pflegekraft so herablassend aufführt wie eine koloniale Großgrundbesitzerin, findet bei ihr fette Geldscheine. Sofort verdächtigt sie die polnische Pflegerin des Diebstahls. Womit sich Wanda das verdient hat, kann Josef nicht zugeben. Er rettet sich mit der Notlüge, ihren Eltern damit eine Milchkuh zu stiften.

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Wanda freilich hat genug von dieser Familie. Sie reist ab Richtung Heimat und verkündet, nie mehr wiederzukommen. Drei Monate später tut sie es doch. Sie teilt Josef mit, dass sie schwanger sei. Dreimal darf man raten, von wem. So freudig der Erzeuger, der sich für unfruchtbar gehalten hat, die Aussicht auf späte Vaterschaft aufnimmt, so empört reagiert der Rest des Clans. Doch das Problem lässt sich nicht unter den Teppich kehren. Die Selbstdemontage einer dünkelhaften Baustoffdynastie beginnt. Fassaden fallen, schmutzige Wäsche wird gewaschen. Die von unerfülltem Kinderwunsch beseelte Sophie und ihr Notar-Gatte Manfred (Anatole Taubman) glauben schließlich einen Kompromiss zu finden, der alle das Gesicht wahren lässt.

Die einstige Hilfskraft darf nun mit der feinen Gesellschaft tafeln, für die sie plötzlich sichtbar ist. Max Frischs Bonmot : „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“ klingt an. Doch zum Glück mündet die Comédie humaine nicht im billigen Opfer-Täter-Schema. Denn die starke Darstellercrew schafft Figuren voller Leben.

Autor: Luitgard Koch

Wanda, mein Wunder startet am 06.01.2022.
Ein Film von Bettina Oberli. Mit Agnieszka Grochowska, Marthe Keller, André Jung, Birgit Minichmayr, Jacob Matschenz und Anatole Taubman u.a..

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