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In den Mühlen der Justiz: „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ von Andreas Dresen

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Von: Andreas Platz

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush
Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush © Andreas Höfer / Pandora Film

Die Geschichte von Murat Kurnaz, laut Boulevardpresse „Bremer Taliban“, ist hinlänglich bekannt – nicht zuletzt durch Stefan Schallers Spielfilm „Fünf Jahre Leben“ (2013), der auf den gleichnamigen Erinnerungen von Kurnaz basiert.

Mit seinen zwei jüngeren Brüdern und den Eltern lebte der türkische Staatsbürger in der Hansestadt. Ende 2001 flog er nach Karatschi, um sich – so gab er zu Protokoll – in einer Koranschule auf seine arrangierte Ehe vorzubereiten, die er im Sommer in der Türkei geschlossen hatte.

Im Nachhall der Terroranschläge von 9/11 geriet er in Pakistan ins Visier der Geheimdienste. Die US-Behörden schenkten den Ausführungen bezüglich seiner Reise keinen Glauben, vermuteten eher, dass er sich vor Ort zum IS-Kämpfer hatte ausbilden lassen wollen. Schließlich hatte er in Bremen die unter Beobachtung stehende Abu Bakr Moschee besucht und sich einen verdächtigen Bart wachsen lassen. Grund genug, den jungen Mann zu verhaften und im Straflager Guantanamo auf Kuba zu inhaftieren.

So weit die Fakten. Wobei sich Andreas Dresen in Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush für die politischen Aspekte der Story und Murats Gesinnung nur am Rande interessiert. Sein Augenmerk gilt Mutter Rabiye, die wie eine Löwin um Murat kämpft, fest an dessen Unschuld glaubt. Wie ein Kugelblitz fegt sie, ewig optimistisch, durch den Alltag. Hämmert an dessen Tür: „Murat, is’ schon Mittag! Murat, steh auf! Sonst schneid ich dir den Bart ab...“ Da hat man den Sohn – wie der Verfassungsschutz weiß – längst verschleppt. Was sie zu ihrem Mitstreiter, dem Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke führt.

Aus dem Blickwinkel des „odd couple“ schildert das Drehbuch von Laila Stieler („Die Polizistin“) – sie wurde hierfür auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären prämiert – die Ereignisse, die schließlich zur Freilassung Murats führten. Ein Spießrutenlauf auf beiden Seiten des Atlantiks. Ein perfides Ränkespiel, bei dem die damalige grün-rote Regierung eine maßgebliche Rolle spielte und sich wenig demokratisch zeigte. Ganz abgesehen davon – das verrät der Abspann –, dass Murat Kurnaz bis heute ob seiner gesetzeswidrigen Verhaftung und der erlittenen Folter auf eine offizielle Entschuldigung wartet.

Perfekt füllen die Comedienne Meltem Kaptan, in Berlin ebenfalls für ihre Leistung ausgezeichnet, und Alexander Scheer, der schon als „Gundermann“ überzeugte, ihre Rollen. Sie ist das Herz, er das Gehirn. Sie die quirlige, selbstbe - wusste Glucke, die sich selbst im Gerichtssaal fragt, ob ihre Frisur sitzt, oder aufdringliche Journalisten, die ihre Schneeglöckchen zertrampeln, streng zurechtweist. Er der reservierte Hanseat, beschlagen in den Untiefen der Paragraphen, ausgestattet mit trockenem Humor.

Einmal mehr erweist sich Dresen als Meister der Figurenzeichnung. Als empathischer Menschenfreund, der sich seinen Helden mit Einfühlsamkeit und Wärme nähert. Sein gradlinig, mit leichter Hand inszeniertes Drama mutet streckenweise komödiantisch an. Großartig hat er es verstanden, die juristischen Spitzfindigkeiten zu erklären. Vielleicht weil er selbst als Verfassungsrichter in Brandenburg tätig ist. Da passt, dass er sich einen kurzen, stummen Auftritt als Richter am Supreme Court gönnt. (Seit 28.04. im Kino)

Autor: Gebhard Hölzl

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